Woche der Menschen mit Behinderung Woche der Menschen mit Behinderung: Lernbehinderte 24-Jährige hat sich im Job etabliert

Dessau - Mit einem strahlenden Lächeln reicht Nadine Steinbiß den betagten Damen und Herren im großen Speisesaal das Frühstück. Fragt nach Wünschen, gießt Kaffee nach. Und wenn sich alle gesättigt haben, räumt sie das Geschirr in die Küche. Ebenfalls mit einem Lächeln.
Die 24-Jährige hat viel Freude an ihrer Arbeit in den Pflegeheimen der Avendi Senioren Service GmbH in der Hausmannstraße und in der Waldsiedlung. Die Reinigung der Zimmer der Bewohner und die Hilfe im Service gehören zu ihren Aufgaben. „Der Service macht mehr Spaß“, erzählt die junge Frau. Aber auch beim Saubermachen der Zimmer hat sie immer ein freundliches Wort für die Senioren. „Es ist eine verantwortungsvolle Tätigkeit, denn sie dringt ja in die Privatsphäre der Bewohner ein und muss ja auch mit den unterschiedlichen Krankheitsbildern der Bewohner umgehen lernen“, anerkennt Heimchefin Angelika Zaizek.
Auch sie weiß die Arbeit von Nadine Steinbiß inzwischen zu schätzen. Besonders deshalb, weil sie sich für ihre Leistung ganz besonders anstrengen muss. Die junge Frau hat eine Lernbehinderung. Sie im Arbeitsprozess zu integrieren, bedurfte es auf beiden Seiten besonderer Anstrengungen. „Sie braucht klar strukturierte Aufgaben und Abläufe, die sie unter Anleitung verinnerlichen kann“, schildert Zaizek und hebt hervor, dass dies nur möglich wurde, weil sich auch das Team darauf eingestellt hat. Vorurteile bei den Kollegen habe es nicht gegeben, sagt Hauswirtschaftsleiterin Stefanie Knippel. „Nadines Frohsinn ist ansteckend und motiviert uns alle.“ Deshalb seien auch alle ehrlich erfreut gewesen, als die junge Frau vor einem halben Jahr einen festen Arbeitsvertrag für eine Teilzeitbeschäftigung bekommen habe.
Viele Vorurteile und Ängste gegenüber Behinderten
Zwei Jahre hat sie zuvor als Praktikantin im Rahmen einer Reha-Maßnahme bereits im Unternehmen gearbeitet. Eine wichtige Zeit für sie selbst, aber auch für den Arbeitgeber, wie Angelika Zaizek betont. „Wir hatten Zeit, uns richtig kennenzulernen, gegenseitig Vertrauen aufzubauen. Und irgendwann war der Mensch Nadine Steinbiß wichtiger als ihre Beeinträchtigung.“ Ohne dieses lange Praktikum wäre es wahrscheinlich nicht zum Arbeitsvertrag gekommen, denkt Zaizek. „Wir hatten einen holprigen Start, dann gab es verschiedene Entwicklungsstufen.“ Heute ist die 24-Jährige eine selbstbewusste Frau, die zufrieden mit ihrem Leben ist, wie sie strahlend erzählt. „Ich bin auch viel ausgeglichener, habe jetzt eine eigene Wohnung und auch einen Partner. Mein Leben ist voll in Ordnung.“
Dass Nadine Steinbiß heute von den Vorgesetzten und Kollegen als zuverlässige Mitarbeiterin geschätzt wird, hat sie sowohl sich selbst, als auch ihren Kollegen zu verdanken. „Das Team hat anfangs Rücksicht genommen, sich auf sie eingestellt“, schildert Stefanie Knippel. Erst sei sie nur mitgelaufen, dann hat sie es alleine versucht „und wir haben ihr nach und nach Verantwortung übergeben, das hat sie beflügelt“.
Dass ein Mensch mit Behinderung so vorurteilsfrei und engagiert in einem Arbeitsteam aufgenommen wird, ist keine Selbstverständlichkeit. „Viele Arbeitgeber haben Vorurteile und Ängste gegenüber der Einstellung von Behinderten“, weiß Jens Krause, Chef des Jobcenters Dessau-Roßlau. Er hat deshalb die Woche der Menschen mit Behinderung zum Anlass genommen, auf die Potenziale dieser Menschen hinzuweisen. „Sie können wertvolle Mitarbeiter sein, die das Betriebsklima bereichern. Man muss sich einfach auf sie einlassen, wie auf jeden anderen Mitarbeiter auch“. (mz)