1. MZ.de
  2. >
  3. Deutschland & Welt
  4. >
  5. Wirtschaft
  6. >
  7. Boote: Boote: Ixylon-Jollen aus Bitterfeld-Wolfen

Boote Boote: Ixylon-Jollen aus Bitterfeld-Wolfen

Von Steffen Höhne 02.08.2013, 07:20
In der Bootswerft: Helmar Becker steht auf einer neuen Ixylon, die nach Stuttgart geliefert wird.
In der Bootswerft: Helmar Becker steht auf einer neuen Ixylon, die nach Stuttgart geliefert wird. Andreas Stedtler Lizenz

Bitterfeld-Wolfen/MZ - Auf der Schrankwand in Helmar Beckers Büro reihen sich große und kleine Segel-Pokale zu Dutzenden. Seit seiner Jugend nimmt der heute 44-Jährige an Regatten teil. „Jetzt sind es nur noch zehn bis zwölf im Jahr“, sagt er. In Shorts, T-Shirt und Bade-Schuhen steht der große, braungebrannte Familienvater in der Werkstatt der BTM Marine in Bitterfeld-Wolfen. Becker ist nicht nur guter Segler, sondern führt auch eine der wenigen ostdeutschen Bootswerften.

Seit 1997 werden am Ortsrand von Bitterfeld Jollen vom Typ Ixylon gebaut. An den Wänden in der Werft hängen zahlreiche Fotos: Mal peitscht der Wind die Jolle in Schräglage, mal trinkt eine Familie auf dem Boot Kaffee. „Die Ixylon ist vielseitig einsetzbar“, sagt der BTM-Geschäftsführer. Diesem Umstand verdankt sie auch ihren Kunstnamen: die Jolle für Herrn X und Frau Y. Sie wurde von Ulrich Czerwonka konstruiert und 1969 von der Yachtwerft Berlin konzipiert. Dort wurde sie bis 1997 gebaut. Bereits in den 70er Jahren wurden mit diesem Bootstyp DDR-Meisterschaften ausgetragen. Sie erlaubt sportliches Segeln. Durch die zwei Seitenschwerter liegt sie dennoch stabil im Wasser. Die Ixylon ist die einzige DDR-Bootsklasse, die die Wende überlebt hat.

Kein einfaches Geschäft

Dies verdankt sie auch Helmar Becker. Der Ingenieur, der Fabrikplanung studierte, übernahm die Fertigung von der Yachtwerft Berlin. „Seither segeln wir hart am Wind“, sagt Becker. Das Geschäft mit den Jollen sei alles andere als einfach. 30 bis 40 Boote fertige BTM pro Jahr, berichtet der Bootsbauer. Dies höre sich zunächst nicht viel an. Doch damit gehöre man zu den großen deutschen Jollen-Herstellern. Die Firma besteht aus zwei Betriebsteilen. Im polnischen Stettin lässt Becker von sechs Mitarbeitern den Rumpf fertigen. Dabei werden im sogenannten Handauflege-Verfahren Glasmatten und Harz Schicht für Schicht übereinander gebracht.

In Bitterfeld bauen Becker und zwei Mitarbeiter die Boote zusammen. So fertigen sie in Handarbeit die zwei Schwerter und montieren die Mastbäume. „In sieben bis acht Tagen kann ein Boot zusammengebaut sein“, sagt Becker. Viele Teile habe man dann aber schon selbst vorgefertigt. Die kleine Werft befindet sich in der ehemaligen Werkstatt des Braunkohle-Tagebaus. Und dort, wo früher die Bagger nach Kohle gruben, ist heute das Seglerparadies Goitzsche.

Verkauft werden die Jollen, die je nach Ausstattung 9 000 bis 15 000 Euro kosten, allerdings nur selten in Mitteldeutschland. „In diesem Jahr haben wir bereits 32 Boote ausgeliefert, davon aber nur eines an einen Kunden aus Sachsen-Anhalt“, sagt Becker. Die Interessenten kommen vor allem aus Süddeutschland, der Lausitz aber auch aus Österreich und der Schweiz. Insgesamt sind 5 485 Boote diesen Typs auf den Gewässern unterwegs.

"Gekauft haben nur wenige"

Becker musste in der Vergangenheit auch Lehrgeld zahlen: Vor einigen Jahren hatte er einen Shop und eine Segelschule am Cospudener See im Süden von Leipzig eröffnet. „Die Segelkurse waren gut besucht, doch gekauft haben nur wenige“, sagt der Geschäftsführer. Die Lage in einem Hafen, nicht direkt an einer größeren Verkehrsstraße, sei nicht optimal gewesen.

Nach seinen Worten schwankt das Boots-Geschäft mit dem Auf und Ab der Wirtschaft. So sei im Jahr 2005 der Absatz deutlich zurückgegangen. In diesem Jahr kann sich Becker „vor Arbeit kaum retten“. Dennoch will er die Strukturen im Betrieb schlank halten. An neue Modelle denkt er nicht. „Ich sehe keine Nische, die man unbedingt bedienen müsste.“

Viel Arbeit und Mühe steckt er derzeit in einen Wohnwagen-Prototypen. In diesem soll auf Reisen die Ixylon verstaut werden. Am Ziel angekommen, bietet der Wohnwagen dann Küche und Schlafplätze. Kann daraus ein serienreifes Modell werden? Becker lächelt. „Wir werden sehen.“ Bei der Ixylon hätte auch kaum jemand gedacht, dass sie heute bei Seglern auf dem Bodensee beliebt ist.