Kaffee, Seife, Schokolade

Kaffee, Seife, Schokolade: Historikerin Konstanze Soch berichtet über Westpakete an DDR-Bürger

Bernburg - Kaffee, Orangen, Seife und Schokolade: Der „Westen“ hatte seinen ganz eigenen verheißungsvollen Duft. Ein Duft, den die Menschen diesseits der Grenze des jahrzehntelang geteilten Deutschlands nur in komprimierter Form einer mehr oder weniger kleinen eckigen Postsendung entnehmen konnten – dem ...

Von Felix Filke

Kaffee, Orangen, Seife und Schokolade: Der „Westen“ hatte seinen ganz eigenen verheißungsvollen Duft. Ein Duft, den die Menschen diesseits der Grenze des jahrzehntelang geteilten Deutschlands nur in komprimierter Form einer mehr oder weniger kleinen eckigen Postsendung entnehmen konnten – dem Westpaket.

Über dieses Kulturgut deutsch-deutscher Geschichte hat die Historikerin Konstanze Soch, die aus einem kleinen Ort bei Stendal stammt, ihre Doktorarbeit geschrieben – und einige Auszüge daraus bei einem Vortrag in der Stadtbibliothek Bernburg vorgestellt.

„In vielen ostdeutschen Familien war das Paket aus dem Westen ein Ritual“, sagt die 30-Jährige. So habe sie in vielen Interviews und durch Zeitzeugenberichte herausgefunden, dass das Paket zumeist im Wohnzimmer – dem festlichsten Raum der Wohnung – ausgepackt wurde.

Anfangs schickten auch Ostdeutsche Pakete

Weniger bekannt ist aber, dass die Ostdeutschen beinahe ebenso eifrig Pakete nach drüben geschickt haben. „Ende der 1950er Jahre wurden sogar mehr Ost- als Westpakete verschickt“, so Soch. Dabei stand stets eine Frage im Mittelpunkt: Was schenkt man jemandem im „Goldenen Westen“, wo es bereits alles gibt?

„In die Ostpakete wurden regionale Produkte wie Hallorenkugeln oder Halberstädter Würstchen gepackt, aber auch Kalender, belletristische Literatur und Artikel des Kunstgewerbes wie einen Schwibbogen.“ Insgesamt sei es aber schwierig gewesen, „auf Augenhöhe zu schenken“.

Im Westen konnte man die Pakete von der Steuer absetzen

Apropos Augenhöhe: Vor allem nach der Wende waren viele Ostdeutsche enttäuscht, als ihnen klar wurde, was es mit dem Inhalt der mit Spannung erwarteten Pakete auf sich hatte. Da waren Kaffee und Schokolade dann eben oft nur von Aldi – und von der Steuer konnte man die Präsente auch noch absetzen.

„Dadurch sind dann später auch Spannungen entstanden“, sagt Soch. Auch deshalb, weil man sich nicht getraut hat zu sagen, dass man gar keine Nougat-Schokolade mag oder die Feinstrumpfhosen beim besten Willen nicht die richtige Größe haben.

Eine Zuhörerin berichtet von ihren Erfahrungen

Eine ähnliche Erfahrung mit der lieben Westbekanntschaft hat auch eine Zuhörerin gemacht: „Als junges Mädchen habe ich mal ein schreckliches hellblaues Kleid in einem Westpaket geschickt bekommen, das habe ich sofort weggeworfen.“ Ihr Vater habe daraufhin einen bitterbösen Brief geschrieben – „und danach war für längere Zeit auch erst mal Ruhe“.

Bis zu ihrer Hochzeit im Jahr 1989 der Postbote ein Paket mit „weißer abgetragener Bettwäsche“ ins Haus brachte. „Die allgemeine Vorstellung war wohl, dass wir hier gar nichts haben.“

„Die Westdeutschen wollen viel eher darüber reden”

Diesen persönlichen Eindruck bestätigt auch Konstanze Soch. Erst nach der Wiedervereinigung konnten und mussten die Rollen völlig neu verhandelt werden: „Nicht alle im Osten waren arm und nicht alle im Westen reich.“

Die Historikerin hat auch festgestellt, dass die Ost- und Westdeutschen mit diesem deutschen Kulturgut auch heute noch ganz unterschiedlich umgehen: „Das Interesse an dem Thema ist von beiden Seiten ähnlich hoch, aber die Westdeutschen wollen viel eher darüber reden.“

30-Jährige schickt heute Pakete mit Regionalem in den Osten

Eine weitere Zuhörerin an diesem Abend war Romy Schreiber. Die 30-jährige Bernburgerin studiert mittlerweile in Mainz und schickt noch heute Westpakete – für ihre daheim gebliebene Mutter packt sie regelmäßig typische regionale Leckereien ein.

„Beim letzten Mal war Spundekäs mit drin, aber auch Brezeln und Apfelwein.“ Im Gegenzug bekommt sie auch Präsente zurück: „Liebe Zeilen von Mutti und kleine Aufmunterer fürs Studium.“

Erzählen Sie uns Ihre Geschichten!

Welche Erinnerungen verbinden Sie, liebe Leser, mit den Westpaketen, die Sie vor der Grenzöffnung von Verwandten oder Freunden erhielten? Welche besonderen Geschenke konnten Sie auspacken? Haben Sie diese eventuell sogar bis heute aufbewahrt? Worüber haben Sie sich gefreut oder geärgert? Hatten Sie vielleicht sogar Ärger wegen der Pakete mit der Staatssicherheit? Schickten Sie auch Ostpakete nach drüben? Die MZ-Lokalredaktion will diese Erinnerungen in einer Adventsserie drucken.

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