Ewald Heinrich von Kleist Ewald Heinrich von Kleist: Vermächtnis des Widerständlers
BERLIN/MZ/MDC. - Der alte Mann will nicht reden, weder offiziell noch inoffiziell. Diesen Unterschied, sagt Ewald Heinrich von Kleist, den kenne er gar nicht - und beendet das kurze Telefonat. Der 88-Jährige sei einer "ohne Halbheiten und Schiefheiten", hat der ehemalige General Gerd Schmückle mal gesagt. Morgen wird er beim dritten öffentlichen Gelöbnis vorm Reichstag zu den Rekruten sprechen.
Als erster sprach 2008 Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) zu den Soldaten. Mit der Autorität seiner Biografie erinnerte der ehemalige Wehrmachtssoldat an den Nationalsozialismus, betonte: "Auch wir Deutsche bleiben verführbar." Er versicherte aber zugleich: "Ihr könnte Euch darauf verlassen: Dieser Staat wird Euch nicht missbrauchen." Wohlgemerkt: dieser Staat. Schließlich hat er die Weimarer Republik ebenso kennen gelernt wie das Hitler-Reich, (indirekt) die DDR und als prägende Gestalt die Bundesrepublik Deutschland.
Im vorigen Jahr trat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vor die Soldaten. Sie rühmte die Wehrpflicht. Diese sei eine "wichtige Klammer zwischen Gesellschaft und Streitkräften". Der Dienst in der Bundeswehr zeige überdies, dass "Freiheit nicht zum Nulltarif, ohne verantwortungsvolles Engagement aller Bürger" zu haben sei. Ja, die Wehrpflicht sei inzwischen ein "Markenzeichen unserer Streitkräfte, um die wir auch international beneidet werden", so Merkel. Jetzt, ein Jahr später, spricht vieles dafür, dass die Wehrpflicht sehr bald ausgesetzt wird - unter ihrer Ägide.
Ewald Heinrich von Kleist, nur dreieinhalb Jahre jünger als Schmidt und mit ähnlichen historischen Erfahrungen ausgestattet, dürfte dort fortfahren, wo der Altkanzler aufgehört hat - dies allerdings womöglich mit noch größerer persönlicher Eindringlichkeit. Der auf Gut Schmenzin in Pommern geborene Adlige zählte nämlich ebenso wie sein Vater, der am 19. April 1945 hingerichtet wurde, zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Er diente zunächst als Soldat an der Ostfront, saß nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 in diversen Konzentrationslagern, kam wegen Mangels an Beweisen jedoch frei und rief 1962 die Münchner "Wehrkundetagung" ins Leben. Heute heißt sie "Sicherheitskonferenz". Ihr Ziel besteht nicht zuletzt darin, Deutschland international so zu integrieren, dass furchtbare Alleingänge wie der zwischen 1933 bis 1945 weniger wahrscheinlich werden.
Was Ewald Heinrich von Kleist am Dienstag sagen wird, darüber schweigt er. Doch schon 2007 ließ er mit Blick auf den 20. Juli 1944 wissen: "Der Versuch, Millionen von Menschen das Leben zu retten, das war es wert." FOTO: ARCHIV