Rechtschreibreform Rechtschreibreform: Diskussion spaltet die Ministerpräsidenten

Leipzig/Stuttgart/Berlin/dpa. - Die neu entflammte Diskussion umeine Rücknahme der Rechtschreibreform spaltet die Ministerpräsidentender Länder. Am Wochenende schloss sich nach Edmund Stoiber (Bayern/CSU), Peter Müller (Saarland) und Wolfgang Böhmer (Sachsen-Anhalt)auch Baden-Würtembergs Ministerpräsident Erwin Teufel der Kritik vonChristian Wulff (Niedersachsen/alle CDU) an den neuen Regeln an.Teufel forderte jedoch anders als seine Amtskollegen nicht direkt dieRücknahme der Reform. Dagegen sprach sich Schleswig-HolsteinsMinisterpräsidentin Heide Simonis (SPD) klar gegen eine «Reform derReform» aus. Auch der Geschäftsführer der ZwischenstaatlichenRechtschreibkommission, Klaus Heller, verteidigte die neuenSchreibregeln.
«Dass bei der Reform der Rechtschreibung in vielen Fällen über dasZiel hinausgeschossen wurde, ist offensichtlich», sagte Teufel derdpa am Sonntag in Stuttgart. Allerdings wolle er den Beratungen inder Ministerpräsidentenkonferenz im September nicht vorgreifen.Entsprechend äußerte sich Teufel in der «Bild am Sonntag» und der«Welt am Sonntag».
Auch die CDU-Vorsitzende Angela Merkel distanzierte sich von demRegelwerk. Der «Bild am Sonntag» sagte sie: «KulturstaatsministerinWeiss und die Ministerpräsidenten sollten sich treffen und das Fürund Wider der Rechtschreibreform noch einmal gründlich diskutieren.»Merkel fügte hinzu: «Ich persönlich werde in meinem Leben nicht mehrzur vollen Beherrschung der neuen Rechtschreibung vorstoßen.» Weiss(parteilos) hatte sich für eine moderate Änderung der neuen Regelnausgesprochen.
«Diesen Sack machen wir nicht mehr auf», sagte dagegen Simonis der«Welt am Sonntag». Es werde keine «Reform der Reform» geben. Derrheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) warf seinenCDU-Amtskollegen Wulff, Stoiber und Müller im gleichen Blatt«verantwortungslosen und puren Populismus» vor.
Der Kommissions-Geschäftsführer Heller wies im Magazin «Focus»darauf hin, dass die Diskussion keine rein deutsche Angelegenheitsei. Schließlich hätten auch die Schweiz, Österreich, Liechtensteinund andere Staaten den Vertrag unterschrieben. «Eine Rolle rückwärtswäre für Deutschland eine Blamage allerersten Ranges.»
Die Leipziger Germanistin Hannelore Poethe warnte vor «nochgrößerer Verunsicherung» bei einer Rückkehr zu den alten Regeln.In einem dpa-Gespräch forderte sie, der politische Streit um dieReform müsse sachlicher werden. Wünschenswert sei mehr Toleranz vorallem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung und bei Fremdwörtern.«Der Durchschnittsschreiber will stets eindeutig wissen, ob etwasfalsch oder richtig ist. Davon müssen wir gerade bei diesen Kapitelnabkommen», sagte sie. Den Reformkritikern hält sie entgegen, dassgerade die Getrennt- und Zusammenschreibung auch vor der Reform sehrkompliziert gewesen sei.
Wulff hatte die Diskussion um die Reform Mitte Juni neu entfacht.Er will mit einer Parteien übergreifenden Initiative die Entscheidungder Kultusminister revidieren, die Rechtschreibreform an dendeutschen Schulen zum 1. August 2005 verbindlich einzuführen. Einerepräsentative emnid-Umfrage im Auftrag der TV-Zeitschrift«Bildwoche» hatte kürzlich ergeben, dass sechs Jahre nach derEinführung mehr als Dreiviertel der Deutschen (77 Prozent) die Reformfür nicht sinnvoll halten. Vor allem ältere Menschen lehnen demnachdie neuen Schreibregeln ab.