Karl-Heinz Schmalfuß Karl-Heinz Schmalfuß: Späte Zweifel
Halle (Saale)/MZ. - Der Mann, der einer der letzten lebenden Zeitzeugen aus dem inneren Machtzirkel der untergegangenen Arbeiter- und Bauernrepublik ist, geht ein bisschen gebeugt. Doch Karl-Heinz Schmalfuß, der seiner DDR als stellvertretender Innenminister diente, gibt sich ungebrochen. Wo viele seiner früheren Genossen verbittert schweigen, will Schmalfuß reden. Wo andere den untergegangenen zweiten deutschen Staat bis heute als den besseren verklären, wägt der 82-Jährige sein Urteil genauer ab. Besser gemeint war alles, sagt er, besser gemacht leider viel weniger.
"Aus heutiger Sicht glaube ich, dass die DDR ihre Lebensperspektive schon Anfang der 50er Jahre verloren hat", sagt Schmalfuß, der aus dem Vogtland-Flecken Rützengrün stammt. Damals, als Stalin starb und wenig später die Arbeiteraufstände vom 17. Juni 1953 die SED zur Rücknahme beschlossener politischer Maßnahmen zwangen, so glaubt er, wäre es noch möglich gewesen, das Ruder herumzureißen. Doch statt sich vom großen Bruder Sowjetunion zu emanzipieren und etwa die Uranförderung im Erzgebirge unter eigene Regie zu bekommen, habe sich die SED-Führung damit zufrieden gegeben, mit der neuen Sowjet-Führung unter Nikita Chruschtschow einige kleine Lockerungen zu erreichen. Die Wismut AG aber blieb in sowjetischem Besitz. Die DDR wurde nicht das Saudi-Arabien des Atomzeitalters.
"Wir haben dadurch Milliarden verloren", beklagt der Sohn eines Zimmermanns, der das Kriegsende in einem Wehrlager erlebte, in dem 15-jährige Schüler zum letzten Aufgebot des Dritten Reiches ausgebildet wurden. Schießen musste Schmalfuß nicht mehr, nach dem Krieg durfte er sogar auf die Schule zurück, um das Abitur nachzuholen, von dem er gedacht hatte, dass es für ihn wegen der finanziellen Lage seiner Eltern nicht erreichbar sein werde.
Die neue Zeit aber bringt neue Chancen und sie prägt damit die Menschen, die sie nutzen können. Karl-Heinz Schmalfuß will Lehrer werden - und für dieses Ziel holt er die sechs Jahre Lateinunterricht, die ihm fehlen, parallel zum regulären Unterricht im Alleingang nach. Der junge Mann, bis dahin gefangen im kleinstädtischen Kosmos des Vogtlandes, sieht, wie dank der Wismut, die das Uran für die sowjetische Atombombe liefert, ringsum aus abgeschiedenen Dörfern eine Industrielandschaft wird. Das muss der Fortschritt sein, denkt Schmalfuß. Er wird Mitglied der Freien Deutschen Jugend, mit der Dorfgruppe organisiert er Kulturveranstaltungen. Mit den jungen Leuten marschiert die neue Zeit. Man liest das Kommunistische Manifest und ist begeistert. Man hat Ideale und eifert für sie. "Ich sah in der FDJ die logische Konsequenz, das faschistische Alte zu überwinden und etwas Neues zu gestalten."
Sechs Jahrzehnte später umflort schneeweißes Haar den Kopf des Mannes, der dann doch nur kurz vor Schülerinnen und Schülern stehen kann. Nach dem 17. Juni 1953, der der herrschenden SED einen Riesenschrecken einjagt, bekommt das Parteimitglied Schmalfuß den Parteiauftrag, Offizier der Kasernierten Volkspolizei zu werden.
Er hat seine Aufgabe ernst genommen bis zum Schluss. Schmalfuß studiert in Moskau, avanciert dann zum Mitarbeiter des Stabes des Ministers des Inneren der DDR und wird Mitte der 60er zum Chef des Büros von Friedrich Dickel, der bis zum November 1989 als Innenminister amtieren wird. Wenn er jemals Zweifel an der DDR gehabt hat, so hat Karl-Heinz Schmalfuß sie damals nie ausgesprochen. Und auch heute kommt vieles nur verschlüsselt zum Vorschein. Seinen langjährigen Vorgesetzten Dickel jedenfalls hält der VP-Generalmajor a.D. nach wie vor für einen Mann, der fähiger war als die anderen Militärs in der DDR-Spitze. Dennoch saßen Stasi-Minister Mielke und die Chefs der NVA im Politbüro, der Leiter der Polizei aber nur am Katzentisch des Zentralkomitees. "Da waren eben zwei, die keinen dritten neben sich duldeten", kommentiert Schmalfuß.
So lange er selbst - zum Schluss als Generalmajor und Verantwortlicher für die sogenannten Kampfgruppen und die DDR-Zivilverteidigung - Uniform trug, schien Schmalfuß das richtig so. Natürlich habe auch er lange vor dem Beginn des Zusammenbruchs im Sommer und Herbst 1989 bemerkt, dass die DDR vor ihrem Ende stand. "Aber noch Anfang 1989 deutete nichts darauf hin, dass das Land in den letzten Zügen lag." Schmalfuß war ganz nah dran und doch weit weg, er las Informationen über oppositionelle Gruppen und glaubte doch, dass es sich dabei nur um eine kleine Minderheit handelte.
Mit Entsetzen sieht er dann zu, wie der Unmut des Volkes wächst und die Parteiführung unfähig ist, zu reagieren. Bei der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz schließlich, die er am Fernseher verfolgt, wird ihm klar, dass es vorüber ist. "Es wurde alles infrage gestellt, was wir aufgebaut hatten."
Schmalfuß ist knapp über 60, als er beginnt, das Ministerium abzuwickeln, dass er selbst aufgebaut hat. Sein neuer und letzter Minister heißt Peter-Michael Diestel - ein CDU-Mann, mit dem man arbeiten konnte, wie Schmalfuß sagt. Während Enthüllungen über ungerechtfertigte Privilegien der Staatsführung und die Stasi-Verwicklung von Oppositionellen das Land in einen Strudel aus Verunsicherung stürzen, versucht die ungewöhnliche Allianz aus SED-General und CDU-Minister, die Anarchie zu verhindern. Polizei und Feuerwehren müssen einsatzfähig gehalten werden, nebenbei sind Stasi und Kampfgruppen aufzulösen. Und Wahlen vorzubereiten.
Das Ziel ist die eigene Abschaffung. Am Tag vor der deutschen Einheit, nur Stunden nach der formellen Übergabe des DDR-Innenministeriums an den Innenminister der Bundesrepublik, erhält Karl-Heinz Schmalfuß seine Entlassungspapiere. Bis Jahresende bleibt er noch Berater auf Honorarbasis, dann scheidet er aus dem Dienst und geht. Den Glauben daran, dass der Sozialismus trotz des Scheiterns seiner DDR eine gesellschaftliche Alternative bleibt, hat Schmalfuß mitgenommen.