Nils Dreschke vom Puppentheater Halle Nils Dreschke vom Puppentheater Halle: Bauchreden ist einfach - oder man muss tricksen

Halle (Saale) - Ja, der Doktor Faust, der hat’s gut. Vergleichsweise gut zumindest. Denn es sind nur „zwei Seelen“, die - „ach“ - in seiner Brust „wohnen“. Auch wenn die dort bekanntlich nicht die besten Nachbarn sind, weil sie ständig widerstreitenden Impulsen folgen müssen - diese beiden Seelen. Doch in einen noch dramatischeren Konflikt führt Halles Puppentheater jetzt seine Figuren und deren Spieler - bei der mit Spannung erwarteten Inszenierung, die am Mittwoch im Puschkinhaus Premiere hat: „Das Bauchrednertreffen“ heißt das Stück, bei dem - frei nach „Faust“ - gleich in etlicher Leute Brust nicht nur zwei leise Seelchen, sondern gleich noch zwei voluminöse Stimmen wohnen, die sich via Kehlkopf und Stimmband unaufhaltsam den Weg nach draußen bahnen. Was die inneren Konflikte dann unweigerlich zu äußeren Konflikten machen kann - und machen wird.
Nationale und internationale Beachtung
Es ist mal wieder eine jener Produktionen, mit denen Halles bestes Theater nicht nur die Aufmerksamkeit der Kunstfreunde aus der Saalestadt auf sich zieht, sondern nationale und internationale Beachtung finden wird. Und die sie sogar schon gefunden hat.
Denn anders als geplant, konnte die Truppe von Intendant Christoph Werner die Uraufführung des Stücks von Dennis Cooper in der Regie von Gisèle Vienne nicht als Heimspiel feiern, so dass die Inszenierung - auch in englischer Sprache - zunächst unter anderem schon in der Schweiz und in Hamburg gezeigt worden ist und jeweils ein begeistertes Echo gefunden hat. Doch nachdem die Premiere zu Hause im Sommer wegen der Erkrankung einer der Hauptdarsteller abgesagt werden musste, geht’s nun endlich auch auf heimischer Bühne los.
Der, um den sich in dem Stück fast alles dreht, ist Nils Dreschke. Der Puppenspieler, der von der Ostsee stammt - aus Boltenhagen - und seit 1996 Ensemblemitglied in Halle ist, hatte bei den Proben zu der aktuellen Produktion erstmals direkten Kontakt mit der seltsamen Kunst der Bauchrednerei. Einer Kunst, die nur scheinbar und formal mit seiner eigenen verwandt ist. Dennoch sei er immer schon mal gefragt worden, ob er das nicht auch kann. Bislang musste er immer verneinen - aber nun?
Tricksen beim Bauchreden
Es habe bei ihm und bei einigen seiner Kollegen nur eine Woche gedauert, bis sie einigermaßen drin waren in dieser technisch so anspruchsvollen Art des Bühnenspiels. „Ich war verwundert, wie gut das ging“, sagt er, räumt anderseits aber auch ein: „Bei den Buchstaben B, M und P wird’s dann plötzlich ganz schwierig, so dass man mitunter sogar umformulieren muss.“ Oder tricksen - und zum Beispiel versuchen, das eigene Gesicht für einen Moment mit der Puppe zu verdecken.
Ausgangspunkt des Stücks ist übrigens eine höchst skurril klingende Veranstaltung, die es aber tatsächlich gibt: The Ventriloquists Convention, zu deutsch Bauchrednertreffen, das alljährlich im US-Bundesstaat Kentucky stattfindet. Und genau davon haben sich der Autor, die Regisseurin und das hallesche Ensemble für ihr Projekt inspirieren lassen.
Was dabei heraus gekommen ist, dürfte übrigens auch gleichnishaft für die Abgründe der so genannten Kommunikationsgesellschaft stehen: In übersteigerter Form natürlich, weil ein Bauchredner - anders als andere Dauerredner - sogar die für manchen beneidenswert anmutende Fähigkeit besitzt, sich selber ins Wort zu fallen. Doch im tieferen Sinn spiegeln sich hier wohl auch Fragen wie die, wer aus uns spricht, wenn wir uns vorgestanzter Begrifflichkeiten bedienen. Wessen Puppen sind wir dann - und wer ist dann unser Bauchredner? Kurzum, die neue Produktion der „Puppe“ wird keine Comedy, verspricht aber wieder mal ein intellektueller Genuss zu werden.
Halle-Premiere am Mittwoch um 20.30 Uhr im Puschkinhaus in der Kardinal-Albrecht-Straße 6. Es gibt dafür nur noch vereinzelte Restkarten.
