Gemeinde kündigt Kita-Trägerschaft
Giersleben/MZ. - Zum einen hatte das Problem mit einer Metall- Feuerleiter, die im Jahr 2005 an der Außenfront der Kindertagesstätte installiert wurde, zu dieser Entscheidung geführt. Denn eigentlich sollte diese den zweiten Fluchtweg im Notfall sichern. Nachdem das Bauordnungsamt des früheren Landkreises Aschersleben-Staßfurt die Planungen genehmigt hatte und die Umbauarbeiten abgenommen wurden, stellte sich jedoch heraus, dass die Gierslebener Kinder den Fluchtweg im Ernstfall gar nicht erreichen. Das Problem: Die Feuerleiter endet an keiner Tür, sondern an einem Fenster und das wiederum können die Mädchen und Jungen nicht besteigen, da es zu hoch ist. Das Landesamt für Verbraucherschutz bestätigte die Mängel und forderte den Träger der Einrichtung auf, das Problem zu beheben.
"Wir haben die Auflage erhalten, den Durchgang mit einer Leiter oder Stufe zu versehen, über die die Kinder die eigentliche Fluchttreppe erreichen", erklärte Angela Schröder, Geschäftsführerin der Volkssolidarität Kinder-, Jugend- und Familienwerk gGmbH Sachsen-Anhalt (KJF). Tatsächlich brachte ein Mitarbeiter der Volkssolidarität am 13. Dezember 2007 eine dreistufige Holztreppe in der Kindertagesstätte an. Im Ernstfall soll diese am Fensterbrett eingehangen werden und den Kindern den Weg durch das Fenster zur eigentlichen Feuerleiter ebnen. Zwar hat die Volkssolidarität damit ihre Auflage erfüllt, jedoch garantiert diese Holzleiter keine Sicherheit für die Kinder. "Die zwei- bis dreijährigen Knirpse trauen sich nicht drauf", bestätigte Sandra Thiele, Vorsitzende des Elternkuratoriums der Kita, dass die Erfüllung der Auflage nutzlos ist. Dass die Holzleiter keine Lösung ist, befürwortete auch Günter Heichel, Vorsitzender des Vorstandes der Volkssolidarität Sachsen-Anhalt e.V.: "Das Ganze ist ein Provisorium", erklärte er, verwies aber mehrmals darauf, dass die Volkssolidarität ihre Auflage erfüllt habe.
Auf die Frage der Eltern, wie eine Lösung seiner Ansicht nach denn aussehe, antwortete er: "Für die Sicherheit und den Brandschutz ist allein der Eigentümer verantwortlich", sah er die Verantwortung nicht beim KJF. "Ich bin ein bisschen entsetzt über ihre Antwort", entgegnete der Gemeinderat Peter Rietsch und fragte, wie mit Problemen dieser Art in anderen Einrichtungen der Volkssolidarität umgegangen werde. "Einen solchen Fall gibt es in keiner anderen Kindertagesstätte, nur in Giersleben", antwortete der Geschäftsführer.
Auch wenn die Volkssolidarität die Auflage ihrer Meinung nach erfüllt hat, werden sich die Giersleber von dem Träger trennen. Denn die Unzufriedenheit der Räte und Eltern hat eine zweite Ursache. "Immer wenn wir Veranstaltungen wie Weihnachtsfeiern oder andere Feste auf die Beine stellen wollten, wussten wir nicht, wie viel Geld uns dafür zur Verfügung steht, obwohl die Eltern monatlich dafür einen Beitrag zahlen", erklärte Manuela Boritzki, die Mitglied im Elternkuratorium der Kindertagesstätte ist. "Wir wollten Einsicht nehmen und die Belege sehen. Dabei hat sich herausgestellt, dass einige Posten, die aufgeführt waren, gar nicht bei uns angekommen sind. Beispielsweise waren Gelder für Bürsten und Kämme aufgeführt. Diese sind in Giersleben aber gar nicht vorhanden", meinte sie.
Die Gemeinde forderte daraufhin die von einem unabhängigen Wirtschaftsprüfer beglaubigte Endabrechnung des KJF, wie vertraglich vereinbart, aus dem Jahr 2006 mehrfach an. "Uns wurden Unterlagen von einem Steuerberater vorgelegt, die Mängel aufweisen. Wir hatten viele offene Fragen, die unbeantwortet blieben", schilderte Benno Rietsch den Stand der Dinge. Denn bis heute sind die Jahresergebnisse nicht in Giersleben eingegangen. Unter anderem fehlen die Gesamtbelege für alle Rechnungen, die anteilig auf die Kindertagesstätte umgelegt wurden, auch die Berechnung der Personalschlüssel blieb offen. So konnte Günter Heichel am Freitagabend den Gemeinderäten nicht bestätigen, dass der Volkssolidarität die von einem unabhängigen Wirtschaftsprüfer beglaubigten Jahresergebnisse vorliegen.
Dass es abschließend zu der Entscheidung kam, die Trägerschaft mit dem KJF seitens der Gemeinderäte zu beenden, hat ihre Ursachen auch darin, dass die Kommunikation zwischen der Leitung der Kindertagesstätte und der Leitung des KJF nicht mehr funktioniert. Das Verhältnis ist zerrüttet. "Früher hat die Zusammenarbeit immer prima funktioniert. Jetzt fühlen wir uns missverstanden. Als Träger muss es dem KJF doch in erster Linie um das Wohl der Kinder gehen, auch wenn es seiner Meinung nach seine Auflage im Hinblick auf die Treppe erfüllt hat", fasste Kurt Hoffmann, Vorsitzender des Giersleber Kultur- und Sozialausschusses, seine Ansicht in Worte und plädierte für einen Trägerwechsel.
Dass sich die Fronten verhärtet haben, brachte auch Peter Rietsch auf den Punkt: "Das Ganze ist leider nicht mehr zu kitten. Das Problem hat die Giersleber emotional getroffen. Einige haben überlegt, aus der Volkssolidarität auszutreten, auch wenn die Volkssolidarität der Senioren und das KJF zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind. Die Probleme sind zwischenmenschlich geworden. Hier wurde wohl Mobbing betrieben", meinte er im Hinblick darauf, dass die Leiterin der Einrichtung, Doreen Hlawaty, für zwei Tage beurlaubt wurde.
Der Antrag des Rates, die Trägerschaft zu kündigen, wurde einstimmig befürwortet. Er legte ferner fest, das Kuratorium und die Eltern der Kinder kurzfristig einzuladen, um ihnen die Lebenshilfe Bördeland gGmbH als neuen Träger vorzustellen. Das Problem mit der Feuerleiter will die Gemeinde Giersleben zum Wohl der Kinder jetzt selbst in die Hand nehmen und so schnell wie möglich zu einem Ende führen. Die entsprechenden Gelder sind bereits im Haushalt eingestellt.
Vorschläge des Leiters der Verwaltung, Hans-Jürgen Borchmann, eine betonierte Leiter mit Griffen zum Festhalten anstelle der Holztreppe in die Wege zu leiten, wurden abgewiesen. "Das funktioniert nicht, ist auch nicht zulässig", erwiderte Benno Rietsch. "Wir haben keine Zeit zu verlieren, brauchen pragmatische Ansätze, alles muss zack, zack, zack gehen. Das Fenster muss durch eine Tür ersetzt werden und die Metall-Feuertreppe an der Außenfront ist zu kürzen", brachte Peter Rietsch die Diskussion zu einem Ende.
In der kommenden Woche will die Gemeinde einen Vor-Ort-Termin mit Vertretern des Bauordnungsamtes des Salzlandkreises, Verantwortlichen der Stadtverwaltung und Gemeinderäten in die Wege leiten, um die gesetzlichen Vorschriften für den zweiten Fluchtweg abzusprechen.