MZ-Serie MZ-Serie: Pia hilft beim Umbau
Magdeburg/MZ. - 19 Stufen hat Ilse Bähr gegenwärtig bis zu ihrer Wohnung zurückzulegen. Das ist für die 86-Jährige zu viel. Zumal sie vor einiger Zeit eine Knieprothese erhalten hat und ihr auch die Wirbelsäule zu schaffen macht. Die Magdeburgerin hat die Konsequenzen gezogen und sich eine neue Wohnung gesucht. "Die ist ebenerdig und barrierefrei", erzählt sie. Und einen weiteren Vorteil weist sie auf. Der Duscheinstieg im Bad ist nur noch 15 Zentimeter hoch. Sicher - ebenerdig wäre besser. Aber es ist im Vergleich zur alten Wohnung ein Fortschritt. Dort waren es 35 Zentimeter. Es gibt nun eigentlich nur noch ein Problem: die Toilette ist zu niedrig. Und es fehlen einige Haltegriffe.
Was also tun? Die Magdeburger Wohnungsbaugesellschaft hat ihr empfohlen, sich an Pia zu wenden. Pia, dass ist die Gesellschaft Prävention im Alter (Pia), ein Institut an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Es berät jeden der es wünscht in Sachen Wohnraumumgestaltung. Nicht nur theoretisch. In den Räumen der Hochschule haben die Mitarbeiter eine 60 Quadratmeter große Musterwohnung eingerichtet. Betroffene und auch deren Angehörige können dort zum Beispiel anschauen, wie Oberschränke in der Küche so umgebaut werden können, dass auch ein Rollstuhlfahrer herankommt. Sie haben die Möglichkeit, auszuprobieren, wie ein modernes Pflegebett funktioniert, einen Treppenlift zu testen oder eben ein barrierefreies Badezimmer anzuschauen.
Das Badezimmer ist denn auch der Beratungsort für Ilse Bähr. Yvonne Jahn, die stellvertretende Vorsitzende des Vereins und Verantwortliche für die Wohnberatung, zeigt ihr eine Toilettensitzerhöhung mit Haltegriffen. Die alte Dame prüft, ob sie damit zurecht kommt. Danach werden Haltegriffe in der Muster-Dusche gezeigt. Es bieten sich verschiedene Varianten an, diese anzubringen. Auch verschiedene Farben stehen zur Wahl.
Ilse Bähr wird zudem beraten, wie sie zu den Hilfsmitteln kommt. Für den Sitz braucht sie ein Rezept des Arztes. Die Kosten trägt dann die Krankenkasse. Für die Haltegriffe in der Duschkabine muss sie selbst aufkommen. Hätte Frau Bähr eine Pflegestufe, sehe das unter Umständen anders aus. Dann würde möglicherweise die Pflegekasse einen Teil der Kosten übernehmen - nämlich dann, wenn sich der Medizinische Dienst der Krankenversicherung von der Notwendigkeit überzeugt und ein entsprechendes Gutachten abgegeben hat. Bis zu 2 557 Euro können gezahlt werden. Bei der Antragstellung helfen die Pia-Mitarbeiter. Und sie beraten gegebenenfalls auch über andere Fördermöglichkeiten.
Dem Besuch der Interessenten bei Pia geht ein Hausbesuch der Wohnberater bei dem Interessenten voraus. Hier wird geprüft, welche Umbauten überhaupt möglich sind. Im Falle von Ilse Bähr musste beispielsweise geschaut werden, wie die Wände beschaffen sind, an denen Haltegriffe angebracht werden sollen. "Wären es Trockenbaumauern gewesen, wäre gar nichts gegangen. Da es sich aber um Betonwände handelt, gibt es keine Probleme", erklärt Yvonne Jahn.
Zu klären ist im Vorfeld auch, ob der Vermieter dem Umbau überhaupt zustimmt. In der Regel, so die Beraterin, gebe es da kaum Probleme. "Die Vermieter sind offen und interessiert. Der Wohnungsleerstand ist hoch genug. Sie sind daran interessiert, ihre Mieter zu behalten." Oftmals würden auch sie einen Teil der Kosten übernehmen. Die Beraterin betont, dass es mit mehreren Wohnungsunternehmen in Sachsen-Anhalt eine gute Zusammenarbeit gebe.
Nach der Beratung endet für die Pia-Mitarbeiter die Arbeit aber nicht. Wenn es gewünscht wird, sind sie auch während des Umbaus an der Seite der Mieter. Gegebenenfalls organisieren sie den Umzug. "Oftmals geraten Menschen sehr plötzlich in eine Situation, in der sie handeln müssen. Sie selbst und ihre Angehörigen sind dann oft überfordert und froh, wenn wir ihnen diese Arbeit abnehmen", sagt Yvonne Jahn. Eine Arbeit, die auch ihren Preis hat. 100 bis 150 Euro würde eine Beratung kosten, in der lediglich über Möglichkeiten der Wohnraumanpassung informiert wird. Bei umfangreicheren Projekten kommt schon mal eine Summe von 200 bis 300 Euro zusammen. Der Reratungsservice wird derzeit für alle Interessierten kostenfrei angeboten.
Auf bis zu 200 Beratungen im Jahr kommen die Pia-Mitarbeiter. Und doch blicken sie nicht ohne Sorgen in die Zukunft. Ein Kooperationsvertrag mit der größten Kasse des Landes, der AOK, ist im Herbst ausgelaufen. Damit ist ein finanzielles Standbein erst einmal weggebrochen. Zwar laufe die Zusammenarbeit weiter, aber auf einer neuen Basis.
Yvonne Jahn hofft, dass die Beratung auf neue finanzielle Beine gestellt werden kann. Es würden derzeit intensive Gespräche geführt. Ein Land wie Sachsen-Anhalt, dessen Bevölkerung immer älter werde, sollte seinen Bürgern einen solchen Service zur Verfügung stellen, findet sie. Andere Bundesländer seien da breiter aufgestellt - vor allen in westlichen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Bayern oder Niedersachsen gebe es eine flächendeckende Wohnberatung. Hierzulande habe das Beratungsnetz erhebliche Löcher.
Ilse Bährs Probleme sind mit Hilfe von Pia gelöst worden. Sie wird im Januar ihre neue Wohnung beziehen. Und endlich die 19 beschwerlichen Stufen hinter sich lassen.
Pia erreichen Sie im Netz: www.pia-magdeburg.de oder telefonisch: 0391 / 8864615 Weitere Angebote zur Wohnberatung unter: www.pflegeberatung- sachsen-anhalt.de
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