The View gehen neue Wege
Hamburg/dpa. - Wie schnell die vier Jungs aus Schottland doch erwachsen geworden sind. Es scheint, als lägen zwischen The Views Debütalbum «Hats Off To The Buskers» und dem zweiten Album «Which Bitch?» nicht nur zwei Jahre, sondern ein ganzes Jahrzehnt.
Nichts mehr zu hören von der rauen Unverschämtheit des Debütalbums, das nach den nassen Straßen Dundees roch und das Quartett mit einer Mischung aus Pop, Rock, Ska und Folk an die Spitze der britischen Charts katapultierte.
«Which Bitch?» ist glatter geworden. Klangen The View auf ihrem ersten Album noch nach den frühen Libertines, klingen sie jetzt stellenweise doch sehr wie die schottische Version der Kooks - zum Beispiel mit dem Popsong «Double Yellow Lines», der zweifelsfrei Ohrwurmpotenzial besitzt. Dass The View offensichtlich ein bisschen ernsthafter geworden sind, zeigt sich auch mit dem angenehm folkigen Song «Covers», bei dem sich Sänger Kyle Falconer von dem schottisch-italienischen Popsänger und Frauenschwarm Paolo Nutini («Jenny Don't Be Hasty») unterstützen lässt.
«Das Album ist wirklich ambitioniert», bekräftigt Kyle Falconer, und das hört man jedem der 14 Songs auch an. Die Produktion ist aufwendig, The View wagen Experimente: Sprechgesang bei «One Off Pretender», Streicherarrangements bei dem düsteren «Unexpected», mit dem Falconer den Tod seines Vaters zu verarbeiten versucht oder Bläser bei dem treibenden «Jimmy's Crazy Conspiration». Überraschend für alle Fans von The View wird das orchestrierte Seemanns-Shanty «Distant Dubloon» sein, das als einziges Lied nicht in Wales sondern in New York aufgenommen wurde und von dem Komponisten Gustav Mahler inspiriert ist.
Kaum zu glauben, dass bei so viel Ambition und Ernsthaftigkeit die Aufnahmen in Wales einem Saufgelage geglichen haben sollen: «Owen (Produzent Owen Morris) klebte sich einen Hexenhut sechs Tage lang an den Kopf. Einmal war er so betrunken, dass er sich für den Stadtausrufer hielt. Wir machten eine Menge Mist und wurden am Ende aus dem Studio geschmissen», gibt Kyle Falconer zu.
Ein richtiger Hit wie «Same Jeans» vom Debütalbum ist auf «Which Bitch?» nicht zu erkennen, am ehesten noch das hymnenhafte «5Rebeccas», das als Vorabsingle schon im Oktober erschien. Trotz der neuen Wege, die The View ausprobieren, wirken die Songs manchmal ein wenig uninspiriert und nicht immer vollständig ausgearbeitet. Viele von ihnen sind während der langen Tour entstanden, andere sogar erst im Studio: «Einige der Songs haben wir in ein bis zwei Stunden geschrieben und aufgenommen», bestätigt Kyle Falconer.
Wie die vier Schotten die glatt produzierten Songs live präsentieren, können Fans in Deutschland ab dem 19.03. selbst überprüfen. Dann starten The View nämlich ihre neun Konzerte umfassende Deutschlandtour in Offenbach als Support von Mando Diao.