Dessau-Roßlau Dessau-Roßlau: Goldener Moment für silbernen Deckelbecher
DESSAU/MZ. - Die Stadt sei nicht gerade reich gesegnet, musste Oberbürgermeister Klemens Koschig zum wiederholten Mal in seiner Amtszeit bedauernd feststellen. Dabei ging es diesmal gar nicht um den aktuellen Haushalt, sondern um den historischen. Der Ratsschatz sei nicht mehr da, meinte Koschig, der Silberschatz verloren. Dafür muss nun ein einzelnes Stück herhalten.
Das wird recht profan als Dessauer Deckelbecher bezeichnet, stellt aber ein wahres Meisterwerk Dessauer Gold- und Silberschmiedekunst aus dem 17. Jahrhundert dar. Sein Erwerb hat 120 000 Euro gekostet. Seit Mittwoch kann das "sehr seltene und sehr sehr wertvolle Stück" (Koschig) im Stadtgeschichtlichen Museum im Johannbau bewundert werden.
Als "eine besondere Stunde für unsere Stadt", betrachtete Koschig den kleinen feinen Festakt der Übergabe des Deckelbechers in der Marienkirche. Als "positives Ergebnis der Ankaufsbemühungen" wertete Gisela Wolfahrth stellvertretend für die Geschäftsführer der Galerie Neuse diese feierliche Übergabe. Und Philipp Demandt von der Kulturstiftung der Länder schätzte sich sehr glücklich, dass der barocke Silberbecher "nach einigen Umwegen und Warteschleifen" nach Dessau zurückgebracht werden konnte.
Tatsächlich haben die Verhandlungen um den Erwerb des "doppelwandigen, vergoldeten Deckelbechers auf Kugelfüßen mit Tierkampfdarstellungen in Weißsilber", wie er in dem Gutachten des Berliner Experten Professor Winfried Baer bezeichnet wird, zwei Jahre gedauert. 2008 hatte die Stadt davon erfahren und Oberbürgermeister Koschig dem Diplom-Historiker Günter Ziegler im Kulturamt den Traum vom "Dessauer Deckelbecher in Dessau" nicht ausgeredet. Allerdings hatte Koschig eine Bedingung: Der Erwerb darf die Stadt nichts kosten.
Dass es in der Folge vieler kluger Entscheidungen bedurfte, bevor "der schwere, sehr effektvolle Becher" (Baer-Gutachten) in der Ausstellung "Schauplatz vernünftiger Menschen" seinen Platz finden konnte, das ließen die vielfältigen und herzlichen Dankesworte am Mittwoch erahnen. Knapp versachlicht beschreibt es der Pressesprecher der Stadt so: "Durch die Bereitstellung von finanziellen Mitteln durch die Kulturstiftung der Länder, die Ernst-von-Siemens-Kulturstiftung, das Land Sachsen-Anhalt sowie durch einen anonymen privaten Spender wurde der Rückerwerb dieses einmaligen Kunstobjektes ermöglicht."
Dazu kommen auf alle Fälle "das Verständnis, die Unterstützung und die Geduld" (Demandt) der Bremer Galerie Neuse, die am Mittwoch mehrfach lobend und dankend hervorgehoben wurde. Dr. Demandt anerkannte die "allererste Qualität", die die Galerie erwerbe und anbiete, das Wissen, "wo etwas historisch hingehört", und die "hanseatische Handelstradition", die darauf ziele, dass Verkäufer und Käufer zusammenkommen.
Für das Engagement der Kulturstiftung der Länder in diesem und vielen anderen Fällen zuvor hatte Demandt folgende Begründung parat: "Wo man sich stetig engagiert, da fördern wir auch stetig hin." Es sei in Berlin schon zum geflügelten Wort geworden: "Schon wieder Dessau?!"
Die Museumsreferentin des Kultusministeriums Sachsen-Anhalts hob "die Beteiligung vieler" mit Blick in das Publikum in der Marienkirche und "die Beharrlichkeit einzelner" mit Blick zu Ziegler hervor. Dessau sei mit kulturellen Einrichtungen gesegnet, auch mit Museen, stellte sie recht zufrieden fest, um dann einen "Selbstfindungsprozess der Stadt bei den Museen" auszumachen. Die Stadt solle in ihrem Engagement für die Museen nicht nachlassen, ermunterte sie Verwaltung und Stadträte. Dessau-Roßlau habe viele gute Partner - und das Land werde die Stadt auf dem Weg begleiten.
Den Deckelbecher selbst mit seinen 22 Zentimetern Höhe und dem Gewicht 1063 Gramm gab es in der Marienkirche nicht zu sehen. Der stand schon im Johannbau. Als Zeugnis der Kultur und der Geschichte in Anhalt / Dessau, wie es der Untertitel der Dauerausstellung verspricht.