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Innenohr-Implantate ermöglichen das Hören

Von Janina Plato 18.01.2010, 11:31

Mainz/dpa. - Jedes 300. Kind kommt mit Gehörschäden zur Welt. Die kleine Duygunaz ist eines von ihnen. Das dreieinhalb Jahre alte Mädchen ist sogar gehörlos. Mittlerweile hört die junge Wiesbadenerin aber wieder etwas.

Sie kann auch leichte Worte sprechen, seitdem ihr zwei Cochlea-Implantate (CI), also künstliche Innenohre, eingesetzt wurden. Die HNO-Klinik mit Schwerpunkt Kommunikationsstörungen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gehört auf diesem medizinischen Gebiet zu den führenden Kliniken in Deutschland mit einer über 15-jährigen Tradition.

«60 Prozent unserer Patienten sind Kinder, wobei die Zahl der Babys, die schon ab acht Monaten operiert werden, im letzten Jahr deutlich gestiegen ist», erklärt Dr. Annerose Keilmann, Leiterin des Schwerpunktes Kommunikationsstörungen. Grund sei der seit Januar 2009 gesetzlich vorgeschriebene Hörtest für Neugeborene. So können Schäden sofort erkannt und meist durch Hörgeräte behoben werden.

Nur hochgradig Schwerhörige bekommen ein Implantat eingesetzt. Dieses übernimmt die Funktionen des Trommelfells, der Gehörknöchelchen und der Sinneszellen des Innenohrs. Es ist also für die Umwandlung von Schallwellen in elektrische Impulse zuständig, die über den Hörnerv an das Gehirn weitergeleitet werden.

Das Implantat besteht aus zwei Teilen. Einer wird unter der Kopfhaut des Patienten hinter dem Ohr am Knochen befestigt. Dies geschieht durch eine Operation unter Vollnarkose. Von diesem Implantat gehen Elektroden ab, die in die Hörschnecke (Cochlea) eingeführt werden. Sie ersetzten die Funktion der hochsensiblen Haarzellen, die für die Erkennung von hohen und tiefen Tönen zuständig sind.

Durch einen Magnet ist das eingesetzte Implantat mit einem Sprachprozessor verbunden, der hinter dem Ohr getragen wird. Er nimmt durch ein Mikrofon Schallwellen auf, wandelt sie in elektrische Signale um und funkt diese an das Implantat. Hier gelangen sie zu den Elektroden, die sie an den Hörnerv leiten.

«Ein CI ist vor allem für Kleinkinder sinnvoll, die noch nicht sprechen können und für Erwachsene, die ihr Hörvermögen verlieren», beschreibt Keilmann die Zielgruppe. Menschen, die bis zu ihrem 15. Geburtstag das Sprechen nicht gelernt haben, werden es wohl nie mehr können. Noch wichtiger für die Fähigkeit des Sprechens sei jedoch der siebte Geburtstag. Wer danach ertaubt, behält in der Regel seine bereits gelernte Sprache, wer jedoch vorher ertaubt, kann die bereits gelernte Sprache wieder vergessen und taubstumm werden.

Schwerhörigkeit ist meist genetisch bedingt, kann aber auch durch zu wenig Sauerstoff bei der Geburt, eine Rötelerkrankung der Mutter während der Schwangerschaft, eine Hirnhautentzündung oder bei Erwachsenen durch Entzündungen im Ohr hervorgerufen werden. «Hörreste können durch die Operation zerstört werden», beschreibt die 49- jährige Ärztin einen Nachteil. Komplikationen bei der Operation sind in der Regel laut Keilmann nicht zu erwarten. Ausnahmen sind Probleme durch die Narkose oder bei Babys durch den Blutverlust.

«Am wichtigsten ist die richtige Einstellung», betont Keilmann. Diese wird einen Monat nach der Operation begonnen. Die Patienten erhalten auch logopädisches Training. «Erwachsene beschreiben das wiedererlangte Hörvermögen als mechanisch, wie durch eine Regenrinne. Nach kurzer Zeit haben sie sich aber daran gewöhnt», erklärt die Ärztin.

Die drei gängigen Anbieter von CIs in Deutschland entwickeln zudem immer bessere Schallqualitäten. So können Patienten mittlerweile bereits angenehm Musik hören. Und auch die Zukunft verspricht viel. So sei es der Wunsch vieler Betroffener, den Sprachprozessor unter Wasser tragen zu können. «Denkbar ist auch, dass das CI komplett in den Kopf eingesetzt wird», sagt Keilmann.

Duygunaz und ihren Großeltern ist bereits jetzt geholfen. «Es ist ein großes Glück, dass sie auf ihren Namen hört und wenigstens ein bisschen sagen kann, was sie sich wünscht», lächelt Großvater Ayhan Yagizer und schaut seine kleine Enkelin liebevoll an.

HNO-Klinik Mainz: www.klinik.uni-mainz.de/Kommunikation

Weitere Infos zum Cochlea-Implantat: dpaq.de/dcET8