Dramatische Kanutour Dramatische Kanutour: Angst und Dankbarkeit auch zehn Jahren später

Bernburg/freyburg/MZ - Ein Schiff hat sie bis heute nicht wieder betreten, das Schwimmen in tieferen Gewässern ist ein Tabu: Miriam Lutze war vor zehn Jahren nur knapp dem Tod entronnen. Die Ängste sind geblieben, der Dank an ihre Lebensretter auch. Die dramatischen Ereignisse von damals rekapituliert das MDR-Fernsehen am Donnerstagabend.
Es hätte ein unbeschwerter Schulausflug in den Burgenlandkreis werden sollen. Rund 40 Achtklässler der Bernburger Sekundarschule Süd-Ost fahren am 11. Mai 2004 mit dem Rad von Naumburg nach Freyburg. Nach einer Besichtigung der Rotkäppchen-Sektkellerei steht eine Paddeltour auf der Unstrut auf dem Programm. Die ersten 15 Kanus kommen gut ins Wasser, doch dann nimmt der vergnügliche Nachmittag eine jähe Wende. Gemeinsam mit zwei Mitschülerinnen und ihrer Klassenlehrerin muss Miriam Lutze um den zwischenzeitlich am Ufer angelegten Ausflugsdampfer „Fröhliche Dörte“ herumpaddeln. Ihr Kanu gerät dabei in die Strömung des Flusses. Schnell wird es in Richtung Wehr abgetrieben, Panik bricht aus, das Boot kentert schließlich.
"Wir sind ums Überleben geschwommen"
Immer wieder ziehen die Strudel die Köpfe der Lehrerin und der drei Mädchen unter Wasser. „Ich wusste gar nicht mehr, wo oben und unten ist. Wir sind ums Überleben geschwommen. Ich habe die ganze Zeit gedacht, jetzt ist es vorbei“, schildert die heute 25-Jährige der MZ.
Derweil haben Manfred Schmidt, Kapitän der „Fröhlichen Dörte“, und sein Matrose Jan Wilda die gefährliche Situation schnell erfasst und handeln sofort. Sie wissen um die tückische Wasserwalze am Sturzwehr. Erst ein Jahr zuvor war hier ein junger Mann am Himmelfahrtstag beim Versuch ertrunken, das Wehr zu Fuß zu überqueren. Während das ebenfalls in den Sog geratene Schiff schon voll läuft, stemmt sich Manfred Schmidt ins Steuerrad. Jan Wilda und ein Passagier ziehen die Mädchen und die Lehrerin an den Bootskörper, bis die Feuerwehr mit einem Schlauchboot naht. Noch bevor alle gerettet sind, versinkt der Stolz der Unstrut-Dampferflotte in den reißenden Fluten.
Die Geretteten werden ins Krankenhaus eingeliefert - zur Beobachtung. „Weil wir so viel Wasser geschluckt hatten. Bis auf einen Schock sind wir aber glimpflich davongekommen“, erinnert sich Miriam Lutze, die inzwischen in Hannover lebt und bei einer Veranstaltungsagentur eine Ausbildung absolviert. „Ich bin immer noch total dankbar“, ist sich die Mutter eines dreijährigen Sohnes bewusst, dass sie ihr Familienglück nicht zuletzt dem schnellen Handeln ihrer Freyburger Lebensretter zu verdanken hat.
Spenden für gesunkenes Fahrgastschiff
Für Kapitän Manfred Schmidt brechen indes schwere Zeiten an. Das gesunkene Fahrgastschiff ist mitten in der Hauptsaison wochenlang nicht einsetzbar. Allein die Kosten für Bergung, Reparatur und Transport belaufen sich auf rund 85 000 Euro.
Doch der Lebensretter, nun selbst in Not, wird nicht alleingelassen. Das Telefon im Büro der kleinen Reederei steht nicht still. Pausenlos treffen Danksagungen und Hilfsangebote ein. Auch die Stadt Bernburg eröffnet ein Spendenkonto. Am Ende kommt eine Summe von 16 000 Euro zusammen. Dreieinhalb Monate nach dem Unglück kann die auf der Schiffswerft Dresden-Laubegast reparierte „Fröhliche Dörte“ wieder ablegen. Da haben sich Miriam Lutze und Mitschülerin Marie-Luise Martin längst schon mit einer herzlichen Umarmung bei ihren Ersthelfern persönlich bedankt.