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Susi Neumann Susi Neumann: Diese Putzfrau mischt die SPD auf

Von Bernhard Honnigfort 04.07.2016, 12:25
Susi Neumann ist Putzfrau und engagierte Sozialdemokratin.
Susi Neumann ist Putzfrau und engagierte Sozialdemokratin. dpa

Gelsenkirchen - Die Tür geht auf, da steht sie. Klein, Meckischnitt, fragender Blick. Einer von drinnen: „Wat will die Schwafeltante denn hier?“ Gaststätte Zilch in Gelsenkirchen-Horst, Hinterzimmer, Pokale und Butzenscheiben, Pils, Alt, Frikadellen mit Senf. Der SPD-Ortsverein Horst-Süd trifft sich.

Das hat sie nicht gehört. Kein freundlicher Empfang. Alle gucken erst mal. Sie kommt mit Freundin Angelika und einem Kamerateam im Schlepptau, drei Leute, WDR, demächst gibt es eine 45 minütige Reportage über sie.

Putzfrau und Rampensau der kleinen Leute

„N`Abend“, sagt sie. Die Sitzung hat vor 22 Minuten angefangen. Macht aber nichts. „N`Abend“, sagt die SPD Gelsenkirchen Horst-Süd, 19 Leute, die meisten Rentner, zurück. Taner Ünalgan, der jüngste, 23 Jahre alt, Student der Politikwissenschaft, unterbricht sein Referat über die AfD und ihre Gefahren. 30 Prozent Wähler aus der Arbeiterschaft, 30 Prozent aus den Arbeitslosen. „Das sind eigentlich unsere Leute“, sagt Ünalgan.

Dann macht er eine kleine Pause, denn die neue Genossin ist da: Susi Neumann.  Putzfrau, Gewerkschafterin, früher Betriebsrätin, heute die Rampensau der kleinen Leute und  in vielen deutschen Talkshows unterwegs, Markus Lanz, Anne Will, bei N24, im WDR. Kleine Frau, klare Kante, klare Botschaft. Eine, die redet, wie Island Fußball spielt. Sigmar Gabriel hat sie schon die Meinung gegeigt. Mit Andrea Nahles würde sie gerne mal in den Ring steigen. „Aber die traut sich ja nicht.“

Susi Neumann hat eine Mission

Ihr Thema: Altersarmut, Leiharbeit, Niedrigverdiener. Sie nennt es: „Der ganze Mist, den der Schröder damals verbockt hat mit seiner Agenda 2010.“ Sie hat alles am eigenen Leib erfahren. Ihr Leben lang hat sie aufgewischt, gesaugt, gewienert, 35 Jahre lang, zwei Kinder groß gezogen. Wenig Geld, viel Arbeit, eine Putzstelle und ein Hausmeisterjob. Und natürlich Ärger ohne Ende, weil sie sich nie was gefallen ließ und immer den Mund aufmachte. Und wenn sie in Rente geht: 735 Euro. „Dat ist doch nix“, sagt sie.

Jetzt ist sie 57. Vergangenes Jahr im Mai wurde Krebs entdeckt, ihr wurde ein Tumor entfernt. Sie ist krank geschrieben, aber es geht. „Ich muss meine Zeit nutzen“, sagt sie. Sie hat eine Mission, sie will die SPD erden. Nicht mehr aufwischen, aufmischen. Schluss mit der „Schröder-Klamotte“, Schluss damit, raus aus der Koalition mit Angela Merkel. Von vorne anfangen. Unten anfangen. Bei den Leiharbeitern, den Arbeitslosen, den Billiglöhnern, den Putzen, wie sie sagt. Früher war die SPD die „Schutzmacht der kleinen Leute“. Und heute? „Vergiss es.“

Nun ist sie in der SPD, vor zwei Monaten eingetreten, Hannelore Kraft, die NRW-Ministerpräsidentin, schob ihr nach „Anne Will“ einen zerknitterten Aufnahmeantrag rüber: „Kein Mitglied, aber große Klappe.“ Sie unterschrieb, der Antrag wandete durch den Bauch der Partei bis er nun in Horst-Süd landete, wo Susi Neumann wohnt.

„Wat will die eigentlich hier?“, fragt knurrig der alte Genosse Helmut, graue Jacke, graue Haare, am Tischende.

Susi Neumann hat Sigmar Gabriel "alt aussehen lassen"

Keine zehn Minuten später und sie gibt den Ton an. Freundlich, frech, direkt. Hat sich erlaubt, die Tagesordnung umzudrehen. „Wat seid ihr eigentlich für ein Verein?“, fragt sie. Neulich habe sie Sigmar Gabriel in Berlin im Brandt-Haus bei der Gerechtigkeitskonferenz „alt aussehen lassen“, 800 Genossen im Haus, alle klatschten, als sie redete. „Ist doch nicht normal“.

„Was heißt Ihr?“, fragt der Ortsvereinsvorsitzende Lutz Dworzak freundlich zurück. „Du gehörst doch jetzt auch dazu.“

Gute, alte SPD. Man ist reserviert, man ist höflich, man hört ihr zu.

SPD-Ortsverband wettert gegen Parteibasis

Aber schnell hat sie das Eis gebrochen. Und dann geht das Geschimpfe los in der kleinen SPD über die große SPD, die Partei, die man nicht mehr versteht, nicht mehr erkennt, nicht mehr richtig fühlt, die man keinem mehr erklären kann, wenn man nicht den ganzen Abend reden will.

Und das in Gelsenkirchen, „Herzkammer“ der deutschen Sozialdemokratie. Letzte Bastion. Einzige absolute SPD-Mehrheit, hier schafft die SPD noch Direktmandate für Landtag und Bundestag, hier stellt sie seit dem Krieg (mit einer Ausnahme) immer den Oberbürgermeister. Nächstes Jahr sind Wahlen, nichts klappt, die Umfragen im Bund sind Mist. „Immer die Arschkarte“, sagt einer im Gasthaus Zilch, während er seine Frikadelle zerteilt und in Senf tunkt. „Die Merkel hat uns aufgesogen.“

"Früher war die SPD mal eine soziale Partei"

„Ich habe Heidenschiss“, sagt Susi Neumann, ihre Stimme wird ganz dunkel und bedrohlich. „Wenn ich in meiner Gewerkschaft herumfrage, wie die Stimmung ist, na gute Nacht. Da wollen viele der Regierung mal richtig was vor den Koffer geben. Und das sind eigentlich ehemalige SPD-Wähler, die das sagen.“

Und dann ist sie endgültig hin, die Zurückhaltung. Dammbruch. „Früher war die SPD mal eine soziale Partei“, legt Angelika los. „Und heute?“ Die Nahles habe doch den Mindestlohn durchgesetzt, ruft einer dazwischen. „Scheiß Mindestlohn“, ruft einer zurück. „Merkt doch keiner. Hat die SPD irgendwas davon?“ Und dann kommt Gudrun und erzählt aus ihrem Bekanntenkreis und was sie da so über die AfD zu hören kriegt. „Selbst Leute, die man gut kennt, reden plötzlich so`n Zeug.“ Zehn Prozent, hat der Genosse Ünalgan eben vorgetragen, würden der AfD bei der NRW-Landtagswahl 2017 vorhergesagt, in Gelsenkirchen erfahrungsgemäß etwas mehr. „Glaube ich nicht“, meint Gudrun. „Das wird wesentlich mehr hier.“ Einige nicken.

In Thüringen verliert die SPD an Zuspruch

Die Schutzmacht und die kleinen Leute. Geschichten. Früher in Gelsenkirchen, Lutz Dworzak erzählt: Jahrgang 1948, SPD-Chef von Horst-Süd, erzählt. 1967 eingetreten. Kohle, Zeche Nordstern mit 5000 Bergleuten und Arbeitern, die SPD, die Betriebsräte, die Kneipen. Brauchte jemand Arbeit, schickte man ihn zum Betriebsrat. Brauchte jemand eine Wohnung, schickte man ihn auch zum Betriebsrat. „Und alle waren in der SPD.“ Und wenn Willy Brandt im Wahlkampf da war: „Drei Kundgebungen an einem Tag, drei Plätze, immer voll.“

Und heute? „Ich weiß auch nicht. Alles anonymer, anders. Wir kommen gar nicht mehr an die Leute ran.“ Die Themen? „Langzeitarbeitslose, die kaum noch integrierbar sind. Überfälle, Einbrüche, Sauberkeit und Ordnung.“ Ja, vor allem Sauberkeit und Ordnung. Horst habe eine Polizeiwache, aber die sei nur bis mittags zwölf besetzt. „Muss man sich mal vorstellen.“

Bis die AfD kam war die Stimmung anders

Und seine SPD? 800 allein in Horst zu Glanzzeiten, heute, („Wir kennen uns alle“) etwa 100 und davon 30, die was tun. „Meist Rentner und Lehrer.“

Der Ton in der Stadt sei anders geworden, sagt Dworzak. Bei der letzten Kommunalwahl vor zweieinhalb Jahren war er noch ganz, ganz anders. Dann kam die AfD. „Wir nehmen die nicht richtig wahr hier, so viele sind das hier ja nicht“, sagt Dworzak. „Aber, ja, sie werden wohl gewählt werden.“

SPD muss in Thüringen ums Überleben kämpfen

Kleiner Abstecher. Gotha in Thüringen. Gelsenkirchen war mal Herzkammer, Gotha ist das „Stonehenge der SPD“. Sagt Matthias Hey, 46, Sozialdemokrat. Das Tivoli-Gasthaus, 1875, die Vereinigung zur Sozialistischen Arbeiterpartei, dem SPD-Vorläufer. Und 1990 die Wiedergründung. Willy Brandt war in Gotha: „Hier wächst zusammen, was zusammen gehört.“

Und heute? Die SPD trudelt, liegt in Thüringen bei nur noch elf Prozent. „Es gibt Ecken hier, da kämpfen wir ums Überleben“, sagt Hey. Er ist Fraktionsvorsitzender im Erfurter Landtag, arbeitet bis spät abends, zu Hause liest er dann seine Mails, viele davon Hassmails. „Die Stimmung ist gereizt. Alles hat sich radikalisiert“, sagt er. „Der Osten tickt noch einmal ganz anders als der Westen.“

Gegen eine Große Koalition, für eine Opposition

Hey ist ein humorvoller und  rationaler Mensch. Er ist gelernter Drucker, hat später im Finanzamt gearbeitet und im Rathaus Politik gemacht. Er ist SPD-Chef in Gotha, 121 Mitglieder, ein cool wirkender Typ, der seinen Job eigentlich gerne macht.

Er sagt, es sei entsetzlich, was gerade alles salonfähig werde. Neulich war Tag der offenen Tür im Landtag. Das Volk im Plenarsaal. Dann kam Björn Höcke von der AfD und man jubelte ihm zu wie einem Fußballhelden. „Tosender Beifall“, sagt Hey. Manchmal habe er die Faxen so dicke. Er habe eine Tochter, zwei Jahre alt und abends, wenn er nach Hause komme, habe er solche Anrufe auf dem Band: „Ich weiß, wo du wohnst!“

„Es wird immer schwerer“, sagt er. „Entscheidend ist nicht mehr, was geschieht. Entscheidend ist nur noch, was Leute glauben, was geschieht.“ Bitte? „Ja“, sagt er. „Wir haben nur 30000 Flüchtlinge in Thüringen. Und die Leute denken, das Ende der Welt ist da.“ Die Verhältnisse seien ins Rutschen gekommen.

Er hat Susi Neumann im Fernsehen gesehen. Ihre einfachen Antworten, weg mit Hartz IV, mehr Lohn, raus aus der Berliner Koalition. „Vier Jahre Opposition sind vielleicht mal ganz gut“, sagt Hey. Sicher, die Welt sei nicht ganz so einfach, aber was Neumann sage, würde er auch unterschreiben. „Wir werden nicht mehr als Schutzpatron der Kleinen wahrgenommen“, sagt er. „Es wird immer schwerer, überhaupt mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Spätestens seit Hartz IV. Uns wird alles übel genommen.“

Die SPD habe nichts mehr zu erzählen, sei unkenntlich geworden. Zum Beispiel? „Marode Schulen, prächtige Banken“, sagt er. „Wenn unsere Kinder schlechter untergebracht sind als unser Geld, dann ist was faul in Deutschland, oder?“ Da müsse die SPD hin.

Mit Schröder begann der Anfang vom Ende

„Wir müssen uns wieder kümmern!“, sagt er und erzählt dann noch eine Geschichte: Ein ältere Frau rief ihn in Gotha an, schimpfte wie ein Rohrspatz. Müll auf dem unbebauten Nachbargrundstück. Wenn der nicht beseitigt werde, wolle sie nächstes Mal AfD wählen. Sie hatte im Rathaus angerufen, war an die Baugesellschaft weitergeleitet worde, von dort erhielt sie die Auskunft, das Grundstück gehören Investoren, da könne man nichts machen. Dann Anruf beim Landkreis, der schickte zwei Mitarbeiter, die sahen sich die Sache an und meinten, vom Müll gehe keine Gefahr aus, da könne man nichts machen.

„Die Geschichte der Frau stimmt“, sagt Hey. Unter falschem Namen machte er die gleiche Anruf-Tour. „Irgendwann reichte es mir. Ich bin hingefahren, habe alles in mein Auto geladen und meine Mülltonnen damit vollgestopft.“

Was das mit der SPD zu tun hat? „Alles“, sagt Hey. „Wir müssen uns kümmern, um alles, um jeden, sonst verlieren wir.“ Die Stimmung unter den Alten im Osten, ihre Angst, die Wut. „Wir sind in schwierigen Zeiten, niemand weiß, wo es hinläuft.

Hey schätzt die SPD-Mitgliedschaft sehr

Hey ist stolzer Sozialdemokrat. Er kennt die Geschichte der Partei, Aufstieg, Verfolgung, Leiden, Erfolge. Die Geschichte vom Schuster Wilhelm Bock aus Gotha, der sein Leben lang rackerte und in der Weimarer Republik Vizepräsident des Reichstages wurde.

Und heute, Hey kann es nicht fassen, kämen SPD-Landräte und SPD-Bürgermeister daher, würden bei jeder Kleinigkeit mit Parteiaustritt drohen, wenn ihnen was aus dem Landtag nicht passe. Als wäre die SPD-Mitgliedschaft nichts. „So etwas macht mich verrückt.“

Irgendwann sagt er einen merkwürdig klingenden Satz, einen Wunsch, eigentlich: „1000 Beseelte“, bräuchte seine SPD. Eine „klare Politik“ und 1000 Beseelte, über das ganze Land verteilt. Er nickt langsam dabei. „Sonst haben wir gegen die Höckes hier keine Chance.“

"Alle meiner Meinung"

Noch einmal Gasthaus Zilch, Gelsenkirchen-Horst, immer noch Susi Neumann. Sie erzählt von ihrer alten Putzfirma, die vor acht Jahren 500 und heute 5000 Leute beschäftige, davon wie die Leute beschissen würden, vom Schröder, mit dem das alles begonnen habe. „Ja, der Anfang vom Ende“, ruft einer. „Ich sehe“, sagt Susi Neumann und guckt in die Runde: „Alle meiner Meinung. Und warum kommt dat oben in der Partei nicht an? Reden die da chinesisch?“

Dann ist erst mal Raucherpause. Alle raus vor die Tür.