Centraltheater Leipzig Centraltheater Leipzig: Im Hochgebirge der deutschen Geschichte
LEIPZIG/MZ. - Nur der Sohn hat sich in einen Schrank zurückgezogen - und von dort wird er gemeinsam mit einem Freund aufbrechen, um seine Familie auszulöschen. Ansatzlos sieht sich das Publikum im Rang des Leipziger Centraltheaters mit dieser Bluttat konfrontiert, die in ihrer Konstellation an den Vierfachmord von Eislingen im April 2009 erinnert. Hier bildet sie das Präludium für Arnolt Bronnens "Vatermord", den Robert Borgmann zum Saisonauftakt in eine historisch aufgewertete Fallstudie verwandelt.
Vor diesem Panorama aber darf Martin Laberenz seine Sicht auf Schillers "Räuber" präsentieren - und dabei das Kleine Organon des Regietheaters als Daumenkino durchblättern. So aberwitzig sich Holger Stockhaus auch die Schreibhemmung der Kanaille Franz anverwandelt, so virtuos Peter René Lüdicke als alter Moor mit den Namen seiner Söhne jongliert und so glühend sich Maximilian Brauer gegen das tintenklecksende Saeculum in die Schranken wirft ... es bleibt am Ende eine lose verknüpfte Reihe von schönen Bildern, die wie die bunten Vorhänge in Susanne Münzners Bühnenraum hintereinander gehängt werden.
Dass beiläufig auch die Sarrazin-Debatte gestreift und mit dem Zivilisations-Zynismus eines Marquis de Sade verschnitten, dass Daniel Kehlmanns Salzburger Brandrede gegen das gegenwärtige Theater zitiert wird - das sind die selbstreferentiellen Verweise einer Inszenierung, die ihrem Gegenstand nicht traut. Hier wird nicht gefragt, was Schillers "Räuber" über den Zustand der Gesellschaft zu sagen hätten, sondern was sich aus ihnen über die Lage des Theaters herleiten lässt. Das bereitet streckenweise durchaus Vergnügen. Insgesamt aber ist es fahrlässige Vergeudung von darstellerischen Möglichkeiten, die auch bei Marina Frenks Amalia und dem Spiegelberg der Artemis Chalkidou, bei Andreas Kellers Schweizer und Manolo Bertlings Hermann zu finden sind.
Als Bindeglied zum "Vatermord" dient dann jedoch ein "Räuber"-Zitat, mit dem Berndt Stübner die mögliche Relevanz des Textes mühelos unter Beweis stellt: Mit dem Schiller-Gruß an "Vaterlandserde, Vaterlandshimmel, Vaterlandssonne" verknüpft er die Geschichte einer Kunstpause, die er bei einem Gastspiel des Leipziger Schauspiels 1978 im Nationaltheater Mannheim eingelegt hatte. Und diese Anekdote ruft jene Brisanz in Erinnerung, die das patriotische Pathos des Sturm und Drang in den Zeiten einer Diktatur entwickeln konnte.
Während das übrige Ensemble den aus Möbelsedimenten aufgetürmten Schicksalsberg erklimmt, sitzt der Alte fortan am linken Bühnenrand und näht einen Zeitstrahl zusammen: Fotos von Kriegen und Revolutionen, von Tätern und Opfern fügen sich unter den Nadelstichen zu einer Collage zusammen, die dem Text eine optische Ebene einzieht. Damit wird zugleich das Regie-Konzept von Robert Borgmann illustriert: Auch bei ihm ist Bronnens Vorlage wenig mehr als der Faden, der eine Fülle von Assoziationen verbindet.
Dazu gehört nicht nur die Geschichte des nationalsozialistischen Parade-Schauspielers Heinrich George, der im Kostüm des starkdeutschen Ritters Götz seinen gleichnamigen Sohn traumatisiert. Dazu zählen auch jene Liebesbriefe, die der wegen seiner geistigen Nähe zum nationalsozialistischen System nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit Lehrverbot belegte Philosoph Martin Heidegger mit seiner jüdischen Schülerin Hannah Arendt gewechselt hatte. Und dazu gehört die Rede, mit der Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 ein neues Kapitel in der Debatte über die NS-Zeit aufschlug.
Zwischen diese Zeitzeugnisse, die natürlich auch auf Bronnens faschistische Seite anspielen, stapelt die Inszenierung eine Galerie der deutschen Schmerzensmänner. Joseph Beuys und Caspar David Friedrich treten in Erscheinung, Friedrich Hölderlin und Joseph von Eichendorff geistern durch den Text - und auf Wagners Musik wird der Text der Doors-Apokalypse "The End" gesprochen. Das alles bliebe ein papierener Dramaturgen-Essay, wenn nicht eine Gruppe höchst engagierter Schauspieler den Denkraum bevölkern wurde. Thomas Lawinky sah man zuletzt selten so kraftvoll und konzentriert wie hier als Vater, Marek Harloffs Sohn ist ihm in seiner Zerbrechlichkeit wie in seiner Härte ebenbürtig. Und neben diesen zentralen Kontrahenten bewähren sich Okka Hungerbühler und Janine Kreß, Günther Harder und Lenja Raschke als Partner, die in wechselnden Rollen selbst Ausflüge in die Metaphorik der Märchen und in den antiken Mythos vom Schwellfuß Oedipus plausibel erscheinen lassen.
Hier liegt ein großer Entwurf vor, der dem Vaterlands-Thema der neuen Spielzeit im Centraltheater einen ersten Höhepunkt und eine echte Herausforderung beschert. Dass mit Jürgen Kruses "Jedermann" und mit Sebastian Hartmanns "Zauberberg" demnächst zwei weitere große Stoffe ins Haus stehen, lässt hoffen - ebenso wie die Tatsache, dass sich die Fluktuation auch bei der zweiten Auflage des Schiller-Bronnen-Marathons in vertretbaren Grenzen hielt.
Nächste Vorstellungen: "Die Räuber" am Donnerstag, 19.30 Uhr; "Vatermord" 26. September 19.30 Uhr;