Anhalt-Bitterfeld Anhalt-Bitterfeld: Ein großes Herz für Kinder
BITTERFELD/MZ. - Marion Alich stehen die Tränen in den Augen, als sie erzählt. Von dem Besuch vorletzte Woche in der Kinderarztpraxis von Gabriele Prehl. Dort, in der Bitterfelder Jahnstraße, war sie mit ihren beiden Töchtern in Betreuung, seit es die Praxis gab. Jetzt war es ihr letzter Besuch. Einer, nach dem das auf Wiedersehen fraglich ist - zumindest an diesem Ort. Denn Gabriele Prehl, promovierte Medizinerin und Kinderärztin mit Leib und Seele, hat sich in den Ruhestand verabschiedet.
Fast 20 Jahre eigene Praxis
63 Jahre alt wird die Frau in diesem Sommer. Und obwohl sie offenbar schon länger überlegt hat, das aktive Berufsleben zu beenden: "Leicht gefallen ist es ihr überhaupt nicht. Im Gegenteil." Wer das so überzeugend sagt, muss es wissen. Und Marlis Behling weiß genau, wovon sie spricht. Immerhin stand sie der Ärztin seit deren Selbstständigkeit als "Schwester Marlis" treu zur Seite. Und das wären am 1. April genau 20 Jahre gewesen.
Der gelernten Kinderkrankenschwester fällt es nach diesen zwei Jahrzehnten ebenfalls nicht leicht, über den Abschied zu sprechen. Doch sie und Marion Alich und noch ganz viele andere Eltern von Patienten sind der Meinung, dass Gabriele Prehl einfach eine Würdigung verdient hat. Und weil sie selbst über sich kein Wort verlieren wollte, weil ihr ihre Arbeit laut Schwester Marlis selbstverständlich war und sie dafür auch viel zu bescheiden ist, haben andere das jetzt übernommen.
Dass sie Ärztin geworden ist, verdankt Gabriele Prehl ihrem Elternhaus. Der Vater war ebenfalls Arzt, die Mutter Apothekerin. Man wohnte im selben Haus, wo sich Praxis und Apotheke befanden. Da hat die Tochter schon frühzeitig das Medizinerleben kennen gelernt und sich ihre Eltern zum Vorbild genommen, wie Schwester Marlis aus Erzählungen weiß.
Bevor sie nach der Wende ihre eigene Praxis eröffnete, war sie Ärztin in der Ambulanz des damaligen Bitterfelder Kreiskrankenhauses. Dort hatte Marlis Behling auch den ersten Kontakt zu ihr, hat sie doch selbst ihre Ausbildung in dieser Klinik absolviert. Dass sie einmal so lange und so intensiv miteinander arbeiten würden, habe sie damals natürlich noch nicht geahnt, sagt Schwester Marlis. Warum das aber so gekommen ist, dafür weiß sie den Grund.
"Frau Prehl war eine Ärztin, wie man sie sich nur wünschen kann", schwärmt sie noch immer. "Sie hat einfach ein großes Herz für Kinder." Für sie sei der Beruf Berufung gewesen, und sie habe weitaus mehr getan, als eigentlich normal gewesen wäre. "Bei uns wurde keiner abgewiesen, auch wenn keine Chipkarte vorlag. Wenn ein Kind da war, dann wurde es auch untersucht." Und das nicht nur zu den Sprechzeiten und regulären Hausbesuchen. Nicht selten ist Gabriele Prehl auch in ihrer Freizeit gekommen, wenn man sie rief.
Der Seele Kraft gegeben
"Man konnte sie sogar zu Hause anrufen", ist Marion Alich noch heute von Herzen dankbar dafür. Denn sie hat das so manches Mal in Anspruch nehmen müssen. Ihre ältere Tochter ist schwerbehindert, da gab es oft Probleme, die sich nicht nach Dienstzeiten richten. Und als Susanne noch dazu sehr krank wurde und ihre Mutter kaum ein noch aus wusste, da war es wieder Frau Prehl, die fest an ihrer Seite stand - nicht nur in medizinischer Hinsicht. "Sie hat mich auch psychisch aufgebaut und meiner Seele wieder Kraft gegeben", sagt Marion Alich. "Das tat so unheimlich gut."
Viele andere Eltern bestätigen das. Und auch Großeltern und Urgroßeltern wie Margot Klaus. Die 77-Jährige und ihr Mann pflegen ihre mittlerweile 16-jährige und ebenfalls behinderte Urenkelin
Jessica von Geburt an. Und ebenso lange waren sie bei Frau Prehl in Behandlung. "So eine Ärztin gibt es nicht noch mal", bringt es Margot Klaus für sich auf den Punkt. "Sie ist so oft zu uns nach Hause gekommen, wenn es nötig war, egal wie spät oder früh."
Wie viele Patienten und ihre Eltern solch eine Meinung haben von ihrer bisherigen Kinderärztin, das beweisen nicht zuletzt die vielen Merci-Schokoladen und andere Pralinenkästen, die Blumen als Strauß oder Gesteck und auch die kleinen Geschenke, mit der die Praxis zum Abschied überhäuft worden ist. "Manche sind uns auch einfach nur um den Hals gefallen und haben geheult", sagt Schwester Marlis. "Das ging schon sehr ans Herz."
Gute Wünsche für die Zukunft
Doch so schwer der Abschied auch gefallen ist und immer noch fällt: Marlis Behling und ihre Kolleginnen und alle anderen wünschen "ihrer Doktorin" jetzt auch ihren wohlverdienten Ruhestand, den sie mit Mann und Familie - sie hat eine Tochter - verbringen möchte. Und in dem sie sich auch noch mehr um die Katzen und den Hund kümmern kann, denn Tiere liebt sie ebenfalls über alles. Sollte dann noch Zeit bleiben, entsteht vielleicht auch das eine oder andere selbst gestrickte Teil, denn diese Handarbeit zählt Gabriele Prehl zu ihren liebsten Hobbys.