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Standesgemäß im Trabant de Luxe

Von Corinna Nitz 12.12.2004, 14:41

Wittenberg/MZ. - Und dass am Wochenende der Weihnachtsmann im Trabi zum Adventsmarkt im Haus der Geschichte erscheint, ist nicht bloß Ehrensache sondern vor allem standesgemäß.

Nun sitzt er da, der alte Zausel, eingeklemmt hinterm Lenkrad, und ist genau so aus Pappe wie sein fahrbarer Untersatz. Der trägt das Nummernschild SML 3-54. "S", sagt Christel Panzig, die Begründerin von "Pflug", "das war das Kennzeichen von Leipzig." Sie spricht gedehnt von "Leipzsch". Der Versuch, die Fahrertür zu öffnen, scheitert sodann. Das Schloss ist eingefroren. Unterdessen schreitet die Frau vom Weihnachtsmann, ganz lebendig, über den Hof und immer wieder auch hinaus auf die Straße. Es ist Sonnabendmittag und die Schar der Besucher bleibt vorerst übersichtlich. Mit einem Sack voll Geschenke lockt die hoch gewachsene Dame im roten Mantel, die Sabine Hennig-Vogler heißt und Mitglied im Verein ist, Passanten herbei. "Meine Rute", erzählt sie und hebt bedrohlich das Reisigbündel in die Höhe, "die benutze ich nicht." Ihre Autorität bezieht sie wie alle Weihnachtsmänner und -frauen aus ihrer Verkleidung.

Nun ist es aber keineswegs nur der Trabi, der diesen Adventsmarkt von anderen in der Lutherstadt abhebt. Es gibt zudem einen Märchenwald aus Kiefernbäumchen - samt Pfefferkuchenhaus und hutzeliger Hexe. Der größte Unterschied allerdings liegt in den diversen Offerten für Kinder. Bei "Pflug" können die lieben Kleinen sich beispielsweise als "Wichtelbäcker" austoben. Der Andrang in der nostalgischen Schauküche ist enorm. Ein Beistellherd verströmt heimelige Wärme. Und in einem altertümlichen Backofen werden Plätzchen dutzendweise gebacken. Zu den jüngsten Bäckern dürfte Johanna gehören. Beherzt langt die Kleine in den Teigkloß vor sich und knetet ihn so fest, dass die Masse zwischen ihren zierlichen Fingern hervorquillt. Wie alt sie ist? Johanna klatscht den Klumpen auf den Tisch und hebt die Hand: "Vier." Die Eltern haben sich übrigens in die Stadt verfügt. Bei den Mitarbeiterinnen von "Pflug" wissen sie ihren Nachwuchs gut aufgehoben. Insgesamt, schätzt Christel Panzig, dürften 20 Vereinsmitglieder im Einsatz sein. Engagiert betreiben sie nicht nur auf dem Hof ihre Stände, sondern halten auch das Museum geöffnet. Dass sie die Wohnmilieus weihnachtlich dekoriert haben, versteht sich von selbst.

Wer derzeit in die erste Etage hinauf steigt, sieht sich jedenfalls in den guten Stuben von einst mit handgeschnitzten Pyramiden und, ja, auch mit "Jahresendfiguren mit Flügeln" konfrontiert. So hießen im Jargon des real existierenden Sozialismus die Engel. Unter aufgetakelten Weihnachtsbäumen mit störrischem Lametta liegen Geschenke und auf dem Sofa eine Katze, die so täuschend echt aussieht, dass Vereinsmitglied Renate Buhle schon meint, die Sammetpfote sei ausgestopft. Bestimmt ist sie das.

Das Haus der Geschichte im Internet unter www.pflug-ev.de