Rapsernte in Ostrau Rapsernte in Ostrau: Retten, was zu retten ist

Ostrau - Björn Stahr steht am Feldrand und blickt zum rot gefärbten Himmel. Vor ihm drehen drei Mähdrescher ihre Runden. Die haben seine volle Aufmerksamkeit - nicht etwa der Sonnenuntergang. Stahr wirkt angespannt. Es gilt zu retten, was zu retten ist. Denn mit der Trockenheit im Frühjahr kamen die ersten Sorgen, die Unwetter nach den heißen Tagen haben noch einen drauf gesetzt. Viele Getreide-Pflanzen sind zerstört. Pro Hektar hat er an manchen Stellen mehr als zwei Tonnen Verlust.
Was reif ist, muss jetzt ab - da spielt die Tageszeit keine Rolle. Wird das Getreide überreif, verliert es an Qualität – regnet es zu sehr, muss es erst wieder trocknen. Sonst würde es im Lager schimmeln. Außer bei schlechtem Wetter wird deshalb sieben Tage pro Woche geerntet. „Das ist für die Mitarbeiter extrem. An Urlaub ist nur im Winter zu denken.“ Wenn sein Vater am 28. Oktober Geburtstag feiert, will er mit der Ernte fertig sein.
Stahr ist seit kurz nach sechs Uhr auf den Beinen. An Tagen wie diesen fährt der 39 Jahre alte Landwirt der Ostrauer Agrar GmbH um die 300 Kilometer zwischen seinen Feldern hin und her. Die reichen von Mösthinsdorf bis Trotha. Er muss seine 30 Mitarbeiter koordinieren und die Ernte organisieren. Denn parallel dazu stehen schon weitere Arbeiten auf den Feldern an. Stoppelbearbeitung und Bodenpflege. Aber es wird auch schon wieder ausgesät.
Erschwerte Arbeitsbedingungen
Als die Sonne fast am Horizont verschwunden ist, holt Stahr sein Handy aus der Hosentasche. Er schaut auf die Uhr. Einer Wetter-App zufolge soll die Sonne heute um 20.52 Uhr untergehen. Noch fünf Minuten also bis es dunkel ist. Stahr blickt zu den drei Mähdreschern auf dem Feld vor ihm. Sie haben bereits ihr Flutlicht angemacht. „Jetzt wird es schwierig für die Fahrer“, sagt er. Neben der eintretenden Dunkelheit erschwert massenhaft aufgewirbelter Staub die Sicht. Hinzu kommen die Nebelschwaden, die sich langsam über den Äckern verteilen. Und damit kommt die Feuchtigkeit.
Heute vermutet Stahr, dass gegen halb elf Feierabend sein könnte. Das ist im Vergleich zum Vorjahr früh. Da wurde auch noch um Mitternacht Getreide eingefahren. „Letztes Jahr hatten wir Rekord-Erträge. Davon träumen wir gerade.“ Die Weizen-Ernte fällt katastrophal aus und der Rest sei unterdurchschnittlich. Fehlender Niederschlag und Unwetter seien daran Schuld. „Statt etwa siebeneinhalb Tonnen kratzen wir an fünf Tonnen Getreide pro Hektar.“
Per Joystick den Drescher bedienen
Für Zahlen hat Stahr ein Faible. Deswegen verbringt er mittlerweile mehr Zeit im Büro statt im Mähdrescher. Das er überhaupt in das Unternehmen seines Vaters Eberhard einstieg, ist eher Zufall. Denn eigentlich galt seine Liebe eher dem Fußball als dem Getreide. Doch während seines Studiums in Halle hat er wegen personeller Engpässe in der Landwirtschaft ausgeholfen. 2013 übernahm er den Bereich des Ackerbaus.
Doch damit nicht genug. Der Vater von Zwillingen macht zusätzlich ein Fernstudium in Agrarmanagement und besucht Fortbildungen - weil für den Agrar-Sektor ständig neue Technologien entwickelt werden. „Irgendwann steuern wir per Joystick vom Büro aus die Drescher“, vermutet der Landwirt mit Blick auf neu Entwicklungen. Auch wenn er die Maschinen schon jetzt für ein technisches Wunderwerk hält: „Der Fahrer sitzt eigentlich in einem fahrenden, klimatisierten Wohnzimmer in dem fast alles automatisch abläuft.“ Die Maschinen haben automatische Lenksysteme und fahren auf ein bis zwei Zentimeter genau. Dank eines Lasers fährt die Maschine exakt entlang der bereits abgeernteten Schnittkante des Feldes. Kein Zentimeter wird verschenkt. Währenddessen können sich die Fahrer auf die Geräusche im Drescher konzentrieren.
350 Tonnen Raps
Die Wunderwerke haben aber auch einen stolzen Preis. Stahr schätzt den Wert der drei Drescher auf dem Feld auf gut eine Million Euro, die sich natürlich nicht von heute auf morgen finanzieren lässt. Doch so kann effektiver gearbeitet werden. Jeder Drescher fasst etwa sieben Tonnen Getreide. Ein weitere Maschine sammelt das Korn auf dem Feld ein und bringt es zu einem Fahrzeug am Feldrand, wo Stahr steht. 350 Tonnen Raps waren es allein an diesem Tag. Wenn der durch ist, ist das Mais dran. (mz)

