Oper Oper: Paminas kleine Retter
HALLE/MZ. - Für die Maskenbildnerinnen Marlies Tolzmann und Andrea Zubiak, zwei von zehn an diesem Samstagabend, zählt nun jede Minute.
Lange gedulden müssen sie sich nicht. Nur Augenblicke, nachdem sie ein letztes Mal ihre Parts mit dem Dirigenten durchgeprobt haben, sitzen Ludwig Kasparick, Konrad Wiemann und Ludwig Kircher auf den Stühlen vor den großen Spiegeln, lassen seelenruhig das Schminkritual über sich ergehen. Weißes Gesicht, ein bisschen rote Farbe, etwas Schwarz. Aufregung? Keine Spur. Die Zwölf- bis 14-Jährigen wirken wie echte Profis. Dabei ist ihr Auftritt in der Oper alles andere als Alltag. Die drei sind eigentlich Mitglieder des halleschen Stadtsingechors. In dieser Spielzeit übernehmen sie die Rollen der drei Knaben in der weltbekannten Mozart-Oper.
Laien neben den Profis - das hat an der halleschen Oper Tradition. "Wir arbeiten mit dem Stadtsingechor und auch viel mit dem Kinderchor zusammen", sagt Martin Windolph, Sprecher der Kultur GmbH. Der Stadtsingechor stellt seit vielen Jahren die Knaben für die Zauberflöte. Allein in einer früheren Inszenierung am Goethe-Theater Bad Lauchstädt war er an 170 Vorstellungen beteiligt, in der neuen von Regisseur Pet Halmen bereits an 38. Im Mai 2006 hatte die Koproduktion von Goethe-Theater und Oper Premiere in Bad Lauchstädt. "Weil der Zuspruch so groß war, haben wir sie in Halle adaptiert", sagt Windolph. Eine Herausforderung für die Jungen, ist doch die Bühne viel größer.
Denen ist Anspannung aber ebenso wenig anzumerken wie Betreuer Gunter Burzynski, Stimmbildner im Stadtsingechor. Wirklich schief gegangen ist bislang nichts, immer konnte improvisiert werden. So, als einem Knaben das Kostüm nicht passte - er hat vom Bühnenrand gesungen, während ein anderer spielte. Nur der Stimmbruch, der kommt Burzynski manchmal in die Quere. Zwei der sechs diesjährigen Knaben hat es erwischt - eine komplette Zweitbesetzung steht nicht mehr zur Verfügung. "Wir hoffen, dass keiner krank wird", sagt der Stimmbildner. Seine Knaben sind unterdessen längst wieder in ihrer Garderobe verschwunden. Noch 20 Minuten bis zur Vorstellung.
Der Saal ist bis auf wenige Plätze gefüllt, als sich um 19.30 Uhr der Vorhang hebt. Während das Publikum bereits Prinz Tamino, der Königin der Nacht samt ihren Dienerinnen und Vogelfänger Papageno lauscht, heißt es für die Jungen in der Garderobe warten. Manchmal spielen sie dann Karten, mit einem Ohr immer der Übertragung vom Lautsprecher lauschend. Diesmal hat Konrad Wiemann eine Ausgabe vom "Lustigen Taschenbuch" dabei. Mozart und Mickey Mouse? "Wir sind doch trotzdem Kinder", sagt der 13-Jährige fast empört. Jungs, die Spaß an Musik haben - alle drei spielen auch mindestens ein Instrument. Jungen, die aber in Schulpausen auch Basketball spielen. Musik - Konrad Wiemann und Ludwig Kircher singen seit dem vierten Lebensjahr - ist nicht ihr einziges Hobby. Nicht einmal zwingend Berufswunsch. Manch Zauberflöten-Knaben der vergangenen Jahre hat es in die Musikbranche verschlagen, sagt Burzynski. Ralf Schmidt alias IC Falkenberg etwa, Sänger der erfolgreichen DDR-Rockband "Stern Meißen". Andere schlugen einen Beruf außerhalb der Kunst ein. Konrad Wiemann jedenfalls will Maschinenbauingenieur werden. Nur Ludwig Kasparick (14) kann sich einen Kreativjob vorstellen - schauspielerisch. Freunde und Betreuer schwärmen von seinem Auftritt als Hexe in der "Hänsel-und-Gretel"-Aufführung.
Neben dem Gesang die szenische Darstellung zu meistern, sei auch bei Mozart eine "ganz schöne Leistung", sagt Betreuer Burzynski. "Am Anfang der Proben vergessen sie manchmal zu singen, wenn sie anfangen zu spielen." Insbesondere eine Szene im zweiten Aufzug hat es in sich: Pamina, Tochter der Königin der Nacht, will sich mit einem Dolch das Leben nehmen. Die Knaben hindern sie daran. "Gleichzeitig müssen sie aber auch auf den Dirigenten achten, damit sie nicht zu schnell singen", so Burzynski.
An diesem Abend wartet eine weitere Herausforderung. Erstmals soll Pamina aus einer Versenkung auf der Bühne erscheinen. Auch der Auftritt der Knaben verändert sich - in der Vorstellungspause wird das zum ersten Mal geprobt. Und dann, wenig später: technische Probleme, Kommando zurück. "Keine Versenkung", tönt es aus dem Garderobenlautsprecher.
Die Knaben meistern auch das. "Es ist toll, Teil der Oper zu sein, als Solist zu singen. Man möchte mit den Profis mithalten", sagt Konrad Wiemann. Und Burzynski steht mit zufriedener Miene am Bühnenrand, als sich um 22.17 Uhr das letzte Mal der Vorhang hebt - zum Applaus, auch für die Jüngsten.