Hochhaussiedlung in Halle-Neustadt Hochhaussiedlung in Halle-Neustadt: Ist die Scheibe B noch zu retten?

Halle (Saale) - Was tut sich an Neustadts Hochhaus-Silhouette? Die Nachricht, dass ein deutsch-syrischer Investor die 18-stöckige Scheibe B am Amtsgericht ersteigert hat, brachte die Zukunft der vier maroden Betonriesen zurück ins Stadtgespräch. Kontrovers diskutieren die Neustädter nun, was mit den leerstehenden Scheiben im Herzen des Stadtteils geschehen soll. Es keimt Hoffnung auf neues Leben an der Magistrale.
„Die Stadt ist an einem Punkt, an dem sie sich entscheiden muss, was mit diesen Hochhäusern passiert“, findet Wilfried Wettengel. Der promovierte Physiker kennt die Neustadt seit Jahrzehnten, er arbeitete zu DDR-Zeiten in der Forschung in Leuna. „Der Stadtteil hat in den vergangen Jahren eine sehr gute Entwicklung genommen. Viele Gebäude wurden saniert, Neustadt kann sich wieder sehen lassen.“ Doch die maroden Scheiben, sagt er, sind die wichtigsten Wahrzeichen der Neubausiedlung. „Für die Stadt wäre es schön, wenn sie wiederbelebt würden.“ Deswegen hofft er, dass sich die Vision erfüllt, die der neue Hochhaus-Eigentümer heraufbeschwört: Neuer Wohnraum im Herzen Neustadts, möglicherweise altersgerecht.
Der Wunsch des Alt-Neustädters Wettengel ist oft zu hören, wenn man in der Neustädter Passage zu Füßen der Hochhäuser unterwegs ist. „Ja, ein Studenten-Wohnheim kann ich mir hier gut vorstellen“, sagt Sabine Hertel, langjährige Mitarbeiterin des Studentenwerks. „Die Wohnheime in der Stadt sind ausgelastet, hier sehe ich durchaus Potenzial.“ Und: „Es müssten ja nicht nur Studenten hier rein, reguläre Wohnungen sind genauso wichtig.“
Doch die Frage nach dem Wohnraum-Bedarf ist eine der entscheidenden auf dem Weg zur Wiederbelebung der Hochhaus-Scheiben. Denn in den vergangenen Jahren standen die Zeichen in Neustadt auf Rückbau, die GWG entledigte sich Tausender Wohnungen. Und dass die Zahl der wohnungssuchenden Studenten in Halle in den kommenden Jahren steigen wird, ist zu bezweifeln. An der Universität wird gerade an einem Sparkurs gebastelt, der von der Landesregierung auferlegt ist.
Deswegen gibt es auch diese Meinung: „Man muss sich von Wahrzeichen trennen können, wenn sie nicht zu retten sind.“ Das sagt Heike Cieplik. Die 45-jährige Hallenserin wohnt seit zwei Jahren im Stadtteil. „Natürlich“, sagt sie, „eine Sanierung, neue Wohnungen und neue Mieter wären die beste Lösung.“ Doch wo sollen diese herkommen?, fragt Cieplik.
Zumal derzeit offen ist, wie teuer die Vision des Investors sein wird. Khaled Khalifa, Käufer und Geschäftsführer einer Firma aus Lützen, kann keine genauen Zahlen nennen. „Mehr als zehn Millionen Euro werden es sicher für die Sanierung der Scheibe“, sagt er. „Doch das ist eine Schätzung. Alles Weitere müssen wir prüfen.“
Auch ortskundige Akteure trauen sich derzeit keine genauen Kostenschätzungen zu. „Uns liegen derzeit keine seriösen Kalkulationen vor“, sagt GWG-Sprecherin Doris Henning. „Doch es heißt unisono von allen Seiten: Das werden richtig hohe Summen, wenn der Block wieder zur Wohnraum-Nutzung flott gemacht werden soll.“ Allein die Einhaltung aktueller Brandschutzvorgaben geht richtig in die Kosten, sagt Henning. Bauexperten kalkulieren mit wenigstens zehn Millionen für eine Grundsanierung des 18-Geschossers.
Bis nach Berlin ist die Diskussion um die leerstehenden Neustädter Hochhaus-Riesen vorgedrungen. Die Fotografin Sabrina Radeck blickt an der Fassade des frischverkauften Wohnblocks hinauf. Sie ist ausgerüstet mit Kamera und Teleobjektiv. „Ich fotografiere deutschlandweit beeindruckende Hochhaussiedlungen“, so erzählt die 37-Jährige, während sie durch die Neustädter Passage streift. „Ich war in Marzahn und Siemensstadt, doch die Bauwerke hier sind besonders beeindruckend.“ Das Interesse an Halle-Neustadt habe sie gepackt, als sie in Berlin auf eine herrenlose Bücherkiste mit einem DDR-Heft über die Chemiearbeiter-Stadt stieß. „Diesen Ort wollte ich sehen und fotografieren“, sagt sie.
Und ja, sie kann verstehen, dass viele Neustädter sich nach einer Wiederbelebung der Scheiben sehnen. „Die fünf Gebäude stehen sehr prominent, sie sind prägend für das Stadtbild“, sagt sie. „Ich weiß nicht, wie es für die Neustädter ist, jeden Tag aus dem Fenster auf diesen Leerstand zu blicken.“
Sehr konkrete Vorstellungen für die neue Nutzung der Scheibe B gibt es beim Bürgerverein Stadtgestaltung, der sich seit Jahren für die Wiederbelebung der Hochhäuser einsetzt. Den Mitgliedern schwebt eine Art Sportcenter vor. Laut dem Vorsitzenden Heinz-Günter Ploß könnten im Gebäude sowohl Trainingsräume als auch Vereins-Geschäftsstellen und Übernachtungsmöglichkeiten für Sportler eingerichtet werden. „Die Statik stimmt überall in dem Objekt“, sagt Ploß. Khaled Khalifa, der neue Eigentümer, hat sich ein Planungsjahr verordnet, bevor er mit den Baumaßnahmen beginnen möchte. (mz)


