Sensation auf dem Exerzierplatz Vor 90 Jahren gelang dem Dessauer Raketenpionier Johannes Winkler der erste Höhenweltrekord
Dessau - In einem Interview gegenüber dem Anhalter Anzeiger, auflagenstärkste Tageszeitung des Freistaates Anhalt, äußerte sich Johannes Winkler, der „Mann der ersten Stunde“, wie der Dessauer Raketenpionier aus der Brunnenstraße 70 in Fachkreisen genannt wurde, am 20. April 1931 wie folgt: „Wir sind hier in Dessau wissenschaftlich bei weitem an erster Stelle, was das Problem der Flüssig-Treibstoffrakete anlangt.
Wir bauen keine Riesenmodelle, sondern begnügen uns vorerst, auf der Grundlage der wissenschaftlich einwandfrei gefundenen Basis weiterzuarbeiten. Wir machen um dieser Arbeit willen kein großes Geschrei. Aber die Krönung unserer Arbeit, an deren Enderfolg wir glauben, wird eines Tages überraschend und unanfechtbar da sein!“
Die wissenschaftlichen Grundlagen der heutigen Raumfahrt und Kosmosforschung entstanden in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts
Die wissenschaftlichen Grundlagen der heutigen Raumfahrt und Kosmosforschung entstanden in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Zu den Wegbereitern gehörte auch der Dessauer Ingenieur und Theologe Johannes Winkler. Ihm gelang bereits vor 90 Jahren, am 14. März 1931, als erstem Europäer, eine Flüssigkeitsrakete erfolgreich in den Himmel zu starten. Und dieses spannende Ereignis fand statt auf dem einstigen Dessauer Exerzierplatz am Rande des Stadtteils Großkühnau. Beteiligte Techniker und Gäste, aber auch „Zaungäste“, erlebten eine Sensation. Fotos wurden geschossen und für die Nachwelt erhalten. Sogar einige in US-Archiven aufgefundene Filmsequenzen dokumentieren Winklers Raketenversuche.
Doch wie begann der Wunsch des Menschen, nach den „Sternen zu greifen“, Realität zu werden? Als Pioniere der Raumfahrt gelten der Russe Konstantin E. Ziolkowski (1857-1935) und der aus Siebenbürgen stammende Hermann Oberth (1894-1989) als die ersten ernsthaften Theoretiker der Raumfahrt. Der US-Wissenschaftler Robert H. Goddard (1882-1945) in Amerika und der deutsche Ingenieur Johannes Winkler (1897-1947) in Europa gelten als die Wegbereiter der technischen Raumfahrtentwicklung.
Es waren die „Männer der Rakete“, die durch ihre mutige Erprobung mit dem Medium Flüssiggas erfolgreich Raketen starten lassen wollten. Feststoffraketen waren bekannt, aber deren Schubkraft und Reichweiten führten nicht zum erklärten Ziel. Für die Reise in den Kosmos war nach damaliger Erkenntnis nur die Flüssigkeitsrakete erstrebenswert.
Wie Hugo Junkers verzichtete Johannes Winkler aus ethischen und moralischen Gründen auf Patentanmeldungen
Diese Versuche auf dem Gebiet der Raumfahrtforschung führte Johannes Winkler aus, der als Naturwissenschaftler in der Abteilung Strömungstechnik der Forschungs-Anstalt Professor Junkers unter der Leitung des Aerodynamikers Philipp von Doepp ab 1929 tätig war. Auch Johannes Winkler gliederte sich ein in die Forschungsprinzipien nach Junkers’scher Methodik und erreichte hier auf seinem speziellen Gebiet zur Raumfahrtforschung beachtliche Erfolge.
Wie Hugo Junkers verzichtete Johannes Winkler aus ethischen und moralischen Gründen auf Patentanmeldungen, deren militärtechnisch relevante Nutzung in Betracht hätte kommen können. So hat Winkler zum Beispiel das noch unter der Ägide von Prof. Junkers entwickelte sogenannte Bündelungsprinzip (das gleichzeitige Arbeiten mehrerer Raketenkammern innerhalb einer Antriebsstufe) erst nach 1945 veröffentlicht. Bis 1939 blieb Winkler in Dessau und ging danach an die Luftfahrt-Forschungsanstalt nach Braunschweig-Völkenrode zu Prof. Adolph Busemann.
Winkers Rakete galt weltweit als die größte und technisch vollkommenste ihrer Art
Doch zurück zum Erstflug am 14. März 1931. In dessen Auswertung entwickelte Winkler innerhalb von nur vier Wochen eine weitere spezifizierte und leistungsfähigere Rakete mit einer neuartigen Brennkammer, die zu Recht als Urtyp der modernen Raketentechnik angesehen werden kann. Sie galt weltweit als die größte und technisch vollkommenste ihrer Art.
Das Triebwerk bestand aus einer aus der Stahlsorte St 60 gefertigten Kegeldüse, deren optimaler Düsenquerschnitt zur Erhöhung des Energiewirkungsgrades von Winkler errechnet, vom Dessauer Schlossermeister Gottfried Klickermann aus einem Vollstück gedreht und in der Abteilung Strömungstechnik der Forschungs-Anstalt Prof. Junkers von Dipl.-Ing. Paul Jaensch getestet wurde. Die Brennkammer musste Temperaturen von bis zu 1.200 Grad Celsius aushalten. Ihre ideale Endgeschwindigkeit lag bei 182 m/s. Hinzu kam eine aerodynamisch verbesserte Raketenform. Drei Stabilisierungsflächen aus Elektronblech, einer besonderen extrem leichten Aluminiumlegierung, verringerten eventuelle Bahnabweichungen.
Zu den offiziellen Besuchern zählte auch Prof. Hugo Junkers
Während der Startvorbereitung - Montage, Zündverkabelung, Betankung und Sicherheitsvorkehrungen - hatten sich zahlreiche Schaulustige eingefunden. Zu den offiziellen Besuchern zählte auch Prof. Hugo Junkers (1859-1935), der mit seiner Tochter Dorothee erschienen war. Besonders die Schuljugend aus Kühnau verfolgte mit Interesse das Experiment. Diesem erfolgreichen Aufstieg der Winkler-Rakete folgten noch drei weitere Versuche mit unterschiedlichen Leitflächen und Brennkammern.
Beim Aufstieg der Testrakete am 18. April 1931 konnte der erste registrierte Höhenweltrekord einer Flüssigkeitsrakete mit einer Gipfelhöhe von 783 Metern gemessen werden.

Seit Juni 2011 steht am Standort des ersten Aufstiegs einer Winkler-Rakete ein beachtlicher Gedenkstein
Prof. Junkers stand der Antriebsfrage von Raketen als zusätzliche Starthilfe im Flugzeugbau und der Raumfahrt aufgeschlossen gegenüber. Er ließ ab Mai 1933 am Rande des Flugplatzes in einem eigens projektierten Spezialprüfstand Raketentriebwerke entwickeln und testen. Im Bestand der persönlichen wissenschaftlichen Junkers-Bibliothek befand sich auch Herman Oberths bedeutende Schrift: „Wege zur Raumschifffahrt - Die Rakete zu den Planetenräumen.“ Es ist daher kein Zufall, dass im späteren Werner-von-Braun-Team an der Projektierung der Saturn 5-Mondrakete der USA zu Beginn der 1960er Jahre auch der ehemalige Dessauer Junkers-Ingenieur Willi Segewitz maßgeblich an der Entwicklung der Hauptbrennkammer beteiligt war.
Seit Juni 2011 steht am Standort des ersten Aufstiegs einer Winkler-Rakete ein beachtlicher Gedenkstein. Damit besitzt Dessau-Roßlau ein weiteres Denkmal über eine technische Pionierleistung von internationalem Rang, die hier ihren Anfang nahm. (mz/Helmut Erfurth)