1. MZ.de
  2. >
  3. Leben
  4. >
  5. Zusammenleben: Zusammenleben: Gemeinsames Geben und Nehmen

EIL

Zusammenleben Zusammenleben: Gemeinsames Geben und Nehmen

19.09.2001, 08:52
Gemeinsames Wohnen wird immer seltener
Gemeinsames Wohnen wird immer seltener Elke Wentker

Bielefeld/Bamberg/gms. - Anfangs hat es Dennis Kastrup ausBielefeld gefallen, Schlaf- und Wohnzimmer mit seiner Freundin zuteilen. Nadine und er hatten die Wohnung gemeinsam eingerichtet,standen gemeinsam auf und gingen gemeinsam ins Bett. Zwei Jahre warendie beiden zu diesem Zeitpunkt ein glückliches Paar. Doch nachdemsie ihre Pärchenwohnung bezogen hatten, war das Glück nach sechsMonaten vorbei.

Nach Angaben des Staatsinstituts für Familienforschung an derUniversität Bamberg leben immer mehr junge Paare ohne Trauschein ineiner gemeinsamen Wohnung. Marina Rupp zufolge hängt der Trend damitzusammen, dass Verlässlichkeit und Treue für junge Paare sehr wichtigsind: «Die jungen Leute sind heute auch wieder romantischer», sagtdie Soziologin, die sich bei der Forschungseinrichtung mitJugendlichen beschäftigt. Während die Generation der Eltern Ehe undfeste Bindungen eher als etwas «Verstaubtes» betrachtet habe, nehmedie Zweisamkeit für junge Menschen wieder an Bedeutung zu, so dieForscherin.

Studenten etwa, sonst Vorreiter alternativer Lebensformen, ziehtes zunehmend in die eigene Wohnung. Laut der 16. Sozialerhebung desDeutschen Studentenwerks in Berlin aus dem Jahr 2000 leben 19 Prozentder Studenten mit dem Partner zusammen. Das sind nur drei Prozentweniger als die Studenten, die in einer Wohngemeinschaft - immer nochdie beliebteste Wohnform - zu Hause sind.

Oft aber scheitert das Zusammenleben in der Paarwohnung, weil derZeitpunkt zu früh gewählt ist. «Das ist eine Probezeit», erklärtMarina Rupp. Wer noch keine feste Bindung wolle, ziehe erst einmalzusammen, um zu sehen, ob die Partnerschaft auch im gemeinsamenHaushalt funktioniere. Dennoch sollte das Zusammenziehen geplantsein. Viele Paare versäumten es, sich vorher über ihre Vorstellungenvom Zusammenleben klar zu werden.

Auch er habe sich über diesen Punkt zu wenig mit Nadineausgetauscht, sagt Dennis. «Wir haben das alles auf uns zukommenlassen. Ich dachte, ich würde sie sonst zu sehr unter Druck setzen.Ich hatte keine Lust auf Streit.» Margarete Hörner sieht in dieseVermeidungstaktik einen großen Fehler. «Ich darf nicht zu viel vonmir aufgeben, nur weil ich dem Partner damit entgegenkommen will»,sagt die Psychologin, die in Lambrecht in der Pfalz eine Praxis fürJugendliche und Erwachsene betreibt.

Dennis sieht das heute auch so. «Ich dachte, wenn Nadine und ichzusammen wohnen, hat man viel mehr Freiheit. Vorher musste man dieZweisamkeit immer organisieren», erzählt der 25-jährige Student. DasGegenteil war der Fall. «Man teilt zwar mehr, wenn man zusammenwohnt. Dadurch muss man aber auch mehr Kompromisse eingehen.» Zu oftsei er auf die Wünsche seiner Freundin eingegangen, um sie nicht zuenttäuschen. «Das war falsch», so Dennis Bilanz heute. «Ich bin zuwenig meinen eigenen Bedürfnissen nachgegangen.»

Das Zusammenleben sei mit einem Konto vergleichbar, sagt MargareteHörner. Wer vom gemeinsamen Guthaben aus Liebe, Zärtlichkeit undEntgegenkommen etwas abhebe, müsse auch wieder etwas einzahlen. Dasmüsse nicht in gleicher Münze geschehen. «Aber wenn er ihrzum Beispiel erlaubt, dass sie ihre Freundinnen einlädt, wird siesich in einer funktionierenden Partnerschaft revanchieren.»

Zusammenleben bedeute darüber hinaus, «Verhandlungen» zu führen,so die Psychologin weiter. Je gleichberechtigter zwei Partnerzusammen lebten, desto mehr Verhandlungen, Streitereien undEnttäuschungen gebe es. Darauf müssen sich junge Paare einstellen.Ein ausgeglichener Kontostand bedeute auch, dass keiner der Partnersich vom anderen abhängig mache. Beide müssen gleich viel von sichselbst geben. «Sonst fühlt sich einer ausgeliefert.»

Literatur: Hans Jellouschek: Die Kunst als Paar zu leben. KreuzVerlag in Stuttgart, ISBN 3-7831-1150-1, 29,80 Mark.