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BMW-Erbin BMW-Erbin: Grande Dame Johanna Quandt gestorben

Von Sebastian Wolff 05.08.2015, 17:31
Johanna Quandt im Jahr 2012
Johanna Quandt im Jahr 2012 dpa Lizenz

Frankfurt/München - Die USA, heißt es, seien das einzige Land, in dem der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär möglich ist. Vielleicht stimmt das. Johanna Quandt jedoch hat noch Spektakuläreres vollbracht: Sie hat es von einer Sekretärin zur Milliardärin geschafft. Und das in Deutschland. Am 3. August, also bereits am Montagabend, ist Johanna Quandt, die BMW-Erbin und Unternehmerin in ihrem Haus im hessischen Bad Homburg im Alter von 89 Jahren gestorben, wie ein Sprecher der Familie am Mittwoch mitteilte.

Engagement für soziale Belange

Die Geschichte hatte Mitte der 50er-Jahre begonnen. Die in Berlin geborene ausgebildete medizinisch-technische Assistentin Johanna Bruhn trat eine Stelle im Büro des Industriellen Herbert Quandt, bei der Ara AG in Frankfurt am Main an, dem Vorläuferunternehmen des Batterieherstellers Varta. Es war eines der reichsten und erfolgreichsten deutschen Unternehmer.

Quandt hielt große Stücke auf sie. Er machte sie zu seiner persönlichen Assistentin, stattete sie mit weitreichenden Kompetenzen aus – und verliebte sich schließlich in sie. 1960 heirateten die beiden. Johanna Quandt war 34 Jahre alt, 16 Jahre jünger als ihr Mann.

Nach dem Tod ihres Mannes 1982 wurde sie eine der reichsten Frauen Deutschlands – gemeinsam mit ihrer 1962 geborenen Tochter Susanne Klatten. Das Magazin Forbes schätzte ihr Vermögen zuletzt auf rund 14 Milliarden Dollar. Sie belegte damit Platz 77 auf der Liste der reichsten Menschen der Welt und Platz acht auf der Liste der reichsten Deutschen. Johanna Quandt besaß unter anderem knapp 17 Prozent der Anteile am Automobilkonzern BMW, wo sie auch Mitglied im Aufsichtsrat war.

Allein an Dividende für ihre BMW-Aktien strich Johanna Quandt jedes Jahr eine dreistellige Millionensumme ein.
Neben Varta und den Aktienpaketen an BMW gehörten zu ihrem und dem Erbe ihrer Kinder rund 200 Firmen, etwa der Petrochemiekonzern Wintershall, der Textilproduzent Stöhr und auch eine Beteiligung an Daimler-Benz.
Doch man würde dieser Frau nicht gerecht, wenn man sie nur auf ihr Vermögen reduzieren würde, das ihr quasi in den Schoß fiel. Spätestens seit dem Tod ihres Mannes wurde Johanna Quandt selbst zur erfolgreichen Unternehmerin. Sie baute die vielfältigen Beteiligungen der Quandt-Familie weiter aus und teilte dieses Erbe Ende der 90er-Jahre unter ihren Kindern Stefan Quandt und Susanne Klatten auf.

Außerdem agierte Johanna Quandt nicht nur als Unternehmerin erfolgreich, sie engagierte sich auch in hohem Maße für soziale Belange. 1995 rief sie die Johanna-Quandt-Stiftung ins Leben. 2005 wurde sie aufgrund ihres Engagements für die Behandlung krebskranker Kinder zur Ehrensenatorin der Goethe-Universität Frankfurt am Main ernannt. 2009 erhielt sie das Große Bundesverdienstkreuz. 2005 gründete sie mit dem Berliner Universitätsklinikum Charité die „Stiftung Charité, welche vor allem das unternehmerische Denken an der größten Uni-Klinik Europas fördern, aber auch wissenschaftliche Vorhaben unterstützen soll. Die Stiftung ließ sie großzügige Spenden zukommen.

Das Rampenlicht jedoch war ihre Sache nicht. Sie zog es vor, im Stillen zu agieren. Erst recht, nachdem 1978 eine Entführung von Mutter und Tochter erst im letzten Augenblick verhindert werden konnte. In den letzten Jahren lebte Johanna Quandt zurückgezogen in einer Villa in Bad Homburg im Taunus. Bei ihren wenigen öffentlichen Auftritten strahlte sie jedoch die Aura einer Grande Dame aus, die dem Unternehmen „Begeisterung und Leidenschaft“ entgegengebracht sowie Rückhalt und Sicherheit gegeben habe, wie der neue BMW-Vorstandsvorsitzende Harald Krüger sagte.

Kritisch zu aktuellen Themen

Bei der jährlichen Verleihung des mit 50 000 Euro dotierten Herbert- Quandt-Medien-Preises, einem 1985 von ihr gestifteten renommierten Wirtschaftspreis für herausragende publizistische Arbeit, äußerte sie sich häufig kritisch zu aktuellen Themen. Auch als Kunstmäzenin wurde sie bekannt: 1926 war sie als Tochter des Kunsthistorikers Wolfgang Bruhn geboren worden, sie teilte das Interesse ihres Vaters für Kunst und klassische Musik. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie als Krankenpflegerin im Lazarett. „Eine Zeit, die sie sehr prägte“, betonten ihre Kinder in einer Mitteilung. Und eine Erfahrung, die dafür sorgte, dass sie nie die Bodenhaftung verlor. (mit dpa)