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Sommertrend 2004 Sommertrend 2004: Polynesischer Flair hält in Deutschland Einzug

Von Cornelia Jeske 20.07.2004, 12:04
Einst kultisches Symbol, jetzt Kulisse: Der Tiki-Gott dient in Clubs als Requisite für die Bar und prangt als Bildmotiv auf T-Shirts und Trinkbechern (Foto: dpa)
Einst kultisches Symbol, jetzt Kulisse: Der Tiki-Gott dient in Clubs als Requisite für die Bar und prangt als Bildmotiv auf T-Shirts und Trinkbechern (Foto: dpa) Washington Bar

Berlin/Köln/dpa. - In diesem Sommer heißt es in vielen Bars«Aloha» statt «Hallo» oder «Tschüss». Das Hawaiihemd ist nicht mehrpeinlich, die Cocktails schmecken süß, die Loungemusik klingtexotisch. Und zu allem grinst die braune Fratze des polynesischenTiki-Gottes: auf T-Shirts, Trinkbechern und Talismanen. Tiki istTrend - und Hawaii seit dem Revival der fünfziger Jahre sowieso.

In den USA gab es bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eineTiki-Welle. «Heimkehrende Soldaten hatten aus dem Südsee-Paradiesnicht nur viele Eindrücke, sondern auch interessante Gegenständemitgebracht», sagt Moritz Reichelt, Künstler und Tiki-Experte ausBerlin. Die fernwehgeplagten Ex-Marines bauten Bambushütten nachpolynesischem Vorbild, hörten exotische Musik und mixten klebrigeCocktails.

«Das war der Beginn einer breiten Popkultur in Amerika, von derman hier zu Lande aber nur wenig mitbekam», so Reichelt. Auf kleinerFlamme lief der Trend in den USA weiter. Ende der neunziger Jahre gabes dann mit der Wiederentdeckung des Swing ein Hawaii-Revival. Nunwird der Südsee-Lebensstil mit dem Comeback der Fifties auch hier zuLande aufgegriffen.

Annika Graalfs führt gemeinsam mit ihrem Mann Alex im BerlinerSzeneviertel Prenzlauer Berg seit vier Jahren den Laden«Rock-A-Tiki». Neben Tiki-Kult-Gegenständen gibt es eine eigeneHawaiihemden-Kollektion, Outfits im Stil der fünfziger Jahre undeinmal im Monat eine Tiki-Lounge. Seit einem dreiviertel Jahr läuftihr Laden richtig gut - trotz neuer Konkurrenz in Kreuzberg. Über dieaktuelle Begeisterung wundert sich Graalfs ein wenig: «Für uns, diemit dieser Kultur schon so lange leben, ist das ja schon fast einalter Hut.»

Neue Tiki-Bars entstehen nicht nur in Großstädten, sondern auch anOstseestränden. Und im vergangenen Jahr eröffnete im Berliner «HotelHilton» mit viel Prominenten-Rummel Deutschlands drittes «TraderVics» - ein aus den USA stammendes Themenrestaurant im polynesischenStil, das bereits in München und Hamburg vertreten ist.

Der Tiki-Trend hat vor allem ein Ziel: Entspannung. «Tiki istLounge statt Party», sagt Annika Graalfs. Ohnehin könne man zurTiki-Musik eigentlich nicht tanzen. Diese Chillout-Haltung passebestens in die Zeit, sagt Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer desDeutschen Modeinstituts in Köln: «Wir leben in einer angespanntenZeit, was Wirtschaft, Gesellschaft und auch Privates angeht.» Die«Coach- und Therapienotwendigkeit» finde ihren Ausdruck in Musik,Wohnstil und Mode.

Natürlich habe die Suche nach dem verlorenen Paradies auch etwasvon Flucht aus der schnöden Realität, räumt Reichelt ein. «Es ist einalter Wunsch des Menschen, aus der Maschinerie des Alltagsauszubrechen». Der bildende Künstler, der in den neunziger Jahren inLos Angeles die Tiki-Kultur und deren Motive entdeckte, erklärt seinInteresse mit der «alten Faszination von Künstlern an der primitivenKunst» - wie sie schon Gauguin und Picasso kannten.

Auch die gelernte Modedesignerin Annika Graalfs kam über die Kunstund die USA auf Tiki. Der breiten Masse, so glaubt sie, erschließesich der Tiki-Kult wohl eher über die dazugehörigen Drinks wie «MaiTai» und «Zombie»: «Das war in den fünfziger Jahren auch schon so,als das Ritual des Betrinkens mystisch in Szene gesetzt wurde, umeinfach mal richtig abzufeiern.»

Wer sich den Tiki-Kult nach Hause holen will, findet nachgemalteTiki-Motive unter anderem auf bunten T-Shirts. Original-Becher mitder Tiki-Fratze oder die Tiki-Schale für vier Personen, in derenMitte ein Zuckerhut schmilzt, sind allerdings schwer zu bekommen.Gerade mal sieben Becher hat Annika Graalfs in den vergangenen vierJahren gesammelt - zwei fand sie auf einem Flohmarkt in der Schweiz,einen hat sie dem «Trader Vics» in Berlin abgeschwatzt.

Laut Reichelt gibt es fast alles in Tiki-Version - als Originalallerdings kaum in Deutschland. Reichelts Tipp für Tiki-Sammler: beiEbay suchen oder gleich nach Amerika fliegen. Im «Rock-A-Tiki» sinddie Graalfs inzwischen auf einheimische Produkte aufmerksam geworden:Eine junge Berliner Künstlerin malt Tiki-Motive auf Porzellan, einKünstler von der Ostsee schnitzt kleine Tiki-Statuen.

Leichter ist es, die passende Musik zu finden. Die gibt es imOriginal von Martin Denny oder Yma Sumac. Und auch das Outfit istschnell besorgt. Angesagt ist natürlich alles rund ums Strandleben,sagt Mode-Experte Müller-Thomkins: Bermudas, Bikinis, Strandtücherund Flip-Flops mit Hawaii- und Surfmotiven.

Hawaiihemden gibt es mittlerweile in großer Auswahl, aus Baumwolleebenso wie aus Seide. Vor allem im Sommer sind transparente, luftigeMaterialien gefragt. Die Motive sind klassisch: Sonne, Strand undPalmen. Stilecht ist das Hemd natürlich nur, wenn es über der Hosegetragen wird - locker und entspannt wie an einem Südseestrand.

Der schrille Charme der Fünfziger: Zum aktuellen Tiki-Kult gehört auch die grelle Bildsprache der polynesisch-amerikanischen Trend-Mixtur (Foto: dpa)
Der schrille Charme der Fünfziger: Zum aktuellen Tiki-Kult gehört auch die grelle Bildsprache der polynesisch-amerikanischen Trend-Mixtur (Foto: dpa)
Washington Bar
Einen "Mai Tai" oder lieber einen "Zombie"? - Der Tiki-Kultur wird auch in Bars wie "Traders Vic's" gehuldigt. Bisher gibt es das Themenrestaurant in München (Bild), Hamburg und Berlin. (Foto: dpa)
Einen "Mai Tai" oder lieber einen "Zombie"? - Der Tiki-Kultur wird auch in Bars wie "Traders Vic's" gehuldigt. Bisher gibt es das Themenrestaurant in München (Bild), Hamburg und Berlin. (Foto: dpa)
Hotel Bayerischer Hof