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MZ-Interview MZ-Interview: «Wie Schweine behandelt»

09.05.2012, 18:53

Berlin/MZ. - Im Schlepptau seiner Mutter und gegen seinen Willen siedelte Klaus Gold (Foto), 1949 in Kassel geboren, mit 15 Jahren in die DDR über. Er arbeitete als Instandhaltungsmechaniker, Schwimmmeister und Sozialarbeiter. In der DDR hat er in mehreren Gefängnissen gesessen. Heute lebt er als erwerbsunfähiger Frührentner in Straach bei Wittenberg. Mit ihm sprach unser Korrespondent Markus Decker.

Herr Gold, Sie waren von 1967 bis 1971 als politischer Häftling im Gefängnis. Mussten Sie dort arbeiten?

Gold: Ich habe wegen so genannter Republikflucht in mehreren Haftanstalten der DDR gesessen. Wie in der DDR üblich, gab es auch dort eine Arbeitspflicht. Wer sich dieser widersetzte, wurde zusätzlich mit strengster Einzelhaft bestraft. Darin gab es weniger zu essen und eine noch primitivere Beschäftigung. Ich musste unter anderem Wundertüten für eine DDR-Kinderzeitschrift verkleben und Etiketten für Süßwaren-Exportartikel anfertigen.

Unter welchen Umständen fand die Arbeit statt?

Gold: In Luckau musste ich für "Sternradio Berlin" arbeiten. Hier musste ich Alugehäuse für Export-Autoradios entgraten und Kabelenden im Zinn-Tauch-Bad löten. Außerdem musste ich den Inhalt aus gefüllten Farbfässern mit einer Schöpfkelle in Büchsen umfüllen. Es gab weder Arbeitsschutz noch Entlüftung. Der Zustand des "Arbeitsplatzes" war mit dem eines Arbeitsplatzes aus dem 19. Jahrhundert vergleichbar. Und: Man konnte sich nicht wehren. Oft atmete ich die Nitro-Dämpfe bis kurz vor dem Schwindel ein. Eine Schleimhautentzündung wirkt sich bis heute aus. Ich musste Schrauben und Muttern sortieren. Später wurde ich wegen eines Suizidversuchs nach Gräfentonna verlegt. Wegen Arbeitsverweigerung saß ich 110 Tage in Einzelhaft. Schließlich war ich noch in Volkstedt und Bitterfeld inhaftiert.

Die Ost-Gefängnisse haben ja auch für Westfirmen produziert. Welche waren das in Ihrem Fall?

Gold: Ich wusste nicht, dass Gefangene für West-Firmen arbeiten mussten. Ich kann auch nicht sagen, ob ich dafür eingesetzt wurde. Wir wurden darüber nicht informiert.

Nun wird ja im Zusammenhang mit Ikea über Entschädigungen diskutiert - mit Recht?

Gold: Ich bin froh, dass endlich mal jemand dieses brisante Kapitel aufgreift. Und ich kann den Betroffenen nur wünschen, dass sie entschädigt werden. In mir kocht es jedenfalls seit der Haftentlassung innerlich, weil ich es nicht ertragen konnte, für Firmen zu arbeiten, die sich einen Dreck um Hygiene und Arbeitsmittel sowie um die Gesundheit der Gefangenen scherten. Man kam sich vor wie ein armes Schwein. Und man wurde auch so behandelt.