Warten auf Störche: Viele Nester bleiben leer
Schwerin/dpa. - Viele Storchennester sind in diesem Frühjahr leergeblieben. Magdalena und Kurt Marx in Neuenhagen (Mecklenburg-Vorpommern) schauten jeden Tag zu dem Horst auf ihrem Grundstück hinauf - umsonst.
Im vorigen Jahr brüteten dort zur Freude der Rentner erstmals Störche und zogen zwei Junge groß. Dieses Jahr klapperte zwar auch ein Adebar, doch er blieb allein. «Nun ist es zu spät», sagt Magdalena Marx, und Landesstorchenbetreuer Hans-Heinrich Zöllick gibt ihr recht: «Die Brutdauer beträgt 32 Tage, für die Aufzucht der Jungen brauchen die Störche sieben bis acht Wochen.» Selbst wenn jetzt noch Vögel aus Afrika zurückkehrten, sei es für Nachwuchs schon zu spät.
Neuenhagen liegt im Kreis Demmin und der gehört zu den storchenreichen Landkreisen in Deutschland. Doch laut Kreisverwaltung sind diesmal kaum 100 Brutpaare gekommen, vor Jahren waren es noch mehr als 140. Von den bundesweit rund 4500 Storchenpaaren brüten vier Fünftel in Ostdeutschland, die meisten in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. 863 Paare wurden laut Zöllick 2008 in Mecklenburg-Vorpommern gezählt, 2004 waren es sogar 1150. An dritter Stelle liegt Sachsen-Anhalt mit rund 500 Brutpaaren.
Warum in diesem Jahr in ganz Deutschland viele Störche fehlen, und wie viele genau, ist den Fachleuten noch unklar. Eine deutsche Storchenzentrale ist Loburg bei Magdeburg (Sachsen-Anhalt). Dort haben ein Storchenhof und die Bundesarbeitsgemeinschaft Weißstorchschutz des Naturschutzbundes ihren Sitz. Der Storchenhof ist Pflege- und Auffangstation für verletzte Störche und koordiniert auch die Bestandsaufnahme und Forschungsprojekte. Geschäftsführer Michael Kaatz schätzt, dass in Sachsen-Anhalt Anfang Mai rund 15 Prozent der Nester noch nicht besetzt waren.
In Mecklenburg-Vorpommern könnten es mehr sein, weil es im Land wahrscheinlich mehr sogenannte Ostzieher gibt, die bisher überwiegend ausblieben. «Ostzieher sind die Störche, die über den Bosporus nach Afrika fliegen und im Tschad oder Sudan überwintern», sagt Kaatz. Die Westzieher fliegen die westliche Route über die Straße von Gibraltar nach Mali und Mauretanien - wenn überhaupt noch. «Viele bleiben in Marokko oder sogar in Spanien.» Die kürzere Strecke spart Kraft und Zeit, die Störche ziehen daraus Vorteile für Brut und Vermehrung.
Welche Strecke ein Vogel fliegt, ist nur mit Hilfe von Ringen oder Sendern festzustellen. Von den drei Ostziehern, die in Loburg Sender erhielten, ist in diesem Jahr noch keiner zurück. Einer sei in der Ukraine verschollen, sagt Kaatz, ein Sender sei ausgefallen, der dritte Storch habe zuletzt aus der Türkei gesendet. Was den Ostziehern zugestoßen sein könnte, weiß er noch nicht. Es müssten ungünstige Bedingungen geherrscht haben, so dass die Vögel nicht die notwendige Kondition aufbauen konnten und zu spät losgeflogen sind. Nach Zöllicks Erfahrung spielen vor allem die Wetterlage im Winterquartier und auf dem Zugweg sowie das Nahrungsangebot eine Rolle, aber auch, ob es Giftaktionen etwa gegen Heuschrecken gab.
In Loburg sind in zwei der drei Nester bereits Junge geschlüpft - bei den Westziehern, die Ostzieher brüten noch. Auch Schleswig-Holstein meldete Anfang Mai die ersten Jungstörche im Westküstenpark in St. Peter-Ording.
Die Weißstörche Europas werden alle zehn Jahre gezählt, zuletzt 2004. Damals sei ein Anstieg auf 230 000 Brutpaare registriert worden, sagt Zöllick. «Zunahmen meldete vor allem Spanien. Dort sind viele Störche Aasfresser auf den noch offenen Müllkippen.» Wenn diese nach EU-Recht geschlossen würden, reduziere sich das Nahrungsangebot. Futtermangel sei auch in Deutschland das Problem. Es gebe kaum Brachland, die Flächen würden mit immer größerer Technik bestellt.
Storchenzentrale ist Loburg: www.storchenhof-loburg.info
Naturschutzbund NABU: www.nabu.de