Fritz und Paul starten in die Freiheit
Köthen/MZ. - Die beiden Igel-Babys wogen damals so um die 80 Gramm und konnten kein festes Futter fressen. So wurden sie erst einmal mit Milch aus einem Fläschchen hochgepäppelt. "Sie mussten echt wie Babys behandelt werden", erinnert sich Ines Thielicke. "So hieß es für uns zum Beispiel, alle drei Stunden aufzustehen und die Tierchen zu füttern. Um am Tage diesen Rhythmus beibehalten zu können, musste ich sie mit zur Arbeit nehmen."
Die "Igelmutter" Ines ist in der Praxis von Dr. Dieter Schwinger beschäftigt. Die Igel fanden in einem Personal-Zimmer Platz, wo sie auch von Patienten bewundert wurden. "Viele haben damals gesagt: Ihr kriegt sie nicht durch", so Ines Thielicke.
Sie und ihr Mann holten sich Rat, wo sie nur konnten: aus Büchern und nicht zuletzt aus dem Internet. Auf der Seite Pro Igel e.V.
gibt es viele nützliche Tipps. Irgendwann wurden die Tiere groß genug, um auf feste Nahrung umzusteigen. Da es in der Kaufhalle verständlicherweise kein Futter für Igel gibt, wurde ihnen eben Katzenfutter vorgesetzt.
"Zuerst hielten wir die Igel in der Wohnung, dann kamen sie in den Keller", berichtet Ralf Thielicke. "Und im Winter kamen die beiden in unser Gartenhäuschen: Sie brauchten eine Dauertemperatur von unter drei Grad, sonst würden sie keinen Winterschlaf halten."
Vor ein Paar Tagen sind Fritz und Paul - so nannten die Thielickes ihre Igel - aufgewacht. Sie sehen bereits wie zwei erwachsene Tiere aus. Und so beschloss die Familie Thielicke, sie frei zu lassen. Als neues Revier wurde nicht zufällig der Garten bei Micheln gewählt. Zum einen sind die Igel noch nicht gewohnt, sich in der freien Natur mit Futter zu versorgen. So kriegen sie in der ersten Zeit hin und wieder etwas zu fressen. Zum anderen ist es für sie so auch sicherer. "In Köthen würden sie vielleicht schon bald von einem Auto auf der Straße überfahren", meinen Thielickes.
Nun werden die beiden Kinder von Ines und Ralf Thielicke, Vincent (5) und Niklas (8), Fritz und Paul vermissen. Da die Katze der Familie, Charly-Lou, kürzlich starb, ist das Haus - bis auf die Fische in den beiden Aquarien - sozusagen verwaist. Aber nicht mehr lange. Wenn Niklas demnächst ein ordentliches Zeugnis vorweisen kann, bekommen die Brüder von den Eltern zwei Kaninchen geschenkt.
Was Igel betrifft, so werden die Thielickes wahrscheinlich keine mehr aufnehmen. Der Grund dafür ist nicht allein der Arbeitsaufwand, sondern auch die Geruchsbelästigung. Diese hielt sich in Grenzen, solange Fritz und Paul mit Milch verpflegt wurden. Später stanken die niedlichen Tierchen zum Leidwesen ihrer Adoptiveltern "wie die Schweine".