Hochwasser Hochwasser : 100 Badewannen pro Minute

Dessau/MZ - Würde man die Augen schließen, wäre es Urlaubsidylle pur. Das Wasser rauscht. Sonnenmilchduft liegt in der Luft. Und wenn der Planet zu sehr drückt, findet sich ein schattiges Plätzchen unter Bäumen.
Aber von Idylle keine Spur: Das Wasser rauscht durch einen Feuerwehrschlauch, der das Nass aus den Gräben rund um die Gartenanlagen Am Schillerpark zieht. Zwischen 8 000 und 9 000 Liter in der Minute ergießen sich hinter die Scheplake-Hochwasserwand in Richtung Stillinge. Dorthin, wo das Wasser mehrere Gartenanlagen verschluckt hat, wo das Nass gut 1,50 bis 1,80 Meter hoch steht. Dorthin, wo Passanten wie Maik Danneberg ungläubig in Richtung der braunen Brühe schauen. „Am Landhaus“ hat Danneberg seinen Garten: „Ich will mir nicht vorstellen, wie es dort aussieht“, sagt er.
Zweiter Trupp im Einsatz
Eine zweite Pumpe mit gleicher Leistung steht nur gut 300 Meter entfernt und fördert ebenfalls ununterbrochen Wasser auf die andere Seite des Deichs. Zusammen, sagt Frank Bohm, schafft das Holland Fire System pro Minute rund 100 Badewannenfüllungen hinter die Dessauer-Wörlitzer-Eisenbahnlinie zu befördern. „Mit der Entwässerung der Gräben helfen wir das Wohngebiet dahinter zu schützen“, sagt Bohm.
Bohm spricht von Dessau-Nord und ist selbst Ludwigshafener. Am Sonntag ist der Einsatzleiter mit 20 Mann und fünf Einsatzwagen zum Einsatz nach Dessau gekommen und hat den ersten Hilfstrupp aus Ludwigshafen abgelöst. Mit der leistungsstarken Pumptechnik hat die rheinland-pfälzische Stützpunktfeuerwehr zuerst in Großkühnau geholfen, wo nachdrückendes Grundwasser ein Problem ist. Seit Montag kommt die Technik in Nord im Bereich Scheplake, Ring- und Walderseestraße zum Einsatz.
Wie schon beim Hochwasser 2002 hilft die Partnerstadt am Rhein Dessau-Roßlau im Kampf gegen die Fluten. „Als am Donnerstag gegen 21 Uhr der Hilferuf kam, hat unser Chef Peter Friedrich nicht gezögert“, erzählt Alexander Fuhrmann. „Kurz vor Mitternacht ist der erste Konvoi los.“ Die ersten 13 Leute wurden abgelöst durch den nun größeren Trupp, dem u.a. Fuhrmann und Thomas Windecker angehören. „Doch nicht nur wir von der Berufsfeuerwehr sind hier, sondern auch die Freiwilligen Feuerwehren unterstützen uns“, erzählen beide. Die Freiwilligen Wehren Ruchheim und Oppau mit jeweils zwei Leuten sowie Stadtmitte mit sieben Kameradinnen und Kameraden sind mit dabei.
Für Jessica Sukale, Calvin Friedmann und Oliver Wolff, alle von der Wehr Stadtmitte, ist die Hilfe eine Selbstverständlichkeit. „Unsere Arbeitgeber sind sehr kulant“, anerkennt Sukale, die Verwaltungsfachangestellte im öffentlichen Dienst ist. Auch Wolff, der in der Jugendstrafanstalt Schifferstadt arbeitet, sowie Friedmann, Entwicklungsassistent bei einer Firma in Mannheim, haben ohne Probleme Freistellungen erhalten. „Wir haben“, sagt Sukale, „sogar zwei Schüler dabei.“
Und alle zusammen „tun wir, was wir tun können“, erklärt Fuhrmann. Zwar hatte der Rhein in Ludwigshafen auch schon die große Uferpromenade überspült, wurden Spundwände zum Schutz aufgestellt, musste noch am Freitag für die Deutschen Filmfestspiele alles bereits Aufgebaute an einen andere Stelle geschafft werden. Mittlerweile hat sich die Situation entspannt. „Jetzt sind sogar schon wieder die ersten Schiffe auf dem Rhein unterwegs“, ergänzt Windecker.
Geben und Nehmen
Fast alle Ludwigshafener Berufsfeuerwehrleute, erzählt Einsatzleiter Bohm, waren bereits bei der Flut 2002 in Dessau, aber auch andernorts wie in Dresden zum Einsatz gekommen. „Schade“, sagt er, „dass wir uns auf diese Weise wiedersehen müssen.“ Doch vor elf Jahren, findet Bohm, „da war das hier eine richtige Katastrophe, da haben sich in Waldersee Dramen abgespielt“. Inzwischen, lobt er, „hat sich unglaublich viel getan, wurde in den Deichschutz investiert“. Der Katastrophenstab funktioniere hervorragend, es würden bürgernahe Entscheidungen getroffen und auch die Bevölkerung, so Bohms Eindruck, reagiere cooler. Und wenn Dessau-Roßlau sage, „wir brauchen Manpower, wir brauchen Technik, dann bringen wir die mit“. Für den Einsatzleiter aus Ludwigshafen ist das ein Geben und ein Nehmen. „Denn irgendwann kann es ja sein, dass auch wir Hilfe benötigen. Und dann können wir auf die Erfahrungen aus Dessau zurückgreifen.“

