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Lesung mit Klaus Ehrlich Lesung mit Klaus Ehrlich: Wüste am Plattenbau

Von Regine lotzmann 11.09.2015, 15:00
Klaus Ehrlich liest, plaudert, zeigt Filme - und begeistert das Publikum.
Klaus Ehrlich liest, plaudert, zeigt Filme - und begeistert das Publikum. frank gehrmann Lizenz

aschersleben - In der kleinen Kapelle der Ascherslebener Kreisbibliothek wurden sofort nackte Tatsachen geschaffen. Der eigentlich harmlose Schwarz-Weiß-Streifen, bei dem Fernsehmann Klaus Ehrlich seine Mode mitten am FKK-Strand, umringt von zahllosen klatschenden und vor allem nackten Menschen präsentiert, hatte den Macher der Sendung „Mode mal Ehrlich“ nämlich einst in die Schlagzeilen der Boulevard-Blätter gebracht. Und auch heute noch wird er immer wieder darauf angesprochen. „Ich bin ein alter Filmheini“, zuckt Ehrlich bei seiner inzwischen zweiten Lesung in Aschersleben lachend die Schultern, „da fange ich natürlich mit einem Film an.“

Dass der in Berlin lebende Regisseur noch einmal in die Stadt seiner Kindheit und Jugend gekommen ist, war eine spontane Reaktion. Denn seine erste Lesung im April war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Ebenso wie die Wiederholung an diesem Donnerstagabend. „Ein Selbstläufer“, freut sich Bibliotheksleiterin Susanne van Treek. Und hat eine weitere Überraschung parat. Bernhard Woda, beim ersten Mal nur ein Zuhörer, bot aufgrund der schlechten Akustik in der kleinen Kapelle an, dieses Mal kostenlos die Beschallung zu übernehmen. „Nebenberuflich bin ich DJ“, erklärt der Tonmann, der diesen Abend ein kleines bisschen schöner machen wollte. Das schaffte er auch. Denn Klaus Ehrlich war dieses Mal in dem voll besetzten Saal bis in die hinterste Ecke gut zu verstehen.

Spaßige Abfallprodukte

Und das Publikum zeigte sich dann auch begeistert. Es kicherte ausgelassen, gab öfters spontanen Zwischenapplaus und erinnerte sich an viele der gezeigten Fernsehausschnitte. Denn die eigentliche Lesung bestand aus einer Mischung aus charmantem Plaudern, den eingespielten Filmen und pointiertem Vorlesen aus seinem Buch „So Ehrlich wie möglich“. „Das“, betonte er noch einmal, „sind keine Sternstunden der Literatur, sondern spaßige Abfallprodukte.“ Abfallprodukte aus einem ereignisreichen Leben als Reiseleiter und Ascherslebener Möhrenkopp, als Moderator und Regisseur. „Über 184 Modesendungen habe ich gemacht und das mit sehr viel Spaß.“

So berichtet er an diesem Abend nicht nur von seinem Zusammentreffen mit Nina Hagen oder Karl Lagerfeld, Helga Hahnemann oder Hildegard Knef, sondern auch von den vielen großen und kleinen Problemen, die so ein Modedreh mit sich bringen kann. So sollten Klaus Ehrlich und sein Team 1986 zum Beispiel Safarimode präsentieren. Doch das Budget war knapp und Fahrten ins Ausland nicht wirklich erlaubt. „Wo also sollten wir eine Kulisse finden, die wie eine Wüste aussieht?“ Der Zoo in Schwerin war eine Idee. Doch die Wege waren nicht breit und lang genug. „Mode muss nämlich schwingen“, verrät Klaus Ehrlich.

Als er abends dann auf dem Weg ins Hotel war, entdeckte er einen noch unfertigen Plattenbau, eine Baustelle mit einem gigantischen Sandberg. Die perfekte Wüste, schoss es dem Regisseur durch den Kopf, der weiteres Glück hatte: Im Nachbarhaus war ein Rohr geplatzt. „Das war der Fluss!“ Und so mussten die Models - Utensilien, wie Safarihüte und Schmetterlingsnetze, hatten sie dabei - den ganzen Drehtag den Sandberg hinauf- und hinunterstapfen. Und hatten mächtigen Spaß. „Beim Schnitt habe ich dann noch einiges Getier, wie Schlangen oder Skorpione, hineingebastelt.“ Und schon war die Illusion perfekt.

Sechs alte Damen in einer WG

Mitgebracht hatte der Berliner aber auch die Anfänge seiner filmischen Arbeit. Die lagen nämlich beim Werbefernsehen der DDR. „Sind Fische wirklich gesund?“, fragte da eine ältere Dame den als Arzt verkleideten Gerd E. Schäfer. „Wohl schon. Es war noch keiner in meiner Sprechstunde“, antwortete der und die Zuschauer lachten. „Das ist nicht von mir, aber solche Sprüche, wie ,Baden mit Badusan’ oder ,AKA Elektrik - in jedem Haus zu Hause’.“ Mit seinen Ascherslebener Geschichten ging Ehrlich dagegen ein bisschen sparsamer um. Die sollten nämlich am nächsten Tag - zur Jubiläumsfeier der Lübenschule - zum Einsatz kommen, wo er gemeinsam mit Schulfreundin Regine Röder-Ensikat zu einer ebenfalls ausverkauften Doppellesung eingeladen hatte. „Ich habe Kurzgeschichten aus meinem gerade als E-Book erschienenen Krimi ,Pech’ und meinen im letzten Jahr veröffentlichten Roman ,Leichen unter Kaviar’ mitgebracht“, erzählt die Autorin, die ebenfalls in Aschersleben aufgewachsen und Schülerin des heutigen Stephaneums war. Die Idee für dieses Buch hat sie dann auch ihren Mitschülern zu verdanken. „Wir haben immer gesagt, wenn wir alt sind, ziehen wir zusammen und machen eine Alters-WG auf“, erinnert sie sich lachend. „Und das ist der Ausgangspunkt für den Krimi - sechs alte Damen in einer WG, alle voller krimineller Energie...“

Wie das Buch ausgeht? Das sei in der Lesung in der Lübenschule - ihrer ersten in Aschersleben - zu erfahren. Anders als Klaus Ehrlich war sie selbst zwar keine Lübenschülerin, aber ihre Schwester arbeitete einst als Junglehrerin dort. „Sie wird bei der Feier Ehrengast sein - mit ihren 86 Jahren“, freut sich Regine Röder-Ensikat. Und würde - genau wie ihr Schulfreund Ehrlich - gerne wiederkommen. Erste Gespräche mit dem in den Zuschauerreihen sitzenden Schulleiter des Stephaneums, Klaus Winter, hat es am Ende der Lesung in der Bibliothek auf alle Fälle schon gegeben. (mz)