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Kapitän von Bitterfeld Kapitän von Bitterfeld: Helmar Becker will Poucher Faltboote wieder auf Kurs bringen

Von Steffen Höhne 03.04.2017, 10:00
Bootsbauer und Segler Helmar Becker steht auf Ixylon. Jährlich werden 30 bis 40 Jollen gefertigt.
Bootsbauer und Segler Helmar Becker steht auf Ixylon. Jährlich werden 30 bis 40 Jollen gefertigt. Andreas Stedtler

Bitterfeld - Es riecht leicht nach Harz. Durch große giebelartige Deckenfenster fällt Tageslicht in die kahle Werkhalle. Mitarbeiter von BTM Marine haben am Vortag Schwerter hergestellt - keine zum Kämpfen, sondern welche zum Segeln. In eine Form werden Glasmatten gelegt und mit Harz aufgegossen. Schicht für Schicht. Es entsteht ein ungefähr ein Meter langes und zwei Zentimeter dickes Schwert, welches später eine Abdrift der Boote auf dem Wasser verhindern soll.

In der Mitte der Werkstatt steht Helmar Becker an einem Segelboot, das sich im Aufbau befindet. Der 1,90 Meter große Mann hat dichtes dunkles Haar, breite Schultern und kräftige Oberarme. Die Hände sind rau. Kein Schreibtisch-Arbeiter. Der 48-Jährige ist passionierter Segler und führt eine der wenigen ostdeutschen Bootswerften.

Jollen vom Typ Ixylon werden seit 1997 in Bitterfeld gebaut

Seit 1997 werden am Ortsrand von Bitterfeld Jollen vom Typ Ixylon gebaut. In den Verkaufsräumen hängen große Bilder an den Wänden: Mal peitscht der Wind die Jolle in Schräglage, mal trinkt eine Familie auf dem Boot Kaffee. „Die Ixylon ist vielseitig einsetzbar“, sagt der BTM-Inhaber. Diesem Umstand verdankt sie auch ihren Namen: Die Jolle für Herrn X und Frau Y. Seit 1969 wird dieser Bootstyp gebaut. Zunächst von der Yachtwerft Berlin. Bereits in den 70er Jahren werden auf ihr DDR-Meisterschaften ausgetragen. „Sie erlaubt sportliches Segeln“, sagt Becker. Ihr besonderes Merkmal seien die zwei Seitenschwerter. Die Ixylon ist die einzige DDR-Bootsklasse, die die Wende überlebt hat. Das hat auch viel mit Helmar Becker zu tun.

Bereits mit fünf Jahren nimmt ihn sein Vater mit zum Segeln, mit sieben fährt er die ersten Regatten. In der Bitterfelder Werft steht ein ganzes Wandregal voller Pokale, die Becker im Laufe der Jahre gewonnen hat. „Beim Segeln ist man dem Wetter und dem Wasser unmittelbar ausgesetzt. Das reizt mich“, sagt der Familienvater, der noch heute jährlich an zehn bis zwölf Wettbewerben teilnimmt.

Als Mitte der 90er Jahre die Produktion des Bootes in Berlin enden sollte, übernimmt der Ingenieur, der Fabrikplanung studiert hat, die Fertigung und verlagert sie nach Bitterfeld. Die kleine Werft befindet sich in der ehemaligen Werkstatt des Braunkohle-Tagebaus. Und dort, wo früher die Bagger nach Kohle gruben, ist heute das Seglerparadies Goitzsche.

30 bis 40 neue Boote werden jedes Jahr von BTM Marine gefertigt. Das klingt zunächst nicht viel. „Doch damit gehören wir in Deutschland schon zu den größeren Bootsbauern für Jollen“, erklärt Becker. Im polnischen Stettin lässt das Unternehmen von sechs eigenen Mitarbeitern den Rumpf fertigen. In Bitterfeld wird das Boot dann aufgebaut. In kleinteiliger Handarbeit bringen Becker und drei weitere Beschäftigte Mast, Schwerter, Segel, Ösen, Klemmen und vieles mehr ans Segelboot an.

Ein Vergleich: Während in modernen Autofabriken nur noch 30 bis 40 Prozent des Fahrzeugs gefertigt und der Rest der Teile zugekauft werden, liegt die sogenannte Fertigungstiefe der Werft bei 80 Prozent. Da Becker selbst Segler ist, kann er auf Sonderwünsche seiner Kunden schnell eingehen. „Es ist beim Bootsbau sehr hilfreich zu verstehen, wie das Segeln funktioniert.“ Als Ingenieur fällt es ihm auch nicht schwer, die Produktion effizient zu organisieren. „Die reine Herstellungszeit einer Ixylon liegt bei sieben bis acht Tagen.“ Trotz der vielen Seen, die in den vergangenen Jahren in Mitteldeutschland entstanden sind, kommt die Mehrzahl der Käufer noch nicht aus der Region. „Aus dem Raum Hamburg, Berlin und Alpenvorland verzeichnen wir die meisten Aufträge.“ Eine kleine Verkaufsstelle am Cospudener See im Süden von Leipzig hat er wieder aufgegeben. „Das rechnet sich noch nicht. Da haben wir auch Lehrgeld gezahlt.“ Mehr als 50 Boote könnten die Bitterfelder ohnehin im Jahr kaum produzieren. „Wir sind ganz zufrieden so, wie es ist“, sagt der Firmenchef. Ein Unternehmen, das nicht wachsen und expandieren will?

Nicht so ganz. Seit ein paar Monaten ist Becker auch Kapitän des Faltboot-Herstellers Poucher Boote. Der Betrieb wurde Mitte 2016 im Rahmen eines Insolvenzverfahrens an einen Bitterfelder Unternehmer verkauft. Dieser wollte Firma und Marke erhalten sowie die Tischlerei für eigene Bauaufträge nutzen. Der Investor ist aber kein Bootsspezialist. Also wurde Becker als Geschäftsführer mit ins Boot geholt. Poucher Faltboote und die Ixylon sind die beiden letzten verbliebenen ostdeutschen Traditionsmarken in ihrem Segment. „Das ist schon ein wenig vergleichbar“, sagt Becker. „Neben wirtschaftlichen Aspekten habe ich Interesse, dass dieser Bootstyp erhalten bleibt.“ Also wurde in der Werft noch etwas Platz geschaffen und ein Teil der Produktion vom benachbarten Pouch nach Bitterfeld verlegt. Beide Firmen bleiben zwar eigenständig, gerade in der Lagerhaltung und beim Einkauf sollen aber gemeinsame Strukturen genutzt werden.

Poucher Faltboote: Viel Handarbeit in der Werkstatt

Wie beim Jollen-Bau entstehen auch die Faltboote in Handarbeit. In der Tischlerei - am alten Standort - werden zunächst die massiven Eschenholzbohlen in mehreren Arbeitsschritten zurechtgesägt und geschliffen. Aus den einzelnen Holzteilen montieren die Tischler dann unter anderem die Bodenleitern und Bordwände.

In der Bitterfelder Werkstatt wird auf großen Tischen die Bootshaut aus Stoff und PVC-Gewebe ausgebreitet. Mit Schablonen schneiden Mitarbeiterinnen die Stücke zurecht. Der Stoff wird direkt an Kolleginnen an der Nähmaschine weitergereicht. Es ist reine Manufaktur-Arbeit. „Die Außenhaut und das Gerüst müssen perfekt zueinander passen“, sagt Becker. „Es kommt auf jeden Millimeter an.“ Er hat großen Respekt vor der Arbeit seiner Mitarbeiter. „Zur Not könnte ich ein Segelboot allein herstellen, ein Faltboot nicht.“

Ähnlich wie bei den Segelbooten geht es Becker nicht allein darum, die Absatzzahlen der Faltboote in die Höhe zu treiben. „Ein großer Teil der Aufträge besteht beispielsweise aus Reparaturarbeit“, sagt er. „Das dauerte in der Vergangenheit zu lange, die Kunden haben einen besseren Service verdient.“ Natürlich will Becker Geld verdienen. Privat fährt er einen großen Mercedes. Doch wenn er über das Geschäft redet, dann geht es zuallererst um gute Produkte, die er auch selbst gern kaufen würde. Der Unternehmer strahlt eine gewisse Gelassenheit aus. Vielleicht bekommt man die ja, wenn man tausende Stunden segelnd auf dem Wasser verbracht hat.

Wassersport: Segelboot und Paddelboote verlieren nicht so schnell an Wert

Das Segelboot Ixylon wird seit Ende der 60er Jahre gebaut. Insgesamt sind mehr als 5.500 Boote diesen Typs auf den Gewässern unterwegs. Eine neue Jolle kostet je nach Ausstattung von 10.000 bis 15.000 Euro. Der Hersteller BTM Marine hat nach eigenen Angaben eine Lieferzeit von rund acht Wochen.

Auch gebraucht werden die Jollen intensiv gehandelt. Für gut erhaltene Boote aus den 90er Jahren müssen noch 5.000 bis 6.000 Euro gezahlt werden.

Poucher Faltboote werden seit 1953 in dem kleinen Ort Pouch nahe Bitterfeld gefertigt - in der DDR waren es jährlich tausende Faltboote. Wie der Name schon sagt, lassen sich diese auf- und abbauen. Damit eignen sie sich, um sie auf Urlaubsreisen mitzunehmen. Die Boote mit einer Länge von 5,20 Metern kosten je nach Typ und Ausstattung zwischen 2.800 und 3.600 Euro. An die Faltboote lässt sich auch ein sogenanntes Treibersegel und ein kleiner batteriebetriebener Außenmotor anbringen. (mz)

In der Bitterfelder Werkstatt werden nun auch Faltboote produziert.
In der Bitterfelder Werkstatt werden nun auch Faltboote produziert.
Steffen Höhne
Die PVC-Außenhaut wird zuerst geschnitten und anschließend verschweißt
Die PVC-Außenhaut wird zuerst geschnitten und anschließend verschweißt
Steffen Höhne