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Bitterfeld Bitterfeld: Eine Reise in die Vergangenheit

Von ULF ROSTALSKY 03.04.2011, 16:24

BITTERFELD/MZ. - Augen gehen auf Wanderschaft. In der Ferne muss sie auftauchen. Die Lok, die die Herzen von Eisenbahnfreunden höher schlagen lässt. Als kleiner Punkt zeichnet sich die E 44 044 am Horizont ab, wird größer, pfeift und ist schließlich zum Greifen nah. "Ein Erlebnis", ist Lutz Schennerlein überzeugt. Der Holzweißiger ist ein Freund der Eisenbahn. Ein "Nietenzähler" möchte er allerdings nicht sein. "Das sind doch die ganz verrückten. Die, die alles genau unter die Lupe nehmen." Allerdings zückt auch Schennerlein den Fotoapparat und hält fest, was es heute nur noch selten zu sehen gibt.

Die E 44 ist eine von fünf Lokomotiven ihrer Art, die noch fahrbereit sind. 1936 gebaut und in Breslau in Dienst gestellt, rollte sie Jahrzehnte auf den Schienen - in Deutschland, dann in Russland und schließlich auch auf den Gleisen zwischen Dessau und Bitterfeld.

Seit 100 Jahren ist die Strecke elektrifiziert. Mit dem Einsatz eines historischen Sonderzugs wurde das Jubiläum jetzt gefeiert. Ralf Haustein aus Zörbig ist wie Lutz Schennerlein nah dran am Geschehen auf dem Bitterfelder Bahnhof. Beide begutachten Lok und Waggons. Vergessen ist die Fachsimpelei über aktuelle Konzernpolitik der Bahn, vermeintliche Überbetonung der Hauptstrecken und die sträfliche Vernachlässigung der offensichtlich weniger wichtigen Verbindungen. Stattdessen tut sich für die Eisenbahnfreunde das Tor in die Vergangenheit auf. Holzbänke, wo heute Polstersessel Komfort bieten. Dazu mit Jörg Ebeling ein Schaffner, der die kleinen Papp-Fahrkarten mit der Zange entwertet.

"Mir macht das einfach Spaß", erzählt der Mann, der beruflich nie Bahn gefahren, heute aber engagiertes Mitglied der Dampfzug-Betriebsgemeinschaft aus Loburg ist. Die steuerte die Waggons zum Sonderzug bei, die E-Lok ist bei den Eisenbahnfreunden in Dessau stationiert. Solche Fakten sind für Leon Brand Nebensache. Der Vierjährige aus Muldenstein ist mit dem Großvater auf Abenteuertour und hält dem Schaffner brav die Fahrkarte hin. Die hat Margrit Traue schon eine Stunde vorher entwerten lassen. Die Dessauerin sinnierte mit ihrem Nachbarn auf der Holzbank über die Wagenklasse. "Dritte", meint Ludwig Laimer, der zu den Fahrgästen mit der weitesten Anreise gehört haben dürfte. Der Bahnfreund ist im österreichischen Innsbruck zu Hause.

Die Tour nach Mitteldeutschland war Pflicht für ihn. "Bei uns gibt es keine einzige historische E-Lok mit Betriebserlaubnis." Das Erlebnis Bahn begeistert den Tiroler, während Harald Meinecke und Hans-Joachim Berger im Führerstand der E 44 auf die Einhaltung des Fahrplans achten. "Noch eine Minute bis zur Abfahrt." Pünktlich wollen sie den Zug Richtung Dessau in Bewegung setzen.

Vom Zuckeltempo keine Spur. "Die Lok kann bis 90 Stundenkilometer schnell sein", glaubt Ludwig Laimer, während Margrit Traue den Blick aus dem Fenster und die Dutzenden Bahnfreunde genießt. Rolf Haustein und Lutz Schennerlein sind noch immer mit dem Fotoapparat unterwegs, nehmen alles genau in Augenschein. Doch "Nietenzähler"? Das ist Ansichtssache. Bahnfans sind sie auf jeden Fall.