Interview mit Peter Urban Interview mit Peter Urban: "Die Leute erkennen mich an der Stimme"

Es ist die größte Musikshow der Welt: Der Eurovision Song Contest, der dieses Jahr in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen ausgetragen wird. Die ARD überträgt das Gesangsspektakel am 10.5. ab 21 Uhr, bereits ab 20.15 Uhr stimmt die Show „Countdown für Kopenhagen“ live von der Reeperbahn in Hamburg auf den Wettbewerb ein. Nach dem Flop der Gruppe „Cascada“ im Vorjahr (Platz 21) tritt für Deutschland diesmal das Trio „Elaiza“ an: Mit ihrem Song „Is It Right“ haben sich die Berliner Musikerinnen beim Vorentscheid gegen namhafte Konkurrenz wie die Band „Unheilig“ durchgesetzt.
Das Wettsingen der Nationen wird wie gewohnt von Peter Urban kommentiert, der legendären Stimme des ESC: Der Musikjournalist führt seit 1997 durch die ARD-Übertragungen des Liederwettbewerbs. Urban kam 1948 in der Nähe von Osnabrück zur Welt und entdeckte schon früh seine Leidenschaft für Musik. Der studierte Anglist, der über „Die Poesie des Rock“ promoviert hat, spielt Piano und Orgel und nahm einige Platten auf. Ab Mitte der 70er Jahre arbeitete Urban für den Norddeutschen Rundfunk, wo er als Musikredakteur große Popularität erlangte. Mittlerweile ist der 66-Jährige pensioniert und arbeitet freiberuflich. Peter Urban ist verheiratet und hat zwei Kinder, die Familie lebt in Hamburg.
Herr Urban, beim „Eurovision Song Contest“ gibt es diesmal ein Jubiläum: Vor 40 Jahren gewann die Band Abba mit „Waterloo“ den Wettbewerb. Haben Sie an jenem Abend 1974 auch zugeschaut?
Urban: Ich kann mich nicht erinnern, ob ich an diesem Abend vor dem Fernseher saß. Ich habe mich in den 60ern sehr für den Wettbewerb interessiert, Udo Jürgens oder Sandie Shaw fand ich toll. In den 70er Jahren hatte ich dann weniger Interesse, denn da gab es oft Gewinner, die auf der Schlagerseite angesiedelt waren. Aber natürlich wusste ich, wer Abba ist (lacht).
Welche Chancen hat dieses Jahr der deutsche Beitrag, das Lied „Is It Right“ vom Berliner Trio Elaiza?
Urban: Ich habe das Gefühl, dass dieser Song unheimlich gut abschneiden müsste. Er ist so eingängig, so sympathisch, kommt so natürlich rüber mit seinem folkloristischen Touch – eigentlich müsste ganz Europa diesen Titel lieben. Wenn er doch nicht so gut abschneidet, kann das nur daran liegen, dass die Menschen in Europa eben doch unterschiedliche Musikvorlieben haben, und wir nicht auf einem gemeinsamen Nenner sind.
Klingt, als seien Sie zufrieden mit dieser Auswahl…
Urban: Ja, sehr. Der Song ist gut, ich möchte fast sagen: Weltklasse. Dazu kommt diese Geschichte von David und Goliath. Das Trio war ja vorher ganz unbekannt, setzte sich dann beim Vorentscheid gegen prominente Konkurrenz durch, das ist eine ganz tolle Story.
Die Frontfrau von „Elaiza“ hat einen ukrainischen Vater, und alle Welt blickt auf die Punktevergabe zwischen der Ukraine und Russland. Wird es der politischste ESC seit langem?
Urban: Früher gab es ja immer kritiklose Zustimmung zwischen diesen beiden Ländern – der Beitrag aus Russland bekam viele Punkte aus der Ukraine und umgekehrt. Russland bekam eigentlich immer aus allen Ecken des ehemaligen Sowjetreiches Punkte. Ob sich das jetzt durch Putins Politik ins Gegenteil verkehrt, weiß ich nicht. Ich bin gespannt.
Werden Sie in der Show auf die politische Situation eingehen?
Urban: Ich glaube, wir müssen da keine Rücksichten nehmen. Die Politik Russlands ist ja momentan auch nicht besonders sensibel, und da kann ich mir auch ein paar deutliche Worte erlauben. Aber die Frage wird natürlich sein: Ist das Voting aus Russland, der Ukraine oder anderen Ländern politisch zu interpretieren, oder spielt doch die Schwäche oder Stärke eines Songs eine Rolle? Das wird schwierig.
Muss sich der Zuschauer dieses Jahr auf viele Krisenballaden aus allen Ecken Europas oder eher auf seichte Popsongs einstellen?
Urban: Es gibt beides. Eine Theorie besagt ja, dass die Leute in der Krise nicht auch noch Lieder über die Probleme in ihrem Heimatland hören wollen. Allerdings haben Lieder aus Griechenland in den letzten Jahren oft einen gewissen Durchhaltewillen demonstriert, Tenor: Jetzt erst recht – wir halten zusammen. Auch das diesjährige Lied hat so eine Botschaft, und das finde ich supersympathisch. Es gibt diesmal sehr nachdenkliche Songs, zum Beispiel ein Lied aus Ungarn gegen Gewalt gegen Kinder, oder einen sehr ernsthaften Song aus Malta, der den Frieden in der Welt zum Thema hat, aufgehängt an 100 Jahre Erster Weltkrieg. Aber es gibt auch Songs, die einfach nur lustig sind.
Stichwort lustig: Was halten Sie von Conchita Wurst, die für Österreich antritt?
Urban: Wenn man sie so sieht, denkt man, das ist nur Klamauk: Ein Transvestit, der in Frauenkleidern rumläuft und Bart trägt. Aber der Song ist gut, eine Popballade wie aus einem James-Bond-Film, und sie singt den ganz anständig in einer sehr hohen Stimme. Wenn man die Augen zumacht, dann ist das gar nicht so schlecht. (lacht)
Es gibt ja immer wieder Kritik an der musikalischen Qualität des Schlagerwettbewerbs. Wie ordnen Sie das Niveau dessen ein, was da Jahr für Jahr vor einem Millionenpublikum geboten wird?
Urban: Vor allem würde ich das Wort Schlagerwettbewerb ablehnen, das hat so eine leicht unseriöse und altmodische Anmutung. Der Song Contest ist einfach ein Popmusikwettbewerb, und ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass das musikalisch total untauglich wäre. Es gibt immer wieder Songs, die wirklich schön und interessant sind. Die Gewinnersongs der letzten Jahre waren europaweit erfolgreich. Ich finde es auch gut, dass man durch den Wettbewerb Dinge wie zum Beispiel serbische Lieder kennenlernt, die man sonst nie zu Gehör kriegt.
Mag sein – aber muss das aufwendige Getue mit Glitzer und Kostümen wirklich sein?
Urban: Es stimmt, eine Zeitlang wollten sich alle mit den Kostümen, dem Glamour, den Choreographien und dem übrigen Brimborium gegenseitig überbieten, das drängte die Musik in den Hintergrund. Es ist aber inzwischen ein bisschen besser geworden, im Moment geht die Bewegung in eine andere Richtung. Es gibt in diesem Jahr kaum diese typischen Euro-Dance-Songs mit stampfendem Rhythmus, hymnischer Melodie und spektakulärem Kostüm, aber dafür einige zeitgemäße Folkrocksongs mit akustischer Gitarre.
Sie moderieren den ESC seit 1997. Wird Ihre unverwechselbare Stimme eigentlich erkannt, wenn Sie irgendwo Brötchen kaufen?
Urban: Ja, es ist frappierend. Ich lebe in Hamburg, mache seit vielen Radiosendungen mit anspruchsvoller Musik, hier kennen mich die Leute sowieso. Aber auch wenn ich in Berlin, Köln oder München bin, erkennen mich die Leute an der Stimme und wollen plötzlich ein Foto mit mir. Das ist schmeichelhaft, aber immer wieder überraschend, schließlich mache ich den Song Contest ja nur einmal im Jahr.
Wie lange wollen Sie sich den ESC noch antun? Als Radioredakteur sind Sie ja seit einigen Monaten im Ruhestand.
Urban: Ich sehe da momentan keine Grenze. Ich habe sehr viel Spaß daran und glaube, dass viele Leute mögen, was ich da mache.