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Sicherheitstraining Sicherheitstraining: So lassen sich Verkehrsunfälle verhindern

Von Bärbel Böttcher 29.05.2015, 08:12
Fahrsicherheitstrainer Manuel Treske erteilt einem Fahrer auf der Gleitfläche über Funk Anweisungen.
Fahrsicherheitstrainer Manuel Treske erteilt einem Fahrer auf der Gleitfläche über Funk Anweisungen. Andreas Stedtler Lizenz

Halle (Saale) - Seit knapp einem Jahr besitzt Alexander Thiebe einen Führerschein. Er hat ihn schon mit 17 Jahren erworben. Deshalb war der junge Mann anfangs ausschließlich mit einem Beifahrer unterwegs. Begleitetes Fahren heißt das im Fachjargon. Seit Januar ist das jedoch Geschichte. Da feierte Alexander Thiebe seinen 18. Geburtstag. Als Geschenk bekam er von seinen Eltern einen Gutschein für ein Fahrsicherheitstraining im ADAC-Fahrsicherheitszentrum Leipzig-Halle. „Es kann nicht schaden, wenn er sich relativ kurz nach der Prüfung noch mal intensiv damit beschäftigt, wie das Auto in bestimmten Situationen reagiert“, sagt Liane Thiebe, seine Mutter. Zumal der Magdeburger erst vor kurzem einen Unfall gebaut hat. Er ist gegen eine Straßenbahn gefahren. Zwar gab es dabei lediglich Sachschaden, aber dieses Erlebnis brachte ihn schon dazu, vorsichtiger zu fahren.

Fahrsicherheitstraining für junge Fahrer

Fahranfänger - vor allem junge Männer - sind überproportional häufig in Verkehrsunfälle verwickelt. Nicht immer geht es so glimpflich ab wie bei Alexander Thiebe. Auch deshalb bietet das Fahrsicherheitszentrum ein spezielles „Junge Fahrer-Training“ an. Es richtet sich an 17- bis 25-Jährige und setzt ein paar andere Schwerpunkte als das herkömmliche Training. „Eine große Rolle spielt das Thema Ablenkung“, sagt Michael Imling, der Geschäftsführer. Laute Musik, Telefonieren, Geschnatter der Mitfahrer auf der Rückbank, das alles führe oft dazu, dass der Fahrer nicht bei der Sache ist. Gepaart mit mangelnder Fahrerfahrung könne das gefährlich werden.

Maximal zwölf Teilnehmer üben jeweils in einer Gruppe. In der Regel bestehen diese zu zwei Dritteln aus jungen Männern. An diesem Sonnabend sind es zehn junge Leute, die zum Übungsgelände in Schkeuditz gekommen sind. Und nach einer umfassenden Einweisung durch Fahrsicherheitstrainer Manuel Treske geht es auch schon auf die Strecke. Im eigenen Auto. Schließlich sollen die jungen Fahrer gerade das besser kennenlernen. Jedes Fahrzeug ist mit einem Funkgerät ausgerüstet, so dass der Trainer jederzeit Hinweise, Ratschläge oder auch Anweisungen geben kann.

Rechenaufgaben per Funk

Sozusagen zum Aufwärmen werden dann erst einmal Reihen von Verkehrshütchen, exakt Pylonen genannt, durchfahren. Idealerweise sollen die Hütchen alle stehenbleiben. Die Fahrer müssen also entscheiden - ist es wichtiger, möglichst schnell durchzukommen oder die Verkehrshütchen zu schonen. Meistens, so sagt Manuel Treske, setzten junge Männer auf Zeit, junge Frauen dagegen eher auf Qualität.

Dann stellt er per Funkgerät Rechenaufgaben. Das ist eine der Übungen, bei der es um Ablenkung geht. In den einzelnen Autos werden mehrere Teilnehmer platziert, die den ausdrücklichen Auftrag haben, den Fahrer abzulenken. Dazu wird die Musik laut aufgedreht und eben eine Rechenaufgabe gestellt. Dass bei diesen Fahrten keines der Verkehrshütchen daran glauben muss, ist eher selten.

Die Teilnehmer haben ihren Spaß bei den Aktionen. Das ist durchaus beabsichtigt. Doch Manuel Treske macht immer wieder auf den ernsten Hintergrund aufmerksam. „30 Prozent aller Unfälle mit jungen Fahrern passieren am Wochenende“, sagt er ihnen. Das seien meist Disco-Heimfahrten. Und nicht selten spielten auch Alkohol und Drogen eine Rolle. Wie letzteres wirkt, demonstriert er mit einer Rauschbrille. Sie trübt den Blick so, als hätte der Träger Alkohol oder Drogen konsumiert. Auf dem Gelände darf sie aber nur der Beifahrer tragen. Doch das genügt, um den erwünschten Aha-Effekt auszulösen.

Im Fahrerfeld dieses Tages ist übrigens auch der 63-jährige Thomas Wolf aus Meisdorf (Landkreis Harz). Gezwungenermaßen. Er ist mit seinem Enkel Christopher Ewald gekommen, der im Januar den „Führerschein mit 17“ gemacht hat und nun bis zum 18. Geburtstag mit Begleitung fahren muss. Auch hier auf der Übungsstrecke. „Der Christopher“, so sagt er, „ist ein kleiner Putzklopfer.“ Er wolle auf der Straße schon zeigen was er kann, und bei ihm stelle sich da mitunter ein leises Kribbeln im Bauch ein.

Wenn das auch an diesem Übungstag der Fall ist, liegt es gewiss daran, dass nun das Fahren auf einer schneebedeckten Piste geübt wird. Das Auto soll vor einer Wasserwand zum Stehen kommen. Das gelingt nicht jedem und zeigt, wie schwierig es ist, auf einem glatten Untergrund die Länge des Bremsweges einzuschätzen. Die Wasserwand kann durchfahren werden. Im alltäglichen Ernstfall handelt es sich vielleicht um eine Betonwand.

„Das Highlight bei den jungen Fahrern ist jedoch die Übung auf der hydraulischen Dynamikplatte“, sagt Manuel Treske. Mit einem Impuls wird das Heck zum Ausbrechen gebracht. „Ziel ist es, durch beherztes Bremsen und schnelles Gegenlenken das Fahrzeug zu stabilisieren“, erklärt er. So solle ein unkontrolliertes Schleudern vermieden werden. Doch gerade das passiert so manchem. Die Autos drehen sich und die Fahrer strahlen über das ganze Gesicht. Der 23-jährige Marcus Link sagt jedoch: „Ich hoffe, auf der Straße niemals in eine solche Situation zu kommen.“ Auf der Straße könnte es ein geplatzter Reifen sein, der das Auto ins Schleudern bringt.

Die einzelnen Übungen bauen aufeinander auf. Sie werden von Etappe zu Etappe schwieriger. Zwischendurch wird ausgewertet, Kenntnisse aus der Fahrschule - beispielsweise über den Reaktionsweg und den Bremsweg werden aufgefrischt. Das Bremsen in der Kurve wird geübt - auch auf glattem Untergrund. Dabei wird deutlich, welche Rolle moderne Sicherungssysteme wie das Antiblockiersystem (ABS) oder das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) im Auto spielen.

Sicherheitssystem Mensch

Es wird erörtert, warum es besser ist, beide Hände am Lenkrad zu haben - was kaum einer beachtet und worauf der Sicherheitstrainer permanent hinweist. Selbst die richtige Einstellung des Sitzes im Fahrzeug wird von Manuel Treske kontrolliert und in nicht wenigen Fällen auch korrigiert. Und immer wieder versucht der 30-Jährige den Teilnehmern klar zu machen: „Der Mensch ist das erste Sicherheitssystem im Auto.“ Dabei sind die jungen Leute durchaus selbstkritisch. Alle geben zu, schon mal Verkehrsregeln missachtet zu haben, alle sagen, dass sie schon mal zu schnell unterwegs waren.

Rund acht Stunden dauert das Training. Und am Ende des Tages lautet das einhellige Urteil: Es war lehrreich und hat Spaß gemacht. Beeindruckt hat die jungen Fahrer beispielsweise, wie bereits eine um fünf Kilometer pro Stunde höhere Geschwindigkeit das Verhalten des Autos verändern kann. Alexander Thiebe betont, dass er sein Auto besser kennengelernt hat. Und dass es schon sinnvoll sei, zu wissen, wie reagiert werden kann, wenn beispielsweise das Heck ausbricht. „Wenn man das alles im Hinterkopf hat, was wir hier gelernt haben, dann fährt man bedachter“, beteuert der 18-Jährige. Seine Eltern werden es gern hören. Ihnen macht der Vorfall mit der Straßenbahn noch zu schaffen. (mz)

Zu spät gebremst. Der Fahrer fährt mit Wucht gegen die (Wasser-)Wand.
Zu spät gebremst. Der Fahrer fährt mit Wucht gegen die (Wasser-)Wand.
Andreas Stedtler Lizenz
Christopher Ewald mit seinem Opa Thomas Wolf
Christopher Ewald mit seinem Opa Thomas Wolf
Andreas Stedtler Lizenz