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Johann Christian Schmohl Johann Christian Schmohl: Der Verschollene im Bermudadreieck

Von Christian Eger 10.09.2014, 07:23
Hof von Töffel Schmohl in Pülzig, Zeichnung von Emil Zeiß, 1865, Lippisches Landesmuseum Detmold
Hof von Töffel Schmohl in Pülzig, Zeichnung von Emil Zeiß, 1865, Lippisches Landesmuseum Detmold mz Lizenz

Halle (Saale)/MZ - 1781 ist Schluss mit lässig. Der Fürst von Zerbst schreitet zur Tat. Friedrich August, der jüngere Bruder von Katharina der Großen, lässt vor dem Roland seiner Residenzstadt Zerbst öffentlich ein literarisches Werk „hinrichten“. Ein Henker verbrennt die von Johann Christian Schmohl verfasste „Sammlung von Aufsätzen“, die der Autor „besonders für Freunde der Cameralwissenschaften und der Staatswirthschaft“ empfiehlt. Kurzum, ein Werk für Ökonomen.

Für den Fürsten ein Buch, das nicht sein darf. Nicht allein deshalb, weil es seine Herrschaft als willkürlich, rückständig, letzthin als wirtschaftlich und politisch heillos beschreibt. Sondern auch, weil Schmohl seiner Herkunft nach ein Zerbster Untertan ist: im August 1756 als Sohn eines Bauern im Flecken Pülzig (heute Ortsteil von Coswig, Landkreis Wittenberg) geboren. Aus Zerbster Sicht ein Nestbeschmutzer. Alle erreichbaren Bücher werden beschlagnahmt, der Besitz wird unter Strafe gestellt, der Autor als angeblicher Hochverräter polizeilich verfolgt.

Aus Halle nach London

Schmohl ist nirgendwo mehr sicher, auch wenn sein Wohnort längst nicht mehr im Anhaltischen, sondern in Halle in Preußen liegt. Der verfolgte Magister tut gut daran, das Weite zu suchen. Offenbar krank, hungrig und von starken Ängsten getrieben, flieht der Mann, der sich von nun an „Wilhelm Becker“, „Birken“ oder „Biker“ nennt, im Herbst 1781 über die Niederlande nach England.

Der Schmohl-Aufsatz ist in dem Sammelband „Dessau-Wörlitz und Reckahn. Treffpunkte für Aufklärung, Volksaufklärung und Philanthropismus“ enthalten, herausgegeben von Hanno Schmitt und Holger Böning: edition lumière, Bremen, 330 Seiten, 44,80 Euro.

Das dem Dessau-Wörlitz-Forscher Erhard Hirsch gewidmete Buch bietet u. a. Aufsätze über: Goethe in Wörlitz (Holger Böning), Fürst Franz und Laurence Sterne (Christophe Losfeld), die Buchhandlung der Gelehrten (Christine Haug), die jüdische Aufklärung (Michael Nagel), den Schweizer Bauern Bosshard (Reinhart Siegert) und eine Würdigung des Schaffens von Erhard Hirsch (Jörn Garber). Letzterer liefert Korrekturen zur Druckfassung seines Buches „Die Dessau-Wörlitzer Reformbewegung“.

In London trifft er Henry Laurens, den im Tower inhaftierten Führer im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Mutmaßlich versucht Schmohl, seine Flucht nach Amerika vorzubereiten. Niemand weiß, ob die gelungen ist. Fest steht nur das: Als Ergebnis seiner Gespräche mit Laurens veröffentlicht Schmohl sein Buch „Über Nordamerika und die Demokratie“, das die Kritik als in politischer Hinsicht einzigartig avanciert lobt. Dann verschwindet der Mann aus Pülzig von der Bildfläche. Die einen sagen, er sei nach Italien geflohen. Die anderen, er sei bei den Bermudas ertrunken - als das Schiff, das ihn nach Philadelphia bringen sollte, auf Grund lief.

Über eine wohlwollende Presse hatte Schmohl in den vergangenen Jahrzehnten nicht zu klagen. Mit der Neuentdeckung der politisch radikalen Aufklärung erlebte der Mann, als dessen Todesdatum das Jahr 1783 geführt wird, einige Aufmerksamkeit. Vor allem im Zuge der Forschungen zu Anhalt um 1800. Schmohl gehörte als Lehrer für Altgriechisch zu jener jungen Sturm-und-Drang-Fraktion, die die 1774 gegründete Dessauer Reformschule Philanthropinum bis Ende der 1770er Jahre in Schach hielt. Aber nur bei dem Berliner Historiker und Germanisten Michael Niedermeier führte die Begeisterung auch zu Resultaten: 1997 veröffentlichte er unter dem Titel „Der anhaltische Philanthrop, Schriftsteller und Aufrührer“ einen Aufsatz über Schmohl. Akribisch zeichnete der Text dessen Weg bis zur spektakulären Flucht aus Halle nach.

Jetzt liefert Niedermeier sozusagen eine Fortsetzung. In dem aus Anlass des 85. Geburtstages von Erhard Hirsch, dem Nestor der Dessau-Wörlitz-Forschung, veröffentlichten Aufsatzband „Dessau-Wörlitz und Reckahn“ (edition lumière) präzisiert und erweitert Niedermeier seine Forschungen gleichermaßen. Schmohl gehört für ihn „in die vorderste Reihe der philanthropischen Radikalaufklärer“. Einer, der es verdiene, „über den Kreis einer lokalen Landesgeschichte hinaus“ gekannt zu werden.

Die Anregung zur Wiederaufnahme verdankt Niedermeier dem 2006 von der Anhaltischen Gemäldegalerie veröffentlichten Bildband „Anhalt in alten Ansichten“. Der bietet eine in Detmold überlieferte Bleistiftzeichnung von 1865, die den „Hof von Töffel Schmohl in Pülzig“ zeigt. Eine Spur, die zu dem Verschollenen führt?

Kein Grab, aber ein Grab

Zunächst vertieft Niedermeier die Auskünfte zu Schmohl. Der gilt ihm als ein Mann mit einem „unerschrockenen Selbstbewusstsein“, der eine Lebensbahn einschlug, die der von Jakob Michael Reinhold Lenz (in Moskau auf offener Straße gestorben) und Johann Heinrich Voss (in ärmlichsten Verhältnissen geboren) vergleichbar sei. Einer, der aufs Ganze geht. In Halle studiert Schmohl Jura und Kameralistik (Rechnungswesen) nicht zuletzt deshalb, weil er sich Hoffnungen auf eine offizielle Stelle in Anhalt-Zerbst macht. Tatsächlich meint er doch, dass eine rücksichtslos kritische, von klugen nationalökonomischen Argumenten getragene Aufdeckung von Misswirtschaft und Korruption in Zerbst im Sinne des Fürsten liegen müsse. Das Buch, das schließlich verbrannt wird, ziert das Motto „Thu Recht und scheue Niemand“. Schmohl tut das nie. Auch aus wirtschaftstheoretischen Gründen. Für Schmohl steht fest: Nicht mehr allein die herkömmlich genutzte „Natur“, sondern die Arbeit schafft künftig den Mehrwert, die sei die Basis der ökonomischen Werterzeugung.

Und wie steht es um Schmohls Hütte? Mit Hilfe von Forschern vor Ort gelang es, in Pülzig das Geburtshaus Schmohls zu identifizieren, von dem noch Bausubstanz vorhanden sein soll; das Gebäude trägt die Hausnummer neun. Ob zu diesem die 1865 gezeichneten Gebäude gehören, ist noch ungeklärt: Es habe zwei Schmohl-Linien in Pülzig gegeben - die des „Hüfners“ (Bauernhofbesitzer) und „Kossäten“ (Katen-Bewohner); Schmohls Vater war ein ärmlicher Kossäte. Doch schon jetzt ist klar: Der Mann, den kein Bild zeigt und der kein Grab hat, besitzt immerhin ein Haus. Und irgendwann, lässt Michael Niedermeier vermuten, vielleicht eine Biografie.