Kandidaten im Gespräch Kandidaten im Gespräch : Jan Korte (Die Linke) - Eifriger Händeschüttler

Bernburg - Jan Korte strebt seine vierte Amtszeit im Bundestag an. Der 40-jährige Linke erzählt im Gespräch mit MZ-Redakteur Torsten Adam über seine Angel-Leidenschaft, unterschiedliche Begrüßungsrituale und seine politischen Ansichten.
Sie sind 2005 direkt nach dem Politik-Studium von der Uni in den Bundestag gewechselt. Wollten Sie denn nie einen anständigen Beruf erlernen?
Jan Korte: Ich wollte schon – und eigentlich etwas in Richtung Politikwissenschaft machen. Dann gab es aber mehrere Zufälle, die mich in den Bundestag verschlagen haben. Ich weiß, dass Politiker nicht der angesehenste Beruf ist, aber daran kann man ja arbeiten. Während des Studiums habe ich in der Gastronomie gejobbt. Es hat mir außerordentlich viel Spaß gemacht, dort unterschiedlichsten Leuten zu begegnen.
In Ihrem Buch „Geh doch rüber“ beschreiben Sie die unterschiedliche Gewohnheiten in Ost und West. Schütteln Sie heute in Berlin häufiger die Hände als dass Sie dieses Begrüßungsritual unterlassen?
Ich bin inzwischen ein überzeugter Händeschüttler geworden. Dass das nicht überall üblich ist, fällt mir nur noch auf, wenn ich auf meine Verwandtschaft im Westen treffe.
Jan Korte wurde in Osnabrück geboren und wuchs in der niedersächsischen Kleinstadt Georgsmarienhütte auf. 1999 verließ er die Grünen und trat in die PDS ein.
Ein Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Geschichte an der Universität Hannover schloss er 2005 als Magister Artium ab, seitdem ist er auch Mitglied des Bundestages. In seiner Partei gilt er als Innenexperte, seit knapp zwei Jahren ist er persönlicher Stellvertreter der Fraktionsvorsitzenden Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht.
Der 40-Jährige ist seit 2008 verheiratet. Mit seiner Frau, zweijährigem Sohn und sechsjähriger Tochter lebt er in Berlin, pendelt aber regelmäßig in seinen Wahlkreis Anhalt und übernachtet hier bei Freunden. Einen Angelschein erwarb er bereits als 14-Jähriger, seit wenigen Monaten ist er auch stolzer Besitzer eines Pkw-Führerscheins. (mz/tad)
Ihr SPD-Konkurrent will mit dem Pfund wuchern, ein waschechter Anhalter zu sein. Fühlen Sie sich als West-Import da nicht im Nachteil?
Nein, ich war ja sehr integrationswillig. Entscheidend ist außerdem, welche Politik ich mache und ob ich präsent bin. Man kann meine Arbeit kritisieren, mir aber nicht vorwerfen, dass ich mich in Anhalt nur vor der Wahl blicken lasse. Ich stehe mit Überzeugung zu meiner Politik und halte das, was ich im Wahlkampf verspreche, wie beispielsweise im Bundestag keinen Kriegseinsätzen zuzustimmen.
Sie sind leidenschaftlicher Angler. Was ist denn einfacher zu angeln: ein dicker Fisch oder ein Bundestagsmandat?
Ein dicker Fisch! Angeln ist das maximale Kontrastprogramm zu den irrsinnigen Abläufen in Berlin. Beim Angeln habe ich mich nur auf diese eine Sache zu konzentrieren, als Politiker sind 1000 Dinge zu beachten. Nur beim Fischen und den Unternehmungen mit meinen Kindern nehme ich mir das Recht heraus, nicht übers Handy erreichbar zu sein.
Sie stehen auf Platz zwei der Linke-Landesliste und werden auch ohne Direktmandat wahrscheinlich in den Bundestag einziehen. Könnten Sie da nicht im Wahlkampf die Hände in den Schoß legen?
Nein, wer nicht voller Leidenschaft um jede Stimme kämpft, sollte es mit der Politik sein lassen. Im Wahlkreis Anhalt zeichnet sich zudem ein spannender Zweikampf zwischen der Linken und der CDU ab. Für den Wähler heißt es, für ein weiter so wie bisher oder für uns als Alternative zu stimmen.
Ihre Laufbahn begannen Sie als Jugendlicher bei den Grünen, die sie 1999 wegen der Zustimmung zum Nato-Einsatz in Jugoslawien im Streit verließen. Wie gut ist Ihr Verhältnis heute zur Ex-Partei?
Ich war jung und man macht Fehler. Diesen habe ich mit dem Parteiwechsel korrigiert. Ich gehe heutzutage gern mit Anton Hofreiter ein Bier trinken, sonst verbindet mich mit den Grünen wenig. Ihnen fehlt völlig die soziale Ader. Im Zweifel würden sie Merkel als Kanzlerin wählen, ich werde das nicht tun.
Die Linke pflegt traditionell ein gutes Verhältnis zu Russland, mit dem die EU wegen der Krim-Annexion über Kreuz liegt. Halten Sie die Sanktionen für notwendig?
Ich bin strikt dagegen, weil die ostdeutsche Wirtschaft darunter leidet. Ich bin auch aufgrund der geschichtlichen Erfahrungen der festen Überzeugung, dass die Krisen in dieser Welt nur mit, nicht gegen Russland zu lösen sind.
Nach den G20-Krawallen ist der Linksextremismus aktuell im öffentlichen Fokus. Was sagen Sie denn als Linker zu den Ausschreitungen in Hamburg?
Ich habe das schon im Fernsehen gesagt: Ich finde Gewalt zum Kotzen, unsere Partei steht für Gewaltfreiheit. Die übergroße Mehrheit der Demonstranten in Hamburg war friedlich, das ist durch die Krawalle in der öffentlichen Wahrnehmung leider etwas untergegangen.
Wenn Sie auf die jüngste Legislaturperiode zurückblicken: Was war Ihr größter Erfolg?
In der Einführung des Mindestlohnes, weil er das Leben vieler Menschen verbessert hat, auch wenn das Niveau noch zu niedrig ist und es zu viele Ausnahmen gibt. Die Linke forderte diese Lohnuntergrenze seit 2005, wir sind bei dem Thema immer beharrlich am Ball geblieben.
Sie sitzen mittlerweile zwölf Jahre im Bundestag. Ist irgendwann die Zeit gekommen, da man sich in ständiger Opposition aufgerieben hat?
Wenn ich mich nicht mehr über Ungerechtigkeit aufrege, sollte ich aufhören. Die Bundesregierung hat zu verantworten, dass der Pflege-Mindestlohn mit 9,50 Euro im Osten niedriger ist als im Westen (10,20 Euro). Das ist eine Frechheit. Noch habe ich die Kraft, dagegen zu kämpfen. Ich habe einen Mitarbeiter- und Freundeskreis, der mich regelmäßig erdet. Meine Eltern haben mich gelehrt, kein Gefallen am Schulterklopfen der Mächtigen zu finden.
Was wollen Sie in den nächsten vier Jahren in Berlin bewegen, worauf liegt ihr Fokus?
Auf Gerechtigkeit für Ostdeutschland: gleiche Löhne für gleiche Arbeit und gleiche Renten für gleiche Lebensleistungen. Der Kampf gegen Kinderarmut, eine angemessene Besteuerung von Reichtum und Entlastung unterer Einkommen sind weitere Ziele. (mz)