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Halle-Neustadt Halle-Neustadt: Vor der Planierraupe hergelaufen

Von Erdmute Hufenreuter 08.08.2014, 19:22
Die Kegelbahn im Südpark haben die Neustädter gern genutzt.
Die Kegelbahn im Südpark haben die Neustädter gern genutzt. Giersch Lizenz

Halle (saale) - An einem schönen Sommertag in der Mitte der 70er Jahre kam ein sowjetischer Offizier zu Hans-Peter Giersch. Man kannte sich flüchtig, aber man kannte sich. „Du“, sagte der Hauptmann, „es kommt der größte Natschalnik, ein General! Da muss neu gestrichen werden - zum Empfang. Du hast Schlämmkreide? Du kannst besorgen?“ Und Giersch konnte. Er beschaffte die Schlämmkreide und der Hauptmann freute sich. Nun fragte Giersch: „Du hast Soldaten? Kräftige Kerle? Genau die brauche ich.“ Wenige Tage später rückte ein Zug Sowjetsoldaten an. 30 Männer hackten sich zwei Monate lang durch den Wald am späteren Südpark.

„Ich fuhr täglich mit dem Moped und einem Papiersack mit 30 Tagesportionen Verpflegung von Buna in den ‚Park‘ und wurde sehnsüchtig erwartet“, sagt der heute 73-Jährige, und er lächelt, wenn er an all die Improvisationen denkt, bei denen schließlich doch etwas herauskam, was sich sehen lassen konnte. „Die deutsch-sowjetische Freundschaft schloss Naturalwirtschaft zum beiderseitigen Nutzen nicht aus. Bezahlt wurden die Arbeitskräfte also mit Schlämmkreide, mit Glühbirnen, mit Fensterglas, mit Kunstledersesseln …“

Dass man sich in Neustadts „grünen Lungen“ aktiv erholen konnte und noch kann, dafür hat Giersch einen wesentlichen Beitrag geleistet. Von 1968 bis 1976 erst von Buna aus, dann bis 1984 bei der Kommunalen Einrichtung Halle-Neustadt in seinem Fachgebiet für Naherholungsgebiete verantwortlich, hat er einiges bewirkt. Den Ausbau des Südparks, der Angersdorfer Teiche zum Freibad, aber auch den des Kalksteinbruchs bei Zscherben hat er geleitet und geplant.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Hans-Peter Giersch noch erlebte.

Damals gab es Kommunalverträge zwischen Betrieben wie Buna und der Stadt Halle. Das sicherte im Prinzip, dass Geld, Personal und Material auch für das da war, was nicht direkt zum Wohnungsbau gehörte. Doch Improvisationstalent und Fantasie waren allemal gefragt und gerade dafür war Giersch der richtige Mann. Wie so viele seiner Generation hat er gelernt, aus Dreck Bonbons zu machen. Fast alles musste „organisiert“ - auch im übertragenen Wortsinn - werden. Die Freiluftkegelbahn zum Beispiel wurde aus handgefertigten Betonteilen eines Betonwerkes in eine Parklichtung gesetzt. Kunstfertige Installationsschlosser aus Buna bastelten den Kugelrücklauf. Die Kugellauffläche aus Transportbandgummi stammte aus einem Kohletagebau. Im Südpark mussten noch der Kirchteich mit Schwimmbaggern entschlammt und von Tauchern die Stützen der maroden Holzbrücke saniert werden. An den Kiosk, die Bootsanlegestelle und die Kinderspielgeräte, die auch von Giersch organisiert und wie alles dann in Teamarbeit gebaut wurden, erinnern sich einstige Halle-Neustädter sicher gern.

„Manches steht, manches vergeht oder ist vergangen“, sagt Giersch, der viel zu erzählen hätte, wie das üblich ist bei Leuten, die viel erlebt haben. Zum Beispiel, wie er nachts zu Hause am Reißbrett die auf Stahlfässern und Stahlträgern schwimmende gegenläufige Doppelrutsche für die Angersdorfer Teiche „erfunden“ hat. Oder wie er mit seinen Leuten den Sand für den Beachvolleyballplatz mit Standsieben eigenhändig gesiebt hat – steinfreier Sand war nicht aufzutreiben. „Im Steinbruch bei Zscherben sind wir vor der Planierraupe hergelaufen, für die Wege gab es keine fertigen Vorstellungen, wir haben sie erst vor Ort geplant und angelegt.“

Man sieht es dem Landschaftsarchitekten an, wie viel Spaß ihm das gemacht hat, wenn er „die Fortschritte am Bau“ sehen oder sich die Spielgeräte für Kindergartenfreiflächen ausdachte. Für die Spielhäuschen im Kindergarten „Sandmann“ hat er sich erst mal überall umgeschaut. Ausrangierte Schalttafeln hat er für die Seitenwände genommen, sie so ausgerichtet, dass die Kinder oben rausgucken konnten, aber auch sicher waren, wenn sie in ihrem Häuschen saßen. Kindersicher? Nach heutigem TÜV käme manches wohl nicht mehr durch, meint er. Aber viel Spaß hätten die Kinder gehabt. Sogar aus anderen Kindereinrichtungen wären sie gekommen.

Auch seine Kinder haben hier gespielt, denn Hans-Peter Giersch wohnte mit seiner Frau und den beiden Töchtern mehr als 20 Jahre in Halle-Neustadt. Inzwischen lebt er in Lieskau, aber zur Ruhe gesetzt hat er sich nicht.

Was von damals übrig ist? Er zuckt die Schultern. Nostalgie ist seine Sache nicht. „Manches steht, manches vergeht“, wiederholt er und lacht, er gestalte lieber Neues. Nach wie vor tüftelt er gerne, sagt, sein Lebenssinn sei eben auch, immer aus irgendwas etwas zu machen. Heute sind es neben dem eigenen Garten, dem man das grüne Händchen des Fachmanns ansieht, vor allem Freundschaftsdienste, wie ein Terrassengarten, den er jetzt für einen Bekannten anlegt. Zudem engagiert er sich in der Gemeinde, und auch dort hat er für die einstige Schule, die heute nur noch Hort ist, fantasievolle Spielflächen geschaffen. (mz)

Hans-Peter Giersch heute
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