Demografischer Wandel Demografischer Wandel: Die Herausforderung
Halle (Saale)/MZ. - Ina Gabelmann ist eine von denen, über die man sich in Halle am meisten freut. Eine Zuzüglerin. Jung. Und auch noch begeistert von der Stadt! Die 19-Jährige stammt aus dem Ruhrgebiet und hat zum Wintersemester in Halle ein Politikstudium begonnen. Warum Halle? "Halle war beim Jura-Hochschulranking ganz vorn", sagt sie - und fügt ironisch hinzu: "Und ausreichend weit von der Heimat weg."
Und wo hat Ina Gabelmann eine Wohnung gefunden? Auf der Silberhöhe, ausgerechnet. In der Tat, man hat sie gewarnt, dort hinzuziehen. "Bis jetzt verstehe ich nicht, warum." Die angehende Juristin kennt die Stadt nicht "von früher". Das ist ihr Vorteil. Und das ist der Vorteil für die Stadt. Wer heute nach Halle kommt, der kann die Stadt nur mit ausgeprägter Schwachstellenorientierung hässlich finden. Ina Gabelmann sagt: "Halle ist die perfekte Uni-Stadt, irgendwas geht hier immer."
Mehr als 20 000 junge Leute studieren aktuell an der Uni Halle. Allein, es wird nicht reichen. Es wird nichts daran ändern, dass das Durchschnittsalter der Hallenser in den kommenden Jahren steigt und steigt und steigt: Allein zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2011 stieg es von 42,84 auf 45,26. Schon heute sagt Ina Gabelmann: "Teilweise wirkt es, als bestünde Halle nur aus der Uni und ihren Studenten - und aus Senioren."
Mit Stand vom September dieses Jahres lebten in Halle 231 000 Menschen, davon waren bereits 54 400 Männer und Frauen 65 Jahre alt oder älter.
Aktuell sind 29,7 Prozent der Hallenser 60 Jahre oder älter, weiß Halles Seniorenbeauftragte Kerstin Riethmüller. Im Jahr 2025 werden es Schätzungen zufolge rund 33 Prozent sein.
Eine Herausforderung? Ja.
Muss uns das Angst machen? Nein.
"Halle ist auf einem guten Weg", sagt die Geriaterin Sabine Reuter. Es fehle aber noch das Bewusstsein in der Bevölkerung, das Wir-Gefühl, um jedem klarzumachen, dass er ganz persönlich gefragt ist und nicht irgendeine zuständige Stelle, sagt die Medizinerin, die beim Diakoniekrankenhaus arbeitet.
Tatsächlich existieren bereits diverse Initiativen, die zeigen, dass es zumindest ein Problembewusstsein gibt. So zeichnet der Seniorenrat regelmäßig Läden und Banken aus, die besonders auf die Wünsche und Bedürfnisse ihrer älteren Kundschaft eingehen. Die Freiwilligenagentur bietet Schulungen zum Umgang mit älteren Menschen an. "Es passiert schon viel, aber es bröckelt auch schon wieder, weil Gelder gekürzt werden und insbesondere die Seniorenberatung immer weiter beschnitten wird", sagt Klinikchefin Reuter.
Bei der Seniorenbeauftragten stößt sie mit dieser Kritik auf offene Ohren: "Ich würde mir eine unabhängige Beratungsstelle für Senioren wünschen", sagt Kerstin Riethmüller. Auch gebe es noch zu viele Orte in der Stadt, an denen noch keine Barrierefreiheit herrsche.
Dass man dennoch insgesamt auf einem guten Weg sei, findet Norwin Dorn. Der 76-Jährige ist Vorsitzender des Stadtseniorenrats, zu dem wiederum 45 Vereine und Verbände ihre Vertreter schicken. "Halle ist eine seniorenfreundliche Stadt", sagt er. Besserungen könne es hier und da natürlich geben - beispielsweise bei so mancher Ampelschaltung - aber insgesamt, sagt Dorn, doch, insgesamt sei die Situation gut.
Eine Stadt, in der sich alte Menschen wohlfühlen, in der sie etwas erleben können. Das wünscht sich Kerstin Riethmüller. Das Ziel scheint nicht in unerreichbarer Ferne zu liegen. Um es zu erreichen, sind freilich nicht allein Barrierefreiheit und Beratungsangebote nötig.
Es braucht Hallenser, die gemeinsam planen und handeln, ohne immer auf die Stadt oder Geld zu warten. Es braucht Menschen, die ihre alte Nachbarin zum Stadtteilfest mitnehmen. Es braucht Verständnis. Es braucht Gemeinsamkeit.
Das klingt etwas salbungsvoll. Aber es ist deshalb nicht falsch.