1. MZ.de
  2. >
  3. Deutschland & Welt
  4. >
  5. Politik
  6. >
  7. Interview mit Bundesärztekammer-Präsident: Interview mit Bundesärztekammer-Präsident: Patienten, Pläne, Populismus

EIL

Interview mit Bundesärztekammer-Präsident Interview mit Bundesärztekammer-Präsident: Patienten, Pläne, Populismus

11.11.2013, 07:44
Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, war Gast seiner sachsen-anhaltischen Amtskollegin Simone Heinemann-Meerz.
Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, war Gast seiner sachsen-anhaltischen Amtskollegin Simone Heinemann-Meerz. boe Lizenz

Magdeburg/MZ - Der Präsident der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages, Frank Ulrich Montgomery, war am Wochenende Gast der Herbst-Versammlung der Ärztekammer Sachsen-Anhalts. Mit ihm sprach Bärbel Böttcher.

Herr Montgomery, Sie sind hier in dem Bundesland mit der ältesten und kränksten Bevölkerung. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Sparpläne der Landesregierung speziell im Bereich der Hochschulmedizin?

Montgomery: Trotz Schuldenbremse, Kooperationsverbot und Sparbemühungen muss die Daseinsvorsorge für die Bevölkerung gewährleistet sein. Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass man in einer Zeit, in der eher mehr Menschen Medizin studieren sollten, die Zahl der Studienplätze herunterfahren will, dass es sogar Gedankenspiele gibt, ganze Studiengänge einzustampfen. Wenn es darum geht, einen vollständigen Medizin-Studiengang in Halle-Wittenberg zu erhalten, hat die Universität die volle Unterstützung der Bundesärztekammer.

Was befürchten Sie anderenfalls?

Montgomery: Bis ein Arzt fertig ausgebildet ist, dauert es zwölf bis 15 Jahre. Das heißt, wenn jetzt nicht investiert wird, wird man in zehn, zwölf Jahren ein Riesenproblem mit der medizinischen Versorgung der Bevölkerung haben. Sparprogramme bringen kurzfristig Gewinn, langfristig sind sie eine große Gefahr für die Bevölkerung.

Alle Krankenhäuser rechnen ihre Leistungen zu einem jeweils landeseinheitlichen Preisniveau ab. Welchen Anteil haben diese Fallpauschalen an der finanziellen Situation der Universitätskliniken?

Montgomery: Die Fallpauschalen berücksichtigen nicht, dass die Kostenstruktur einer Universitätsklinik eine völlig andere ist, als die einer kleinen Spezialklinik oder aber einer Klinik auf dem flachen Land mit Regelversorgung. Hier ist eine bessere Differenzierung gefragt, damit Uniklinika wirtschaftlich erhalten bleiben können. Das gilt übrigens ähnlich auch für Kliniken auf dem Land, die einfach benötigt werden, um die nötige Versorgung aufrecht zu halten.

Wie könnte das in Zukunft gestaltet werden?

Montgomery: Zum Beispiel durch Zuschläge auf alle Behandlungen in allen Krankenhäusern, die dann aber ausschließlich diesen Kliniken zur Verfügung gestellt werden. Oder aber durch direkte Zuschläge zu den Fallpauschalen beispielsweise für besonders komplexe Operationen, die nur in einer Uni-Klinik durchgeführt werden können.

In Berlin laufen gerade Koalitionsverhandlungen. Dabei ist viel vom Abbau einer Zwei-Klassen-Medizin die Rede.

Montgomery: Das ist so ein Schlagwort. Ich behaupte, die Menschen in Deutschland, wissen eigentlich nicht genau, was eine Zwei-Klassen-Medizin ist. Sie drückt sich bei uns vielleicht im Komfort und bei Wartezeiten auf Wunsch-Termine beim Facharzt aus. In anderen Ländern, die staatliche - sprich steuerfinanzierte - oder völlig privatwirtschaftliche Versicherungssysteme haben, also Schweden und Großbritannien auf der einen und die USA auf der anderen Seite, gibt es überhaupt keinen Zugang zu hoch qualifizierter Versorgung oder aber endlos lange Wartezeiten.

Aber nun steht der Vorschlag im Raum, dass sich gesetzlich Versicherte, die nicht innerhalb von vier Wochen einen Termin beim Facharzt bekommen, auf Kosten der niedergelassenen Ärzte im Krankenhaus behandeln lassen können.

Montgomery: Das ist klassischer Populismus. Wenn ein Patient wirklich krank ist und das seinem Arzt auch vermittelt, wird er sehr schnell einen Termin bekommen. Übrigens 80 Prozent der Patienten haben bei einer Befragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gesagt, sie hätten überhaupt keine Probleme mit Terminen. Wenn ein Patient aber nicht schwer krank ist und warten kann - ich denke zum Beispiel an den Überweisungsschein für ein Haut-Screening - macht es überhaupt keinen Sinn, diesen „Leichtkranken“ nach vier Wochen ins Krankenhaus zu schicken. Das ist ja eher eine Hochleistungseinrichtung für stationäre Fälle.

Vermutlich würde das die Krankenhäuser auch überfordern.

Montgomery: Im Moment klagen wir über einen Mangel an Ärzten und Pflegepersonal in den Krankenhäusern - es gibt 5 000 bis 6 000 nicht besetzbare Arztstellen. Da macht es doch keinen Sinn, noch mehr Arbeit ins Krankenhaus hinein zu holen. Damit dient man auch den Menschen nicht. Vielmehr sollte die Frage diskutiert werden, warum gibt es so lange Wartezeiten auf Termine?

Und warum?

Montgomery: Weil Arztpraxen offensichtlich überlaufen sind, alle wollen dann immer nur zu dem vermeintlich Besten. Aber daneben gilt es, die Ärzte in den Praxen zu entlasten. Dann gibt es auch schneller Termine.

Was heißt entlasten?

Montgomery: Möglich wäre es zum Beispiel, einiges an Arbeit zu delegieren - zum Beispiel an eine Gemeindeschwester. Des Weiteren könnten mehr Ärzte in der niedergelassenen Versorgung zugelassen werden, das heißt es müssen Bedarfsplanungen überdacht werden. Es sollte überlegt werden, ob es zum Beispiel auf dem flachen Land, da wo die Ärzte unwahrscheinlich viel behandeln müssen, durch Teilzeitmodelle und ähnliches möglich gemacht wird, Ärzte zu beschäftigen, die heute noch gar nicht arbeiten, weil sie nicht voll arbeiten können. Und das heißt auch, dass man die Vergütung so gestaltet, dass sie für die Ärzte interessant ist. Heute erhält der Arzt pro Patient und Quartal eine Pauschale - unabhängig davon, wie oft der Patient kommen muss. Hier stimmen die ökonomischen Anreize nicht.

Ökonomischen Anreiz bieten aber die umstrittenen individuellen Gesundheitsleitungen, auch Igel-Leistungen genannt.

Montgomery: Also, wir sind als Kammer nicht glücklich über die Igel-Leistungen. Aber sie sind der Ausdruck von Leistungsverweigerung der Krankenkassen. Die Bundesärztekammer hat übrigens einen ausführlichen Igel-Ratgeber herausgegeben - da wird auch vor unnötigen Leistungen gewarnt.

Noch eimal zurück zur Versorgung in ländlichen Regionen. Bisher müssen in Medizinischen Versorgungszentren Ärzte verschiedener Fachrichtungen arbeiten. Diskutiert wird jetzt, auch solche Zentren zuzulassen, in denen ausschließlich Hausärzte arbeiten. Wäre das speziell für die Versorgung in ländlichen Regionen ein Modell?

Montgomery: Ja. Ich glaube, dass wir da in Zukunft sehr viele verschiedene Mischmodelle haben werden. Die Idee des einzelnen Arztes als Einzelkämpfer ist überholt. Gerade auf dem Land. Wir werden zunehmend zu größeren Strukturen kommen, weil man sich dann besser gegenseitig vertreten, Nacht- und Bereitschaftsdienste auf mehrere Schultern verteilen und auch sonst besser kooperieren kann. Im Übrigen gilt: Überall da, wo Mangel herrscht, darf nicht auf Prinzipien beharrt werden, sondern muss der Mangel abgestellt werden.

Ärzte sind in der letzten Zeit immer mal wieder ins Gerede gekommen. Stichwort Korruption. Das Antikorruptionsgesetz ist vor der Bundestagswahl nicht mehr zustande gekommen. Wenn es einen neuen Anlauf gibt - was sollte darin stehen?

Montgomery: Die Gesetzgebung hat ja versucht eine Lösung innerhalb des Sozialgesetzbuches zu finden. Die hätte dann nur niedergelassene Kassenärzte betroffen. Das hätten wir sogar akzeptiert. Glücklich waren wir damit nicht. Wir wollen eine härtere Regelung durch das Strafrecht. Eine ganz klare, transparente Regelung, die sowohl die Straftaten klar benennt und abgrenzt, aber auch den Personenkreis. Und das sind nicht nur Ärzte in Praxen. Da sind auch viele andere betroffen, zum Beispiel Mitarbeiter von Krankenkassen und Anbieter im Gesundheitswesen. Für sie alle muss ein einheitliches Strafgesetz her. Fast 100 Prozent aller Ärzte leisten eine tolle Arbeit, sind hochmotiviert, sind absolut ehrlich. Und wir haben es einfach satt, dass unser Ruf andauernd von den paar wenigen schwarzen Schafen beschmutzt wird.