Interview mit HWG-Chef Heinrich Wahlen Interview mit HWG-Chef Heinrich Wahlen: Neubauten werden wichtiger

Halle (Saale) - In diesem Jahr endet in Halle eine Ära. Heinrich Wahlen wird am 30. Juni nach 13 Jahren den Chefsessel der Halleschen Wohnungsgesellschaft (HWG) räumen. Bis dahin soll noch viel geschehen. Über die Sanierungspläne, soziale Verdrängung und Flüchtlingswohnungen hat MZ-Redakteur Jan-Ole Prasse mit dem 65-Jährigen gesprochen.
Sie starten in ihr letztes Jahr als Chef. Bei Politikern spricht man häufig von „lahmer Ente“ oder „neuer Freiheit“. Wie ist es bei Ihnen?
Heinrich Wahlen: Ich glaube, beim amerikanischen Präsidenten sagt man das und der macht zur Zeit eine imponierende Figur. Ich habe nicht das Gefühl, „lahm“ zu sein, und ich bin auch keine Ente.
Sie wollten aber weitermachen, doch der Aufsichtsrat hat nicht zugestimmt. Sind Sie enttäuscht?
Wahlen: (denkt nach) Es ist immer schwer aufzuhören, wenn die Arbeit Spaß gemacht hat. Aber da bin ich nicht der Entscheider, sondern derjenige, über den entschieden wird. Das ist dann so in Ordnung.
Gibt es ein Projekt, auf das Sie besonders stolz sind?
Wahlen: Immer auf das jeweils letzte Projekt. Das waren unsere Sanierungen am Landrain, am Moritzzwinger und am Jerusalemer Platz. Da gebe ich auch zu: Ich nehme mir abends manchmal die Zeit, laufe da durch und freue mich darüber. Dann bin ich stolz, wie schön die Stadt auch mit unserer Hilfe geworden ist.
Die HWG hat in den letzten Jahren vor allem in der Altstadt saniert. Wird das so weitergehen?
Wahlen: Ja, so ist der Plan. Die HWG ist noch längst nicht durch mit der Sanierung der Plattenbauten beispielsweise in der Großen Klausstraße. Das sollte sie in den nächsten Jahren anpacken. Es geht aber auch um stadthistorische Denkmäler: Das nächste ist das Graseweghaus, das wir ab diesem Jahr sanieren. Es folgen nach derzeitiger Planung noch weitere Projekte am Großen Berlin, in der Großen Märkerstraße, der kleinen Klausstraße und der kleinen Ulrichstraße.
Sie werden sich stärker mit Altbauten beschäftigen?
Wahlen: Das ist richtig. Die Altbauten sollen stärker im Vordergrund stehen. Aber wir setzen auch die Sanierung größerer Wohnanlagen fort - beispielsweise in der Südstadt im Bereich der Pekinger Straße und am Vogelherd. Neubauten werden für uns auch wichtiger. Ein Projekt ist das Wohn- und Geschäftshaus in der Leipziger Straße am Übergang zum Riebeckplatz. Aber wir planen auch Neubauten an der Heideallee und an der Wilhelm-Külz-Straße.
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Stichwort Riebeckplatz: Die HWG soll dort ein Hotel bauen. Gibt es schon einen Vertrag mit einem Betreiber?
Wahlen: Die Gespräche haben einen sehr guten Stand erreicht. Ich denke, dass wir in den nächsten Wochen die Planung konkretisieren können.
Können Sie den Betreiber denn schon nennen?
Wahlen: Ja, das könnte ich, aber (denkt nach). Sagen wir es so: Wenn dessen Logo am Riebeckplatz hängt, dann wird das Halle gut zu Gesicht stehen. Das ist eine sehr große Hotel-Kette. Geplant ist ein Drei- bis Vier-Sterne-Haus mit etwas 160 Betten.
Wann soll das Hotel fertig sein?
Wahlen: Geplant ist, das Hotel zusammen mit dem Wohn- und Geschäftshaus in der Leipziger Straße im Herbst 2018 zu eröffnen.
Die HWG hat in den vergangenen Jahren eher auf hochpreisige Wohnungen gesetzt. Bleibt das so ?
Wahlen: Ja. Das wird deswegen so bleiben, weil es marktgerecht ist. Wir haben in den letzten Jahren im Schnitt 400 bis 500 Wohnungen saniert. Vieles ist während der Arbeiten schon vermietet worden. Wir haben dort keinen Leerstand.
Es gibt aber Kritik, dass die HWG saniert und Alt-Mieter danach wegen steigender Mieten ausziehen müssen.
Wahlen: Ich finde richtig, dass darüber diskutiert wird. Aber ich glaube, dass die Situation in Halle noch außerordentlich günstig ist. Es gibt viele Bestände, in denen die Preise niedrig sind. Ich finde es richtig, dass man darauf achtet, dass es nicht zu sozialen Verdrängungen kommt, aber es gibt sie noch nicht. Dass jemand aus einer Wohnung auszieht, weil sie nach der Sanierung teurer ist, ist noch keine Verdrängung.
Bei der Sanierung am Moritzzwinger mussten doch Altmieter ausziehen.
Wahlen: Nicht jeder wird überall wohnen können. Das Wirtschaftsgut Wohnen muss bezahlt werden. Da kann man zu gewissen Subventionen kommen, um eine soziale Ausgewogenheit auf dem Markt zu garantieren. Darüber wird zu diskutieren sein. Aber noch haben die Mieten in Halle keine schwindelerregenden Höhen erreicht.
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Auf der Silberhöhe und in Heide-Nord gehen Befürchtungen um, dass dort vor allem die Flüchtlinge untergebracht werden. Ist das berechtigt?
Wahlen: Nein. Dass sie existieren, weiß ich, aber sie sind nicht berechtigt. Bei den 330 Wohnungen, die wir im vergangenen Jahr der Stadt für die Flüchtlingsunterbringung zur Verfügung gestellt haben, haben wir darauf geachtet, dass bestimmte Quoten nicht überschritten werden. Das werden wir auch im Jahr 2016 im Auge behalten.
Wie geht es der HWG wirtschaftlich?
Wahlen: Durch die Investitionen ist das Vermögen deutlich gestiegen. Es liegt mittlerweile bei über 600 Millionen Euro. Der Leerstand ist um 75 Prozent seit dem Jahr 2003 gesunken. Jetzt liegen wir bei 7,3 Prozent. Er wird mittelfristig auf vier Prozent zurückgehen. Pro Jahr investieren wir 30 Millionen Euro. Das sollte so bleiben.
In der Stadtpolitik wird immer wieder eine Zusammenlegung mit der GWG diskutiert. Ist eine Fusion möglich oder braucht Halle zwei städtische Wohnungsgesellschaften?
Wahlen: Ob Halle das braucht, weiß ich nicht. Das ist eine Entscheidung der Politik und die hat sich dazu nie durchringen können.
Halten Sie es denn für sinnvoll?
Wahlen: Es gab Zeiten, da hätte ich es für sinnvoll gehalten. Aber je länger man es nicht tut, desto stärker entwickeln sich die Gesellschaften in unterschiedliche Richtungen. Dadurch würden am Ende die Einsparungen durch die Kosten der Fusion aufgehoben. Dann kann man es auch lassen.
Haben Sie Pläne für die Zeit danach?
Wahlen: (lacht) Na klar. Ich freue mich darauf, dass ich mehr Freizeit haben werde. Aber ich werde in der Immobilienwirtschaft bleiben, wenn auch nicht bei einer kommunalen Gesellschaft.
Er führt bereits seit Jahren den größten Vermieter: die HWG. Dabei bestimmt er nicht nur über 18 000 Wohnungen, sondern hat auch ein gewichtiges Wort in der Stadtverwaltung. Denn bei vielen Projekten ist die Stadt auf die HWG angewiesen - sei es bei der Entwicklung des Riebeckplatzes oder bei Verwaltungsneubauten. Und der Haushalt ist direkt von der Gesellschaft abhängig: Jedes Jahr zahlt die HWG fünf Millionen Euro Gewinnausschüttungen. Im kommenden Jahr muss Wahlen seinen Posten bei der HWG räumen. Ein Nachfolger steht noch nicht fest.