Elf Jahre, elf Tage, fehlende Arbeit
Zu alldem gesellten sich der Aufbau und die Profilierung des Gesundheitsamtes und der Alteneinrichtungen. "Roßlau hat als erster Landkreis im Regierungsbezirk, vielleicht sogar im ganzen Land Sachsen-Anhalt, die beiden Alten- und Pflegeheime an einen privaten Träger übergeben", stellt Karin Krafczyk fest. Das war im Oktober 1991. "Ich würde sagen, das haben wir bestimmt gut gemacht, denn was heute dort steht, und dass sich die alten Leute darin wohl fühlen, bestätigt den damals eingeschlagenen Weg", blickt die Frau, die bis 1973 während einer Frauensonderaspirantur an der Technischen Hochschule Merseburg ihren Doktortitel der Naturwissenschaften erworben hatte, zurück.
Auch auf die Tatsache, dass der Landkreis vor elf Jahren vor der Aufgabe stand, das Sozialamt zu installieren. "Es musste völlig neu aufgebaut werden", erläutert sie, "und seine Aufgaben haben sich im Verlauf der Jahre sehr erweitert." Dabei und bei der Bewältigung der anderen Aufgaben habe sie zum Glück immer sehr engagierte Mitarbeiter gehabt, lobt sie ihre ehemaligen Kolleginnen und Kollegen.
Auch diese Tatsache ermögliche es dem Landkreis als dem ersten im Land, seit dem 1. Juli dieses Jahres den Modellversuch mit der pauschalierten Sozialhilfe zu fahren. "Ich habe noch nichts Negatives darüber gehört, die Sozialhilfeempfänger eigenverantwortlich mit ihren Finanzen wirtschaften zu lassen", sagt sie. Und man habe sowieso in jedem Fall versucht, Sozialhilfe möglichst zu keiner Dauererscheinung werden zu lassen.
Diesen Pragmatismus wendet Karin Krafczyk auch an, wenn es ums Krankenhaus des Landkreises geht. Sie weiß, dass die Roßlauer sie am liebsten gelyncht hätten, als Zerbst der Standort der medizinischen Einrichtung wurde. Aber für sie zählen immer noch die gleichen Argumente wie in jener Zeit: Zerbst liegt zentraler zwischen Magdeburg und Dessau, außerdem war die Bettenzahl in Zerbst die höhere. "Und die Bausubstanz, die kann man ändern", verteidigt sie die Entscheidung noch heute. Obwohl: "Immer wenn das Krankenhaus zur Debatte stand, hat mich das sehr mitgenommen. Das kostete mich immer zwei Kilo", gesteht sie rundheraus.
Und ihr ist durchaus klar, dass es unter ihrer Ägide auch Entscheidungen gegeben hat, die später wieder revidiert oder abgeändert werden mussten, siehe Gymnasium Coswig. Aber das gehört für die Frau, die sich den Ruf eines in solchen Diskussionen oft unbequemen Partners erworben hat, zum Leben mit dazu. Denn die Zeiten ändern sich halt.
So auch bei ihr. Wo sie früher zuweilen für reichlich Zündstoff in kommunalpolitischen Diskussionen sorgte, kocht, bäckt oder brät sie heute. Oder engagiert sich in der Lebenshilfe Rotall, in deren Vorstand sie seit der Gründung ist ("Es macht mich stolz, dass wir jetzt eine so schöne Schule für geistig Behinderte haben.").
Oder sie besucht die Freiwillige Feuerwehr Coswig, die sie zu ihrem Ehrenmitglied gemacht hat. Nicht von ungefähr. Denn mit Hochachtung spricht die drahtige Sechzigerin nicht nur von der verantwortungsvollen Arbeit von Rettungssanitätern und Notärzten, sondern auch von den Freiwilligen Feuerwehren, deren Kameraden bei Un- oder anderen Fällen oftmals Aufgaben übernehmen, "die ich ihnen am liebsten nicht zumuten mochte und die sie bis an den Rand des psychisch und physisch Machbaren brachten", sagt sie.
Wenn jemand für so viele Dinge verantwortlich zeichnete, wie Karin Krafczyk in ihren elf Jahren und elf Tagen Amtszeit, dann ist es trotz vieler Aktivitäten und Hobbys manchmal ein wenig zu still zu Hause. Dann wird der rührigen Frau klar, dass sie wohl depressiv geworden wäre, hätte sie ihre Berufung erst jetzt im Winter an den Nagel gehängt. "Das trübe Wetter", sagt sie. Da sei es wohl doch gut gewesen, dass sie diesen Schritt und Schnitt im Sommer gemacht habe. "Das gab wohl die kleineren Probleme", mutmaßt sie. Und kocht sich einen der geliebten Espressos. Im Bewusstsein, Jüngeren Platz gemacht zu haben.