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Bettina Wegner wird 70 Bettina Wegner wird 70: "Leute ohne Rückgrat haben wir schon zu viel"

Von Andreas Montag 02.11.2017, 20:35
Bettina Wegner, aufgenommen 1974 in ihrer Berliner Wohnung
Bettina Wegner, aufgenommen 1974 in ihrer Berliner Wohnung Günter Gueffroy/dpa-Zentralbild

Halle (Saale) - Es gibt Zufälle, die man sich nicht ausdenken könnte: 1983 kam ein guter Freund aus dem Westen zu Besuch nach Leipzig, „getarnt“ als Messegast. Im Gepäck allerlei Konterbande, darunter eine Schallplatte von Bettina Wegner. Auch das traurigste ihrer Lieder über die DDR war darauf: „Für meine weggegangenen Freunde“. Eine Hymne zum Heulen. Wegners bestes Lied. Und dann meldete der Deutschlandfunk, die Ostberliner Liedermacherin sei eben in den Westen ausgereist.

Bettina Wegner wurde berühmt für ihr Lied „Kinder“

Nicht, dass unsereins das nicht gut verstanden hätte. Wir kannten den Druck, den die Stasi-Jungs in ihren Dederon-Anoraks ausübten, wir spürten ihn ja selber. Aber nun, nach Wegners Fortgehen, das eine Flucht vor ewigen Nachstellungen gewesen ist, waren die Tage wieder ein bisschen dunkler geworden in der Arbeitervorstadt Lindenau.

„Ich meine alle, die Euch wirklich brauchen, und jetzt in ihrer Trauer untertauchen. Die Euch noch folgen auf die gleiche Reise. Und die hier bleiben, sterben still und leise. An Euch, an uns, und an sich selber auch“, heißt es in dem Lied für die Freunde. Es gibt keine gültigeren Verse für die Verzweiflung, in der viele damals lebten. Und auch für die Sehnsucht nicht nach einem freien, selbstbestimmten Leben.

Berühmt ist die Sängerin aber für ein anderes Lied, fast jeder hat es damals gekannt, sogar im Westen. Und auch heute noch merkt mancher auf, dem der Name Bettina Wegner schon nichts mehr sagt: „Kinder“ heißt es und wird meistens mit seiner ersten Strophe zitiert: „Sind so kleine Hände, winz’ge Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.“ (bei Amazon kaufen)

Am Ende des Textes steht das Programm der Wegner, poetisch und politisch zugleich: „Grade, klare Menschen wär’n ein schönes Ziel. Leute ohne Rückgrat haben wir schon zu viel.“ Das Wunderbare an den Liedern der Bettina Wegner ist, dass sie immer noch stimmen. Das kann sich die Frau, die heute zurückgezogen am Rande Berlins lebt und an diesem Samstag 70 Jahre alt wird, zugute halten. Alles ist noch da, ist auffindbar, wenn auch unter anderen Bedingungen in dieser Gesellschaft, die sich und allen die süße Freiheit verspricht: Freunde, die Freunde verlassen. Kinder, die Gewalt erfahren. Das Gefühl, ohnmächtig gegenüber einem Mechanismus zu sein, der dich kontrolliert. Auch Lieblose und Duckmäuser gibt es schließlich im Übermaß wie die Südfrüchte, an denen es im Osten einst so mangelte.

Bettina Wegner stieß in der DDR früh an die Grenzen

Wo fängt sie an, die Freiheit? Was kann ich selber für sie tun? Es sind die einfachen Fragen, auf die man so schwer eine einfache Antwort findet. Bettina Wegner hat das versucht, mit aller Kraft ihrer großen, manchmal gebrochenen Stimme. Und mit ganzer Person. Es sind nicht so viele, von denen man das so uneingeschränkt sagen kann. Jürgen Fuchs, der früh verstorbene Schriftsteller aus dem Jenaer Kreis, ist einer von dieser Güte gewesen. Der Dichter Wolfgang Hilbig ebenso. Andere haben sich als Bürgerrechtler profiliert, viele Mutige unter ihnen. Und einige sind danach mit den Jahren auch immer heldenhafter geworden. Bettina Wegner hat gerade Linien gezogen. Als Tochter überzeugter Kommunisten aus Lichterfelde im Westen Berlins mit zwei Jahren in den Osten gekommen, stieß die gerechtigkeitsliebende Frau beizeiten an die Grenzen, die auch innerhalb der DDR verliefen - nicht nur um sie herum. Von der Schauspielschule geflogen, nach ihrem Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings in Haft, bespitzelt - die Wegner, verletzlich und verletzt, blieb dennoch unbeirrt.

Bettina Wegner gibt nur noch gelegentlich Konzerte

Auch im Privaten hat es Schmerz gegeben, die Schriftsteller Thomas Brasch und Klaus Schlesinger waren ihr nahe, beide sind schon lange tot. Überhaupt ist vieles, das sie wollte und liebte, zerronnen. Gelegentlich gibt sie noch Konzerte („Abschiedtournee“ bei Amazon kaufen) , das am 7. November in Berlin ist längst ausverkauft, ein Zusatzkonzert angekündigt. Die Lieder sind geblieben, die wird man im Herzen behalten. Eben ist eine Ausgabe angekündigt, 120 Stücke aus 50 Jahren: „Was ich zu sagen hatte“. (mz)

Bettina Wegner und Karsten Troyke treten am 17. Januar, 20 Uhr, im Klub „Wabe“ in Berlin, Danziger Str. 101, auf.