Anhalt-Bitterfeld Anhalt-Bitterfeld: Kampf um den Horst hat begonnen
SCHLAITZ/MZ. - "Eigentlich sind die Männchen zuerst aus dem Winterquartier zurück und bereiten für die später ankommenden Weibchen schon die Nist-Kuhle vor." Etwas Wehmut schwingt in den Worten von Sabine Kunze, die gemeinsam mit Susanne Grießbach das Informationszentrum für Umwelt und Naturschutz "Haus am See" in Schlaitz leitet. Denn Romeo, wie er 2006 getauft wurde, seitdem eine Kamera neben dem Horst angebracht wurde und rund um die Uhr Bilder ins Haus am See liefert, sei nicht nur sehr treu im Bezug auf den Standort, sondern: "Er kam auch immer pünktlich, zwischen dem 25. und 28. März", blickt Sabine Kunze zurück.
Doch in diesem Jahr ist alles anders. Denn nicht nur Paula hat vergebens Ausschau gehalten, sondern auch sämtliche Mitarbeiter vom Haus am See und Besucher. "Wir haben in den vergangenen Tagen unzählige Anrufe bekommen. Und alle wollten wissen, was denn nun mit Romeo sei, ob er inzwischen eingetroffen ist oder Hinweise vorliegen, die mit ihm im Zusammenhang stehen", berichtet Sabine Kunze über die Anfragen. Doch sie könne nur Vermutungen anstellen, was passiert sein könnte. Erschwerend komme hinzu, dass Romeo nicht beringt sei. So könnte es sein, meint sie, dass er inzwischen einfach zu alt ist und den Rückflug von Westafrika nach Schlaitz - rund 7 000 Kilometer - nicht mehr geschafft hat. Denn nach vorliegenden Erkenntnissen schätze man das Alter von Romeo auf rund 20 Jahre. "Viel älter werden Fischadler nicht", weiß die Biologin. Vielleicht habe er auch gespürt, dass er den Rückflug nicht mehr schafft, und sei für seine letzten ein, zwei Jahre ganz einfach im warmen Afrika geblieben. "Für uns die schönste Vorstellung", meint Sabine Kunze. Möglich sei natürlich auch, das er schon auf dem Hinflug in eine Stromleitung geraten sei, in ein Unwetter oder ein großes Fahrzeug ihn erwischt hat - Gefahren, wie Sabine Kunze meint, die die häufigsten Unfallursachen auf dem langen Weg ins Winterquartier und zurück sind.
Doch es ist keine Zeit zur Trauer, denn rund um den Horst findet das pralle Leben statt. Und alles wird auf dem Bildschirm im Haus am See verfolgt und genau Buch darüber geführt, was passiert. Sabine Kunze erzählt, dass der Horst "in bester Lage" am intensivsten von einem Fischadlermännchen mit der Ringnummer AP 3 in Augenschein genommen wird - mehrmals am Tag über mehrere Stunden. "Doch eine Nist-Kuhle gebaut hat der in Calbitz bei Torgau 2004 beringte Vogel noch immer nicht, obwohl Paula schon mehrmals vorbeigeschaut hat", erzählt Sabine Kunze über das Treiben am Horst. Doch ist keine Kuhle vorbereitet, komme auch kein Weibchen. Auch einen Fisch, gewissermaßen das Brautgeschenk, habe "AP 3" Paula nicht gebracht. "Seit ein paar Tagen haben wir sie hier nicht mehr gesehen. Möglicherweise hatte ein anderer männlicher Partner ihr mehr imponiert", vermutet die Biologin.
Obwohl der Horst seit Tagen stark umworben sei, habe noch kein Fischadler das Nest endgültig in Besitz genommen. "Die Vögel scheinen großen Respekt vor dem angestammten Besitz zu haben, vielleicht auch deshalb, weil das bisherige Tier noch zurückkommen könnte und der Platz wieder streitig gemacht wird", gibt Sabine Kunze ihre Beobachtungen wider. Sie erzählt, dass am 29. März ein Fischadler mit der Kennung "MZ 1" aufgetaucht sei, der 2008 im Fläming beringt worden sei. Und die Dame "W 03", die im gleichen Jahr im Elbe / Elster-Gebiet ihren Ring bekommen hat, sei ebenfalls häufiger Gast im Nest gewesen. Doch "AP 3", der mit aufgestellten Flügeln auch den Horst verteidigt, habe noch keine endgültige Entscheidung getroffen.
Dabei ticke die biologische Uhr. "Spätestens Ende April müssen die Verhältnisse geklärt sein", sagt Sabine Kunze lächelnd, denn mit Eiablage, die rund zwei Wochen dauert, 35 bis 41 Tagen Brutzeit, müssten Ende Juni die Küken schlüpfen, damit sie bis Ende August / Anfang September groß genug und kräftig sind, um den weiten Weg nach Westafrika zu schaffen.