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Kinostart: 1. Juni Kinostart: 1. Juni: «Wahrheit oder Pflicht»

26.05.2006, 14:53
Die Eltern (l, Therese Hämer und M, Jochen Nickel) und die 18-jährige Tochter Annika (r, Katharina Schüttler) in dem Film «Wahrheit oder Pflicht». Im Mittelpunkt der Geschichte steht die 18-jährige Annika. Nachdem sie zwei Mal in der 12. Klasse sitzen geblieben ist, ist das Abitur erstmal unerreichbar. Die Träume, die Annikas Eltern für ihre Tochter hatten, sind geplatzt; doch Annika traut sich nicht, mit der Wahrheit herauszurücken und geht weiter jeden Morgen aus dem Haus. (Foto: dpa)
Die Eltern (l, Therese Hämer und M, Jochen Nickel) und die 18-jährige Tochter Annika (r, Katharina Schüttler) in dem Film «Wahrheit oder Pflicht». Im Mittelpunkt der Geschichte steht die 18-jährige Annika. Nachdem sie zwei Mal in der 12. Klasse sitzen geblieben ist, ist das Abitur erstmal unerreichbar. Die Träume, die Annikas Eltern für ihre Tochter hatten, sind geplatzt; doch Annika traut sich nicht, mit der Wahrheit herauszurücken und geht weiter jeden Morgen aus dem Haus. (Foto: dpa) Zorro filmwelt

Hamburg/dpa. - Die 18-jährige Schülerin bleibt ein Jahrvor dem Abitur zum zweiten Mal sitzen, fliegt von der Schule, trautsich aber nicht, ihren Eltern die bittere Wahrheit zu gestehen.

Annika nimmt eine Auszeit vom Alltag, ein ganzes Jahr lang Ferien,verkriecht sich in einem schrottreifen Bus, fälscht Klausuren, brichtbei ihrem Lehrer ein und baut immer hektischer und verzweifelter aneinem Lügengebäude, das eines Tages natürlich einstürzen muss.

Ein Leben gerät ins Trudeln, kommt aus dem Gleichgewicht. Davonerzählt «Wahrheit oder Pflicht», ein eindringliches, aber keineswegsperfektes Jugenddrama von Jan Martin Scharf und Arne Nolting. Undwahrscheinlich gibt es zur Zeit in Deutschland kaum eineSchauspielerin, die das hilflos-trotzige Lavieren dieser Schülerin soüberzeugend und intensiv darstellen könnte wie Katharina Schüttler.

Die gebürtige Kölnerin, Jahrgang 1979, zählt zu deninteressantesten neuen Gesichtern nicht nur des deutschen Films. EineFrau, die das Extreme liebt und Risiken geradezu anzieht. Für ihreDarstellung einer verzweifelten Schwangeren in Michael HofmannsExtrem-Drama «Sophiiie!» erhielt sie 2003 den «Förderpreis DeutscherFilm», sie spielte in «Das weiße Rauschen», «Die innere Sicherheit»oder «3 Grad kälter» mit.

Zudem ist sie regelmäßig in zumeist hochkarätigen TV-Produktionenzu sehen. Und damit nicht genug: Katharina Schüttler sorgt regelmäßigauf der Bühne für Furore. Am Schauspiel Hannover war sie als «Lolita»und «Jungfrau von Orlean» zu sehen, in Berlin feierte sie mitRegisseur Thomas Ostermeier Triumphe an der Schaubühne, als HeddaGabler in Ibsens Drama, in Sarah Kanes «Zerbombt» oder EugeneO'Neills «Trauer muss Elektra tragen».

Auch «Wahrheit oder Pflicht» wird ganz von Katharina Schüttlerdominiert. Mit schnoddriger Coolness verkrallt sich die zierlicheSchauspielerin in die labile Gefühlswelt einer 18-jährigen Schülerin.Einerseits ist sie die knallharte Göre, die sich von niemandem etwasvorschreiben lässt, am allerwenigsten von ihren Eltern. Mitstechendem Blick stellt sie ihre hilflos-naive Mutter (Therese Hämer)kalt.

Auf der anderen Seite zeigt sie Verletzlichkeit, Unsicherheit,ungeahnte Sensibilität. Annika lässt sich von ihrem Nachhilfelehrer(Thorben Liebrecht) verführen und findet schließlich in demAußenseiter Kai (Thomas Feist) einen Seelenverwandten. Eine zarteBeziehung keimt auf.

Nicht zuletzt handelt «Wahrheit oder Pflicht» auch von derSprachlosigkeit zwischen Eltern und Jugendlichen. Es gibt keine Basismehr für Vertrauen und Gespräche, jeder lebt in seiner Welt. DieTristesse der Neubausiedlung scheint die Familie zu erdrücken.Am Ende mogelt der Film sich ein wenig zu flink um seine eigenenKonflikte herum. Natürlich gibt es ein Leben jenseits der Schule,auch für Annika. Das Mädchen entwischt ohne größere Blessuren ausihrem einstürzenden Lügengebäude. Aber ihre abgrundtiefeVerzweiflung wird man so schnell nicht vergessen.