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Kabarett im Brett'l-Keller Kabarett im Brett'l-Keller: Überlebenszeichen aus dem Untergrund

Von Irina Steinmann 10.11.2002, 17:57

Wittenberg/MZ. - Karin Weisenborn hat ein paar harte Monate hinter sich. Seit sie ihr das Theater weggenommen haben, muss sie sich irgendwie durchschlagen. Hier ein bisschen "Barrik", dort eine Veranstaltung im Gefolge eines städtischen Fest-Tages, das war's dann auch schon. Nicht genug für eine Frau, die wohl die treueste Besucherin des mittlerweile geschlossenen Wittenberger Theaters war. Am Reformationstag hörte sie dann ein Gerücht, das sie elektrisierte: Der Brett'l-Keller macht wieder auf. Und es war kein Gerücht. "Ich habe mir sofort eine Karte gekauft", sagt Karin Weisenborn und sieht sehr glücklich aus dabei.

Seit Freitagabend brennt wieder Licht im Keller am Schlossplatz. Eine Handvoll Leute um die Schauspielerin Carola Bläss will dort zumindest bis zur Jahreswende Kabarett und mehr über die Bühne bringen, vorerst ohne finanzielle Unterstützung der klammen öffentlichen Hand (die MZ berichtete). Den Auftakt machte das Kabarett-Programm "(Überlebens-)Zeichen" mit Thomas Müller und Mario Welker, zwei Schauspielern und Sängern, die beide den Wittenberger Theater-Besuchern keine Unbekannten sind. Im Premierenpublikum: ein früherer Intendant und weitere Ex-Theaterleute, ein Politiker-Paar von der PDS, vier fröhliche Touristinnen aus Magdeburg - und insgesamt ein ausverkauftes Haus.

"Fettbemme 1,10 Euro" steht auf einem Holzbrett neben der Theke, und vermutlich war es schon immer so, dass im Brett'l-Keller erst das Essen kommt und dann die Moral. Es geht gar nicht anders, denn der Weg in die Küche führt quer über die kleine Bühne. Erst als auch die Letzten ihr Abendessen auf dem Holztisch haben und mit Glühwein versorgt sind, schlägt die Stunde der Kabarettisten.

Natürlich ergießen sich zur Freude des Publikums gleich vorab einige Kübel Häme über die "angehende Kulturhauptstadt", die kein Theater mehr hat. Was folgt, ist ein temporeiches Programm, das vor allem vom Wortwitz lebt und bei dem die Kaste der Politiker, aber auch Wendehälse, Banker, Menschenverächter aller Couleur ihr Fett weg kriegen. Die Pointen kreisen um Schröders "Neue Mitte", wo sich bekanntlich fast alles drängelt, landen, politisch unkorrekt, bei Günter Mittag, "nach dem heute sogar eine Mahlzeit benannt ist", und gipfeln in der Forderung, den Mittwoch zum Sonntag zu machen und das Mittelmaß zum Leistungsmesser der Republik. Wenn Thomas Müller in Strickjacke und Kassenbrille den "Mann auf der Straße" mimt, der als "Der-Bürger-erwartet-von-uns" auch "im Lande" zu Hause ist, dann platzen mit lautem Knall die Worthülsen der hohen Politik. Müller und Welker mögen gelegentlich im Inhalt plakativ sein, platt sind ihre Aussagen nie.

Es ist schon weit nach 22 Uhr am Abend der Premiere, als Brett'l-Wirtin Annerose Lilge mit leiser Freude feststellt: "Heute war's wieder so wie in den alten Zeiten." Wie in den ganz alten, sagt einer. Karin Weisenborn hat ihr sorgsam gehütetes rotes Album mit allen Zeitungsausschnitten, das Wittenberger Theater seit 1970 betreffend, mitgebracht und verteilt Kopien aus einer Zeit, als man "vier Jahre!" auf einen Platz im Brett'l-Keller warten musste. Sie hofft so sehr, dass es jetzt weitergeht, irgendwie.

Nächste Veranstaltung am 15. November um 19.30 Uhr, Tel. 03491 / 40 31 64