1. MZ.de
  2. >
  3. Leben
  4. >
  5. Das Ufo im Garten: Vom Umgang mit kindlichen Lügen

Das Ufo im Garten: Vom Umgang mit kindlichen Lügen

Von Barbara Laufer 22.10.2008, 07:29

Berlin/Ravensburg/dpa. - Aus dem Süßigkeitenschrank sind schon wieder zwei Schokoriegel verschwunden. Die Eltern waren es nicht, das fünf Monate alte Baby sowieso nicht.

Hartnäckig leugnet auch das älteste Geschwisterkind: «Nein, hab' ich nicht genommen!» Viele Eltern sind geschockt, wenn ihre Kinder sie zum ersten Mal anlügen. Dass dies irgendwann einmal passiert, halten Experten für völlig normal. Dennoch sollten Eltern Lügen nicht ignorieren. 

Fantasiegeschichten, Halbwahrheiten, handfeste Lügen - der Umgang mit der Wahrheit muss erlernt werden. «Lügen ist die Fähigkeit, bewusst die Unwahrheit zu sagen, um sich einen Vorteil zu verschaffen», erklärt die Psychologin Helga Gürtler aus Berlin. Zu dieser geistigen Leistung seien Kinder in der Regel erst ab vier oder fünf Jahren fähig. Lügen setzt einen bestimmten Grad an emotionaler und kognitiver Reife voraus, ergänzt die Entwicklungspsychologin Christiane Papastefanou aus Ludwigshafen. Das Kind müsse sich in den anderen hineinversetzen und seine Perspektive übernehmen können.

Von richtigem Lügen sprechen die Experten erst bei Kindern vom Grundschulalter an. Bei Jüngeren liegen Fantasie und Realität sehr dicht beieinander. «Oft nehmen die Kinder einen Wunsch als Realität wahr», erklärt Gürtler. Dies sei etwa der Fall, wenn die Dreijährige etwas aus dem Regal heruntergefegt hat und anschließend überzeugt erklärt, es sei der Wind gewesen.

Bei Fantasiegeschichten wie dem Raumschiff, das gerade im Garten landet, leben Kinder mit einer Art «Halbglauben», wie es die Spielpädagogin Heike Baum aus Ravensburg formuliert. «Sie wissen, dass es bestimmte Dinge nicht gibt. Gleichzeitig befinden sie sich in einer Spielewelt, in der fast alles möglich ist.» Eltern machen die bizarren Geschichten manchmal Angst, dabei zeugen sie von einer großen Kreativität des Nachwuchses. «Spielen Sie das Spiel ruhig mit einem Augenzwinkern mit», rät Helga Gürtler.

Über reale Lügen allerdings muss man nach Ansicht der Experten reden. «Oft steckt ein Bedürfnis oder eine Not dahinter, wenn ein Kind lügt», sagt Heike Baum. Gründe könnten die Angst vor einer Strafe sein, Scham oder der Wunsch, sich selbst aufzuwerten. «Was sich hinter dem Verhalten verbirgt, bekommen Sie nur im Dialog mit dem Kind heraus.» Dafür sei es wichtig, eine vertrauensvolle Atmosphäre aufzubauen. Dabei gilt das Motto: «Wer die Wahrheit sagen darf, muss weniger lügen».

Strafen nutzen nach Ansicht der Experten im Zusammenhang mit Lügen überhaupt nichts. «Im Zweifelsfall ziehen Kinder die Konsequenz daraus, beim nächsten Mal besser zu lügen und sich nicht erwischen zu lassen», ist sich Baum sicher.

Wie Kinder den Umgang mit Wahrheit erlernen, hängt entscheidend davon ab, was ihnen vorgelebt wird. So beobachtet Christiane Papastefanou, dass Eltern manchmal geradezu von ihren Kindern erwarten, zu schwindeln. «Die Kinder sollen sich bei der Tante für das tolle Geschenk bedanken, obwohl sie es gar nicht mögen.»

Häufig erleben Kinder auch, dass Eltern sich am Telefon verleugnen lassen oder vorgeben, sie hätten gerade keine Zeit. Von solchen Notlügen raten die Expertinnen ab. Wollen Eltern nicht auf sie verzichten, sollten sie die eigene Unehrlichkeit zumindest eingestehen und den Kindern erklären.

Literatur: Gertrud Ennulat: Wenn Kinder lügen, Klett-Cotta, ISBN: 978-3-608-94157-9, 12,00 Euro; Heike Baum: Ich hab aber nicht geschwindelt! Vom Umgang mit Lüge und Wahrheit, Kösel, ISBN: 978-3-466-30587-2, (nur noch gebraucht zu kaufen); Rainer Erlinger: Lügen haben rote Ohren - Gewissensfragen für große und kleine Menschen Ullstein, ISBN: 978-3-548-36799-6, 7,95 Euro; Annette Langen und Steffie Becker: Flunkertag bei Familie Ehrlich, Herder, ISBN: 978-345-129362-7, 12,90 Euro