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Beliebtes Ausflugslokal in der DDR Beliebtes Ausflugslokal in der DDR: Gab es an der Eselsmühle wirklich Esel?

Von Silvia Zöller 23.04.2018, 10:30
Selbst auf Postkarten war die Eselsmühle abgebildet, um die man früher tatsächlich mit Grautieren reiten konnte.
Selbst auf Postkarten war die Eselsmühle abgebildet, um die man früher tatsächlich mit Grautieren reiten konnte. Günter Bauer/Repro

Halle (Saale) - Mit der Eselsmühle verbinden nicht nur Neustädter viele Erinnerungen: Das alte Gemäuer war früher Ausflugsstätte, zu der man nicht nur am Sonntag pilgerte. Hier gab es das Glas Apfelsaft für 80 Pfennige, ein Müllerfrühstück für 3,60 Mark und sogar sowjetischen Cognac. Attraktion war aber der Esel, mit dem die Kinder am Wochenende eine Runde um die Mühle drehen konnten. Der Esel stammte aus Ungarn und war den Rest der Woche in einem Stall bei einer Familie in Nietleben untergebracht.

An den Wochenenden war es immer extrem: „Es geht los, sie kommen!“ war dann die Parole von Hannelore Demuth. Über die Passendorfer Felder - damals waren sie noch unbebaut - kamen die Menschen in Scharen, um an der Eselsmühle einzukehren. „Bis zu 5.000 Gäste hatten wir an den Wochenenden“, verweist die frühere Chefin der ungewöhnlichen Gaststätte in Neustadt auf einen alten Zeitungsartikel. Die Zahl 5.000 sei keineswegs übertrieben. Hannelore Demuth muss es wissen: Ihr Ehemann Gerhard war ab Juli 1969 der Leiter, sie arbeitete in der Küche.

In Nietleben haben einst sogar zwei Mühlen gestanden

Auch Eckart Grohmann kennt die Eselsmühle noch aus eigener Erfahrung als bewirtschaftete Gaststätte: „Aufgrund der Bauarbeiten in Neustadt  wurde die Eselsmühle als Gaststätte zur Versorgung eröffnet. Es gab sogar eigenes Geschirr mit der Prägung Eselmühle“, erinnert  er sich. Einen Bierbemble mit einem solchen Aufdruck hat er noch zuhause stehen. Die Geschichte der Eselsmühle interessiert Grohmann freilich aus einem besonderen Grund: Er ist im Nietlebener Heimatverein aktiv. Und der hat sich mit dem namensgebenden Objekt der ursprünglich Nietlebener Flur schon in vielen Veröffentlichungen beschäftigt.

Vereinsmitglied Dieter Schermaul hat vieles zur Geschichte für den Heimatverein herausgefunden: In Nietleben hätten einst sogar zwei Mühlen gestanden. „Die ältere – eine Bockwindmühle - entstand etwa um das Jahr 1840 am Schnittpunkt der alten Poststraße und des Feldweges zum Furnier- und Holzschneidewerk der Firma Graeb & Söhne in der Verlängerung der Passendorfer Straße. 1887 wurde die andere, eine Holländer-Turmwindmühle, erbaut.“

In der„Eselsmühle“ konnten drei Tonnen  Schrot und zweieinhalb Tonnen Mehl pro Woche gemahlen werden

In der späteren „Eselsmühle“ konnten drei Tonnen  Schrot und zweieinhalb Tonnen Mehl pro Woche gemahlen werden, beliefert wurden damit die Bäcker  in Nietleben, Passendorf und Zscherben, aber auch in Halle.

Doch der Fortschritt machte auch vor der Nietlebener Mühle nicht Halt: „Von 1924 bis 1939 wurde in der Windmühle nur noch geschrotet. Das Mehlmahlen wurde von einer elektrischen Mühle übernommen, die im Wirtschaftsgebäude des Müllers neben der Wohnung untergebracht war, das circa 100 Meter von der Mühle entfernt stand“, so Schermaul. 1939 wurde dann der Mühlenbetrieb ganz eingestellt und das Gebäude wurde lediglich als Lager genutzt. Noch bis in die 60er Jahre lief dagegen der Betrieb in der elektrischen Mühle in der heutigen Hemingwaystraße.

Mit dem Aufbau von Neustadt bekam die alte Mühle eine neue Funktion

Mit dem Aufbau von Neustadt bekam die alte Mühle eine neue Funktion: An über 100 Plätzen wurden dort seit Sommer 1969 Gäste bewirtet. Das Besondere: Aus den Mühlsteinen wurden Schmuckelemente und Tischplatten. In der untersten Etage war eine Bierstube eingerichtet worden, in der ersten Etage eine Weinstube und unter dem Dach eine Bar, in der die Besucher auf Kettenschaukeln Platz nahmen. Zur Eröffnung kamen viele Interessierte und auch so mancher, der nur mal schauen wollte. Denn gerade in der ersten Zeit war so viel los, dass ohnehin nicht jeder einen Platz bekam.

Ohne Aushilfen sei es der zwölfköpfigen Belegschaft damals nicht möglich gewesen, dem Ansturm Herr zu werden, erinnert sich die frühere Wirtin Hannelore Demuth. 1974 war dann erst einmal wieder Schluss an der Eselsmühle, weil die Bagger der ehemals freien Fläche näher rückten. Strom und Wasser wurden gekappt, es entstand ein neuer Wohnkomplex rundherum. Erst 1976 konnte der gastronomische Betrieb wieder aufgenommen werden.

Heute ist die Mühle verlassen. Mehrere Betreiber hatten einen Neustart versucht. Doch das Areal macht jetzt nur noch einen verwahrlosten Eindruck. (mz)