Querelen im Stadtsingechor
Halle/MZ. - "Seit September herrscht im Chor absolutes Chaos. Es konnten keine regelmäßigen Proben durchgeführt werden und es mussten sogar Konzerte abgesagt werden", protestierten die Sänger auf Flugblättern nach einer Motette in der Marktkirche am Wochenende, die ohne Wolter aufgeführt wurde. Wolter legte Anfang der Woche eine Krankmeldung vor. Jetzt leitet Assistent Gunter Burzynski vorübergehend die Proben.
Damit gehen die Querelen um den Stadtsingechor nach dem Weggang des bisherigen Leiters Gothart Stier in eine neue Runde. Mehrere Nachfolge-Kandidaten hatten abgesagt. Wolter soll den Chor bis zum August 2007 leiten, da der von einer Findungskommission einmütig nominierte Wunschkandidat für den Chefposten im Stadtsingechor wegen anderer Verpflichtungen erst ab Herbst 2007 zur Verfügung steht - weshalb über seinen Namen Stillschweigen vereinbart wurde. Und auch Wolter wollte bereits Anfang September nach einem emotional geführten Chor-Elternabend wieder zurücktreten (die MZ berichtete). Schließlich übernahm der Leipziger doch den Job.
Das einzige Konzert, das der 890 Jahre alte Chor unter Leitung von Wolter am vergangenen Freitag im Merseburger Dom gegeben hat, beschreibt Chorsprecher Arne Börgel: "Es war katastrophal." Anlass für den Unmut der Sänger ist vor allem, das dem 25-jährigen Chorleiter nach ihrer Auffassung Autorität fehlt. Vor allem die jüngeren Sänger seien sehr undiszipliniert, die Maßnahmen Wolters dagegen nur unzulänglich .
Elternsprecherin Unverständnis haben die Eltern, wie Martin Wolter überhaupt zu dem Vertrag gekommen ist. "Die Findungskommission wurde nicht gefragt", so Elternsprecherin Angela Genske. Vielmehr habe Kulturbeigeordneter Hans-Jochen Marquardt im Alleingang und lediglich mit dem Hinweis auf Empfehlungen von namhaften Musikern wie Matthias Erben, Leiter des Akademischen Universitäts-Orchesters Halle, einen Vertrag mit dem jungen Musiker abgeschlossen. Marquardt: "Martin Wolter wurde aufgrund von schriftlichen Referenzen eingestellt." Erben meint, es habe ein Missverständnis gegeben: Er habe Wolter auf eine Nachfrage lediglich empfohlen, sich bei Marquardt wegen einer Stelle zu melden. "Es war keine persönliche Empfehlung", so Erben gegenüber der MZ. "Wenn ich gefragt würde, würde ich Nikolas Müller empfehlen", ergänzt er. Der frühere Thomaner Müller hat bereits vier Gastdirigate im Universitäts-Orchester übernommen.
Zudem hat Müller vertretungsweise eine Woche im September den Chor dirigiert und ist Wunschkandidat der Sänger und Eltern. In einem Schreiben an Kulturdezernenten Hans-Jochen Marquardt bittet die Elternvertretung darum, dem Chor mit einem anderen Leiter eine solide Arbeitsgrundlage zu geben. "Wir sind im Klärungsprozess. Es wird eine Lösung gefunden werden, wie sie aussieht, ist offen", sagt Marquardt. Allerdings halte er es nicht für in Ordnung, dass Eltern und Chor bereits nach einer Woche ein Urteil über Martin Wolter gefällt haben. Chordirigent Wolter schweigt zu den Querelen: "Ich konzentriere mich zur Zeit nur auf meine Aufgaben und möchte mich nicht öffentlich äußern", teilte er per e-mail mit.