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DDR-Rückblick DDR-Rückblick: Es war nicht alles

Von STEFFEN KÖNAU 14.08.2009, 13:54
In Zeitz, 2009. (FOTO: CORINA WUJTSCHIK)
In Zeitz, 2009. (FOTO: CORINA WUJTSCHIK) CARDO

HALLE/MZ. - Es ist der Ketchup, der am meistenfehlt. "Meine Oma hat den so genial gemacht",schwärmt Christian Vetter noch 20 Jahre nachdem Mauerfall. Der überspülte das Gebiet derehemaligen DDR mit einer himmelhohen Welleaus echter Tomatensauce. Doch Christian Vetterhat noch immer ausgerechnet den Geschmackder selbstgemachten Soße auf der Zunge. 29ist er, arbeitet beim ADAC und denkt normalerweisenur noch selten an die DDR, die das Land seinerKindheit war. Manchmal aber überkommt ihndiese Sehnsucht nach dem Eigenbau-Ketchupvon damals so heftig, dass Vetter, sonst eherder Typ für den schnellen Bissen im Restaurant,sich sein Ketchup sogar selber kochen würde."Leider weiß Oma das Rezept nicht mehr."

Wo statt der Rezepte nur noch Erinnerungensind, ist die Entscheidung darüber einfach,was gut war und was schlecht in und an derDDR. Die Kinder waren betreut, alle hattenArbeit und die Leute halfen einander, so klingendie Grundakkorde, zu denen einer Umfrage zufolgefast die Hälfte der Ostdeutschen heute einvon überwiegend positiven Erinnerungen komponiertesHohelied des real existierenden Sozialismussingt.

So leicht aber ist es nicht immer, denn eswar ja nicht alles und ist seitdem vorbeiund vergangen. Vieles ist bis heute noch -in den Städten und in den Menschen. Wenn ChristianVetter zur Arbeit fährt, kommt er an Häusernvorbei, die in der DDR "Neubaublocks" hießen,auch wenn sie 30 Jahre alt waren. Das WortNeubaublock ist fort, vertrieben vom "Plattenbau".Anderes aber ist geblieben. "Diese alte monumentaleDDR-Kunst etwa, die immer noch an ein paarFassaden klebt", sagt Christian Vetter, "daguckt man und sofort ist der Gedanke an dieDDR wieder da."

Der Gedanke, den Mandy Wachtel stets zuerstan zu Hause" erinnert. 14 war sie, als dasSED-Regime zusammenbrach, das ihren Bruderaus der Familie hatte zwangsweise wegadoptierenlassen. "Die DDR hat mich geprägt, meine Kindheitbestimmt", erzählt die ehemalige Köthenerin,die in Mecklenburg lebt und bei einer Internetfirmaarbeitet. Denke sie an das Land ihrer Kindheit,sehe sie trotz der schlimmen Erfahrungen ihrerFamilie nicht Kampfgruppenparaden und Pionieraufmärschevor sich. "Sondern unser altes Haus, in demich mit meiner Oma wohnte." Das existiertfort in ihrem Kopf, nicht in der richtigenWelt. Als sie das letzte Mal dort gewesensei, im kleinen Köthen, habe sie vergebensversucht, sich zu erinnern, wie früher allesaussah. "Es hat sich soviel getan, mir kamalles seltsam fremd vor."

Wie ein anderer Planet, auf den man sich nichtzurückwünschen kann, selbst wenn man ihm wieder Hallenser Sven Moelke zugesteht, "dasses eine Alternative zu der Gesellschaft war,in der wir jetzt leben". Moelke, der den Zusammenbruchaller Gewissheiten als Thälmann-Pionier erlebte,hat sich sein DDR-Bild später aus "Selbsterlebtemund Überliefertem zusammengepuzzelt". Heuteist er überzeugt: So wie damals nicht allesschlecht gewesen sein könne, ist heute nichtalles gut. Die verschwundene DDR spukt inihren Kindern, die sie wiedererkennen, wosie Schatten von ähnlicher Form sehen. "Heuteerinnert mich die Subventionierung großerKonzerne und Banken an das Versagen einesGesellschafts- und Wirtschaftsmodells", sagtder Theatertechniker.

Für Ilko-Sascha Kowalczuk hält das allerdingssowenig für eine zulässige Parallele wie "gut"oder "schlecht" für nützliche Fragen. "MeineKategorien lauten frei oder unfrei", sagtder 42-jährige Historiker, der zu DDR-Zeitenals Pförtner arbeitete, erst nach der Wendestudieren konnte und mit dem Buch "Endspiel"eben eine minutiöse Beschreibung der letztenMonaten der DDR vorgelegt hat. Richtige Fragengeben sich selbst die Antwort: "Wer will bestreiten,dass die DDR ein extrem unfreies Gebilde darstellte?"Als die Mauer fiel, war das für Kowalczukdennoch kein Moment des Triumphes, sonderneiner des Aufatmens. Er hält bis heute an."Ich bin unendlich froh, dass es die DDR nichtmehr gibt."

Vom System selbst ist nichts mehr übrig. Dieletzten gläubigen Verfechter des vermeintlichbesseren Deutschland haben sich in obskureInternetforen zurückgezogen, in denen sieVor- und Nachteile der Planwirtschaft diskutieren.Vor 1989 wäre allein der Gedanke, die Planwirtschaftkönne auch Nachteile haben, strafwürdig gewesen.Heute gilt das Scheitern der DDR als Betriebsunfall.Gut gedacht, falsch gemacht! Die Realitätgeht, die Sehnsucht bleibt, wenn Freiheiterst selbstverständlich scheint, konstatiertKowalczuk: "Viele Menschen wissen den Wertder Freiheit nicht zu schätzen, träumen vonGleichheitsutopien und glauben, Geschichtekönnte einen Endpunkt haben."

Hat sie nicht, da ist Rüdiger Thieme ziemlichsicher. "Alles geht immer weiter", sagt der44-Jährige, "und der kleine Mann ist immerder Gekniffene." Längst sei der Anpassungsdruckin seinem Job als Kraftfahrer wieder "mindestensso groß wie früher", nur die Gründe seienandere. "Früher hieß es, wer muckt, kriegtDresche, heute gilt, wer muckt, der fliegt."Der Unterschied: "Wir haben alle gelernt,zu überleben." Damals in der DDR habe manihn wegen seiner großen Klappe auf dem Kiekergehabt, er aber habe genau wie seine Chefsimmer gewusst: "Wenns mir zu bunt wird, binich weg". Heute hingegen gebe es kein Land,in das man ausreisen können. "Aber zum Glückbin ich älter und ruhiger und muss mir selbstnichts mehr beweisen. "Ich kann den Mund halten,ohne mich zu verbiegen".

Man bekomme den Mann aus dem Land heraus,aber nicht das Land aus dem Mann, sang derzu DDR-Zeiten gemaßregelte Liedermacher GerhardGundermann. Christiane Kühr, die aus Merseburgstammt und seit Ende der 90er Jahre in Bayernlebt, würde das auch als Frau sofort unterschreiben."Ich fühle mich im Westen daheim", sagt sie,"aber ein Westler bin ich deshalb nicht."Die Erfahrungen aus ihren 27 DDR-Jahren hatdie Mitarbeiterin eines Ingenieurbüros "wieeinen Rucksack immer dabei". Kein unbedingtlästiges Gepäck, wie sie findet: "Ich kenneviele Muster im Verhalten von Menschen vondamals und ich erkenne sie heute wieder."

Das geht auch dem aus Eisleben stammendenMusiker Thomas Schoppe so. Erinnere er sichan die DDR, dann an "eine sich selbst in denRuin stürzende Gesellschaft voller Lügen",sagt der Sänger der von den Kulturaufsehernverbotenen Band Renft. Christiane Kühr wähltweniger drastische Worte, um Ähnlichkeitenzum neuen Deutschland zu beschreiben: "DieSprache der Politik in Phrasen erstarrt, derKalender voller Rituale und im Fernsehen wirdheile Welt gespielt." Lebendige Schatten,die in den Farben der DDR schimmern. Bei Freundenund Kollegen in Nürnberg freilich komme ihreDiagnose "einfach nicht an", hat sie bemerkt.Um das, was unter anderen Bedingungen ähnlichfunktioniere, zu erkennen, müsse man wohlerlebt haben, wie es sich lebte in der DDR."Wer nur darüber gelesen hat, kann nicht mitreden."

Thomas Schoppe nickt. "Die Vielfalt der Meinungenschafft nur ein scheinbar objektives Bild",hat der 64-Jährige in seinen drei JahrzehntenDDR, 14 Jahren BRD und 20 Jahren im vereinigtenDeutschland bemerkt. "Es gibt heute jede MengeLeute, die sich ein Urteil über die DDR anmaßen,obwohl sie nie in dem System leben mussten",sagt er, "und nur wenige, die den Mut haben,zur Beseitigung gesellschaftlich verordneterVerdummung im Westen aufzurufen."

Umso mehr "nervt es einfach, wenn mir solcheLeute erklären wollen, wie mein Leben in derDDR war", sagt Matthias Gärtner. Der 37-Jährigesaß früher für die PDS im Landtag von Sachsen-Anhaltund leistet heute als Mitarbeiter der Linken-Fraktionim Landtag Niedersachsen Aufbauhilfe West.Wo Gleichaltrige in Speyer und Siegen an dieBarbiepuppen und Playmobil-Figuren ihrer Kindheitdenken, fallen dem 37-Jährigen "Intershop,Urlaub im FDGB-Heim, die furchtbare chemiegetränkteLuft in Bitterfeld und Brötchen für fünf Pfennig"als Synonym für früher ein. Mandy Wachteldagegen denkt an "weniger Arbeitslose undweniger Gewalt" und ihre gelegentlichen DDR-Déjà-vus:"Manchmal lässt mich der Duft einer Schokoladeinnehalten". Auch Lieder versetzten sie zuweilenzurück in die Zeit, als Musik mehr war alseine Fahrstuhltapete aus Tönen. Das geht Thiemeund Moelke genauso. "Manche Stücke berührennoch, andere klingen hohl und leer", sagtRüdiger Thieme. "Aber das meiste schmecktauch nicht mehr so wie früher", zuckt MandyWachtel die Achseln.

Die DDR liefert den Menschen, die in ihr lebten,manchmal Grund zum Schenkelklatschen, manchmalaber auch Gelegenheit, an der Gegenwart zuzweifeln. Es war nicht alles, einiges istimmer noch. "Der Umgangston auf Ämtern oderin Restaurants etwa", sagt Heidi Bohley, dievor der Wende zu den Köpfen der Oppositionin Halle gehörte, "ist bis heute relativ häufigDDR". Neulich sei ihr untersagt worden, sicheine Speisekarte selbst zu holen - die werdegebracht, Punkt! Ein Erziehungsrelikt ausden volkseigenen Restaurants, in denen derGast platziert wurde. Immer an der Hand genommen,fürsorglich betreut, solange er freiwilligfolgte. Und handfest auf Reihe gebracht, sobalder vom rechten Wege abwich.

Ein Leben wie in einem Wartesaal, über dem"dieses Gefühl der Vergeblichkeit", schwebte,"dass die Zeit still steht und sich nie etwasändern wird", wie es Heidi Bohley beschreibt.Sie habe in der Gewissheit gelebt, "dass dieDummen die Macht haben, die Intelligentenzu zwingen, so zu tun, als ob sie nichts merkenvom gesellschaftlichen Stillstand". Vor ihremHaus in der halleschen Innenstadt aber habesich der Dreck unübersehbar auf den Straßengetürmt. "Wenn ich rausging, musste ich erstmalan Müllhaufen vorbei." Die Erinnerung magda golden malen, soviel sie will. Das "Graue,Vergammelte, die Gleichgültigkeit, die Trostlosigkeitder Sprüche und Schaufenster, das war dieWirklichkeit", ist die 57-Jährige sicher.

Wie die hallesche Bürgerrechtlerin, die 1984Berufsverbot erhielt, hat auch Sachsen-AnhaltsMinisterpräsident Wolfgang Böhmer den größtenTeil seines Lebens in der DDR verbracht. "Daswaren 40 Jahre meines Lebens, die mich geprägthaben", sagt der gebürtige Sachse, der von1974 an als Chefarzt in einem WittenbergerKrankenhaus arbeitete. Denkt Böhmer heutezurück, verurteilt er nicht. Aber auch ererinnert vor allem "die vorsorgliche Reglementierungaller Lebensbereiche, wobei möglichst nichtsdem Zufall überlassen bleiben sollte". Dassdie DDR für andere dennoch anders gewesensein könnte, ist Böhmer klar. "Erinnern istimmer subjektiv. Ich würde es keinem Betroffenenabnehmen, der von sich behauptet, in dieserFrage objektiv zu sein."

Darum gehe es aber gar nicht, glaubt ChristianVetter. "Sicher kennen externe Experten mehrFakten - aber wenn man nie Trabbi gefahrenist oder in der Bananenschlange gestandenhat, ist alles Wissen Theorie." Gut oder schlecht,vergangen oder immer noch da - intellektuellkönne die DDR begriffen werden, verstandenaber? Heidi Bohley winkt ab: "Wie soll manjemandem erklären, dass es existentiellenMut brauchte, sich stumm mit einer brennendenKerze auf den Marktplatz zu stellen?"