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Abgetrennte Finger Abgetrennte Finger: Kein Kontakt mit kaltem Wasser oder Eiswürfeln

Von Arnd Petry 19.09.2007, 09:54

Berlin/Schwäbisch Hall/dpa. - Ein Grund zur Panik ist das allerdings nicht:In den meisten Fällen können Unfallchirurgen die abgetrenntenKörperteile wieder annähen.

Die Kreissäge ist mit Abstand der größte Feind des Fingers -beruflich wie privat. Nach Angaben der Holz-Berufsgenossenschaft(HGB) mit Sitz in München folgen danach Tischfräsmaschinen undAbrichthobelmaschinen. Aber nicht nur Holzarbeiter müssen den Verlustvon Fingern fürchten. Auch im Alltag lauern Risiken. Nicht seltenseien Aussrissverletzungen, erläutert Andreas Eisenschenk vomUnfallkrankenhaus Berlin, Sekretär der Deutschen Gesellschaft fürHandchirurgie (DGH). «Das sind die Fälle, bei denen man in derWaldbühne über den Zaun klettert, um das Geld für die Karten zusparen, und dann oben mit dem Ring hängen bleibt.»

Eine über das Jahr gerechnet seltene Ursache für den Fingerverlustsind dagegen Explosionen - beispielsweise Böller an Silvester.Insgesamt sind die Unfallzahlen aber rückläufig: «Als ich 1985anfing, haben wir jeden Monat einen Finger replantieren müssen. Heutesind es drei im Jahr», erinnert sich Prof. Hartmut Siebert ausSchwäbisch Hall, Generalsekretär der Deutsche Gesellschaft fürUnfallchirurgie (DGU). Die Statistiken der Holz-Genossenschaftbestätigen die Beobachtung: Wurden zum Beispiel 1992 noch 6126meldepflichtige Arbeitsunfälle mit Kreissägen gezählt, lag diese Zahlin den Jahren 2005 bis 2006 immer deutlich unter 2000.

Im Falle eines Unfalls gilt für die Betroffenen und alle Helfer amUnfallort: Sofort die abgetrennten Körperteile suchen. Das seiwichtig «vor allem dann, wenn Hunde und Katzen in der Nähe sind»,mahnt Andreas Eisenschenk. Dann müssen die sichergestelltenKörperteile so verpackt werden, dass sie die nächsten Stundenüberleben. Auf Sterilität komme es dabei nicht an. «Der Finger lag jaschon im Dreck.» Man sollte die Fundstücke entweder in einTaschentuch einwickeln und warten, bis der Rettungswagen mitKühltaschen kommt - oder sie selbst verpacken.

«Das Amputat darf dabei nicht direkt mit kaltem Wasser oderEiswürfeln Kontakt haben», warnt Hartmut Siebert. Ideal seienwasserdichte Plastiktüten oder Frischhaltebeutel. Am besten ist es,den Finger, so wie er ist, trocken in eine Tüte zu stecken und festzu verschließen. Diese kommt dann in einen zweiten Beutel, der mitWasser und Eiswürfeln gefüllt werden darf. Die Idealtemperatur desWassers liegt bei vier bis fünf Grad.

Im Fall von amputierten Fingern besteht keine sehr große Eile.«Für einen Finger hat man locker acht bis zehn Stunden Zeit», sagtEisenschenk. Und die Infrastruktur ist in Deutschland so gut, dass eskein Problem ist, einen Finger in der Zeit wieder anzunähen. Für dieVersorgung der Wunde gilt bei amputierten Fingern: weniger ist mehr.«Die Wunde auf keinen Fall abbinden oder quetschen. Den Arm hochhalten, dann blutet schon kaum was», rät Hartmut Siebert. Der Stumpfkönne mit einem Taschentuch abgedeckt werden. Die Angst, zuverbluten, sei unter realistischen Bedingungen unangebracht.

Von der Art des Unfalls hängen die Chancen für ein erfolgreichesWiederannähen ab: Je glatter der Schnitt, desto besser für denOperateur. Fachleute unterscheiden verschiedene Kategorien vonAmputationen. Die saubersten Schnitte liefert die sogenannteGuillotine, zum Beispiel verursacht durch eine Buchschneidemaschine.Auch Kreissägen liefern vergleichsweise saubere Schnitte, die abermit mehr Zerreißungen verbunden sind. Die Ausrissverletzungen derZaunkletterer sind laut Eisenschenk problematischer. Sehr ungünstigsind Quetschamputationen, die entstehen können, wenn zum Beispieleine Baggerschaufel herunterfällt und den Finger erwischt.

Kommt der Rettungswagen mit Patient und Finger, interessieren sichdie Ärzte neben der Verletzung auch für den Beruf und die Hobbys desUnfallopfers: «Wenn es ein Bauarbeiter ist, der in der freien Naturarbeitet, dem würden wir den kleinen Finger nicht unbedingt wiederannähen, es sei denn er besteht darauf», sagt Andreas Eisenschenk.Die angenähten Finger seien sehr kälteempfindlich. Kommen dieOperateure angesichts einer Verletzung zu dem Schluss, dass sich derbetreffende Finger technisch nicht eignet, greifen sie gar nicht erstzu Nadel und Faden. Gewebe, dass stark gequetscht wurde, etwa untereiner Walze, sei praktisch wertlos, so Siebert.

Entscheiden sich die Operateure für das Annähen, ist der Eingriffder Erfahrung nach in acht von zehn Fällen von Erfolg gekrönt. Alserfolgreich gilt eine OP nur, wenn das Gefühl in das angenähteKörperteil zurückkehrt. «Wenn der Finger asensibel - ohne Gefühl -ist, benutzen Sie ihn nicht», erklärt Prof. Siebert. Die OP lässtsich so zusammenfassen: Zuerst wird der Knochen stabilisiert, danndie Beugesehne verbunden. Es folgen die Arterien, um den Finger mitBlut zu versorgen, dann Nerven. Auf der Rückseite des Fingers kommendie Strecksehne und die Venen an die Reihe, zum Schluss die Haut.

Eine geübte Mannschaft schafft das laut Andreas Eisenschenk in derRegel in drei Stunden. Operiert wird ausschließlich mit Mikroskop undLupenbrille. Die Wunde verheilt meist in drei Wochen. Die Funktionsollte nach drei Monaten wieder hergestellt sein. Das Gefühl kommterst nach vier bis sechs Monaten, weil Nerven nur langsam wachsen.

Knifflig wird die Sache, wenn Finger fehlen oder unbrauchbar fürdas Wiederannähen sind. Dann muss abgewogen werden: Der Daumen istder «König» an der Hand, weil er als einziger den übrigengegenüberstehen kann. In der Wertigkeit folgen der Zeigefinger undder kleine Finger. Am leichtesten verzichtbar sind Ring- undMittelfinger. Um die Funktion der Hand zu erhalten, streben Chirurgenimmer den sogenannten Dreipunktegriff aus Daumen, Zeige- und kleinemFinger an. Wenn der Daumen fehlt, ist Fantasie gefragt - oft wirddann der zweite Zeh nach oben «befördert».