Wo Kopf und Herz stolpern Wo Kopf und Herz stolpern: Gedenken an die Zerstörung Dessaus

Dessau - Zur gemeinsamen Putzaktion vor dem 7. März hatten gestern die im Dessauer Kiez angesiedelte Werkstatt für Gedenkkultur und die Stadtverwaltung Dessau-Roßlau aufgerufen. Als Geste des Respektes vor den Stolpersteinen, die an das Schicksal Dessauer Juden und anderer Verfolgter und Toter des NS-Regimes erinnern.
Umsäumt von alten, winterkahlen Bäumen - der Lindenplatz in der Siedlung trägt seinen Namen zurecht. Im Häuserkarree reihen sich die in den späten 1920er Jahren errichteten Wohnhäuser der „Junkers-Siedlung“ aneinander. Und die meisten noch auf ihrem ersten Grundstein. Wie die Nr.5.
Ingenieur in den Junkerswerken
Erich Albrecht empfängt die Besucher am Donnerstagvormittag und hat noch die Metall-Politur und den Putzlappen in der Hand. Denn auf dem Gehweg vor seiner Haustür erinnert seit April vorigen Jahres ein „Stolperstein“ an den früheren Bewohner Wilhelm Feuerherdt. Und tatsächlich gibt es eine Verbindung zwischen Feuerherdt und Albrecht.
Der Stein also blitzt und glänzt in der März-Sonne. Und nicht nur jetzt. Sondern immer. „Das ist eine Sache von fünf Minuten und dann ist die Platte wieder sauber. Das gehört sich so, wie das Fegen von Straße und Fußweg“, lächelt der 66-jährige Albrecht.
Auch im Stadtbild von Dessau-Roßlau erinnern seit 2008 „Stolpersteine“ an die Opfer des Nationalsozialismus. Sieben Mal bereits verlegte der Künstler Gunter Demnig in der Stadt an Mulde und Elbe Stolpersteine in dem euopaweiten Mahnmal.
Insgesamt erinnern bisher in Dessau und Roßlau an 45 Stellen Stolpersteine an 80 Menschen und an deren letztem freiwilligen Wohnsitz. Die nächste Veranstaltung ist am 16. April geplant. (sib)
Wilhelm Feuerherdt, geboren 1895, arbeitete in den Dessauer Junkerswerken als Ingenieur. Er hatte Schlosser und Maschinenbauer gelernt und im Ersten Weltkrieg in einem Seebataillon gedient. Er war verheiratet mit Hedwig Alwine und hatte zwei Kinder. Politisch engagierte sich der Ingenieur unter anderem in der Sozialdemokratischen Partei und im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Gestorben ist Wilhelm Feuerherdt in der Nacht vom 9. zum 10. Juli
Mord bleibt ungesühnt
1932 an Stichverletzungen, die ihm von Dessauer Nazis zugefügt worden waren. Mit seiner Reichsbannergruppe war er vor dem „Schweizerhaus“ in Ziebigk, einem Stammlokal der NSDAP, an eine Gruppe Nationalsozialisten geraten. Feuerherdt war das Opfer. Die Untersuchungen wurden 1932 eingestellt. Der Mord an dem 37-jährigen Familienvater blieb ungesühnt.
Die Witwe Hedwig und Mutter von Wolfgang und Ingeborg heiratete 1939 wieder. Mit Joseph Larisch wieder einen Junkersmann. In der Bombennacht vom 7. März 1945 kam Hedwig um. Witwer Joseph heiratete 1951 erneut - die Hinterbliebene eines über England abgeschossenen Piloten. Beide hatten noch drei gemeinsame Kinder, darunter Monika Larisch. Das Mädchen wurde im Haus am Lindenplatz5 geboren und schloss die Ehe mit dem aus Jeserig bei Wiesenburg stammenden Erich Albrecht. „Und so erzählen Haus und Stolperstein ein Stück Familiengeschichte“, so Günther Donath, Pfarrer in Ruhe und in der Werkstatt Gedenkkultur engagiert.
Stolpersteine aufpoliert
Ebenso spannend die Geschichte, die er am Nachmittag in der Medicusstraße 6 erzählen kann. Hier lebten der Kaufmann Siegfried Salomon Kanstein (geboren 1880) und seine Frau Käthe Kanstein (geb. Lövy 1894) mit den Kindern Lotte und Fritz. „Meine Mutter war mit Lotte befreundet und berichtete von dem schrecklichen Tag in der Schule, als Lotte Kanstein aus der Klasse geholt wurde.
Die Mädchen haben sich nie wieder gesehen“, erzählt Stephanie Gerheim. Die Mitstreiterin der Werkstatt hält bis heute den Kontakt nach Israel aufrecht. Denn die kleine Lotte konnte 1940 nach Palästina entkommen.
Vater Salomon war Präsident der jüdischen Anhalt-Loge. Nach der Zwangsauflösung der Loge zog das Ehepaar nach Leipzig. Dort wurden beide im Januar 1941 verhaftet. Siegfried Kanstein wurde in das Lager Sachsenhausen deportiert, wo er am 29. Mai 1942 starb. Käthe Kanstein wurde ins Frauenlager Ravensbrück verbracht. Wie viele jüdische Häftlinge von Ravensbrück, so wurde sie in der Tötungsanstalt Bernburg durch Gas ermordet. Todesdatum: 10. Juni 1942.
Am Donnerstag nun rücken in der Medicusstraße drei junge Familien samt Kinderwagen aus Dessau-Nord an, um die 2010 verlegten Stolpersteine für die Kansteins aufzupolieren. Stephan und Johanna Timme knien sich kräftig ins Zeug, unterstützt von Katrin Ehlers, die Töchterchen Linda Papa Knut anvertraut hat. „Wir haben in Nord schon immer die Stolpersteine gesucht. Und wollen jetzt beim Putzen dabei sein.“ (mz)


